Ausstellung im Rathaus von Stephanskirchen zeigt 200 Jahre Vereinsgeschichte

Vereine und Verbände im Wandel

von Redaktion

„Wenn drei Deutsche zusammentreffen, gründen sie einen Verein“, lautet ein Sprichwort. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens waren und sind Vereine unverzichtbar. Die Geschichte der Vereine in der Gemeine Stephanskirchen ist derzeit Thema einer Ausstellung im Rathaus in Schloßberg, die noch bis 30. November zu sehen ist.

Stephanskirchen – Anlass für die Ausstellung ist das Buchprojekt „Vereine und Verbände“ als Teil der Gemeindechronik. Der erste Teilband wurde 2008 herausgegeben, der zweite erscheint im Dezember 2017.

Die Gemeinde Stephanskirchen ist reich an ehrenamtlichem Engagement. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich hier eine vielfältige Vereinsstruktur entwickelt. Entsprechend der Lage der Gemeinde gibt es sowohl Verbände, die eher in städtischen Siedlungen anzutreffen sind, als auch traditionelle Gruppen, die für ein ländlich geprägtes Vereinsleben stehen.

Die Geschichte des organisierten Vereinswesens beginnt im 19. Jahrhundert. Die allgemeine Vereinsfreiheit wurde in Bayern 1850 gesetzlich geregelt. Auf dem Land waren Veteranenvereine und freiwillige Feuerwehren die ersten organisierten Verbände. Schon 1819 wurde die Krieger- und Soldatenkameradschaft Stephanskirchen gegründet, 1875 der Veteranenverein Schloßberg. Die Feuerwehren in Stephanskirchen und Schloßberg entstanden fast gleichzeitig 1874 und 1875.

Die Gründerzeit ab den 1870er Jahren gilt als Blütezeit des Vereinslebens. Um 1900 gab es schon sieben Schützengesellschaften in der Gemeinde, später waren es zehn. 1893 wurde im Dorf Stephanskirchen ein Trachtenverein gegründet. In Schloßberg entstanden ein Männergesangverein, ein Radfahrer- und ein Verschönerungsverein. Der 1886 gegründete Kirchenbauverein Schloßberg ermöglichte den Bau der neuen Kirche 1895/96. Die ersten Verbände, die einem sozialen Zweck dienten, waren zwei Krankenunterstützungsvereine, die von Arbeitern der Fabrik auf dem Ziegelberg gegründet wurden.

15 Gaststätten gab es in der Gemeinde

Mittelpunkte des Vereinslebens waren um 1900 die gut 15 Gaststätten in der Gemeinde. Zu den Aktivitäten vieler Vereine zählten neben den Zusammenkünften im Vereinslokal Faschingsfeste, Weihnachtsfeiern und Ausflüge in die nähere Umgebung. Noch waren die Vereine damals reine Männergesellschaften.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs endete das rege Vereinsleben. Trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage waren die 1920er-Jahre von einem regen Vereinsleben geprägt. Allein im Jahr 1925 feierten vier Vereine aus der Gemeinde Stephanskirchen eine Fahnenweihe. Als erste reine Frauenvereine entstanden die Katholischen Müttervereine Stephanskirchen und Schloßberg. Weil in den 1920er-Jahren die Sommerfrische am Simssee einen Aufschwung erlebte, kam es 1927 zur Gründung eines Verkehrsvereins.

Die Nationalsozialisten strebten mit ihrer Machtergreifung 1933 eine Neuordnung des Vereinswesens an. Viele kleinere Vereine wurden oft auf politischen Druck hin zu größeren Einheiten zusammengefasst. Gleichzeitig kam es zur Zurückdrängung und zu Verboten von katholischen Verbänden. So musste beispielsweise der Katholische Burschenverein 1935 aufgelöst werden.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner im Mai 1945 wurden alle Vereine verboten. Die Wiederaufnahme des Vereinslebens war zunächst nur mit Lizenz der Besatzungsmacht möglich. Ab Mai 1947 mussten Vereinsversammlungen nicht mehr von der Militärregierung genehmigt werden.

Schon Anfang der 1950er Jahre war wieder ein aktives Vereinsleben zu verzeichnen. Die Bevölkerung hatte nach den Kriegsjahren einen großen Nachholbedarf an geselligen Veranstaltungen. Ein Höhepunkt war das Gaufest des Inngau-Trachtenverbands in Schloßberg im Juli 1950. 12000 Zuschauer säumten die Straßen, um den farbenfrohen Festzug zu sehen. Bereits 1947 formierte sich der Sportverein Schloßberg-Stephanskirchen, bald der größte Verein der Gemeinde.

Nach der Hochphase der 1950er-Jahre machten sich in den 1960er-Jahren Veränderungen bemerkbar. Viele Gasthäuser wurden geschlossen, traditionsreiche Veranstaltungen wie der Leonhardiritt in Leonhardspfunzen oder das Seefest am Simssee wurden zeitweise nicht mehr durchgeführt. Trotz aller Probleme gab es auch neue Initiativen: 1961 entstand ein Ortsverband der Bayerischen Jungbauernschaft und 1969 gründeten Haidholzner Bürger den Verein „Sozialwerk Stephanskirchen“, der eine ambulante Kranken- und Altenpflege anbot, und dem bald mehrere Hundert Mitglieder angehörten. 1970 fand wieder das Seefest statt und 1971 wurde der Leonhardiritt wieder eingeführt. Ab Ende der 1970er-Jahre blühte das kulturelle Leben mit der Gründung von Spielmannszug, Chorgemeinschaft, Musikkapelle und der Theatergruppe der Jungbauernschaft auf.

Auch wegen des Rückgangs an Gaststätten richtete die Gemeinde in den 1980er- Jahren Vereinsräume in Schloßberg und in Stephanskirchen ein. Wesentlich für das örtliche Kultur- und Vereinsleben war 1993 der Ausbau des Antretter-Saals in Stephanskirchen.

Neugründungen der 1980er und 1990er-Jahre waren beispielsweise eine Ortsgruppe des Bund Naturschutz und die „Solidargemeinschaft Simsseemarkt“. Zugleich entstanden als neue Vereinsform Fördervereine und Trägervereine sozialer Einrichtungen. Auch kommunalpolitische Anliegen wurden als Vereinsziele aktuell: 2001 entstand die Interessengemeinschaft ANTI-Nordspange und 2016 der Verein „Brennerdialog“.

Heute stellen gesellschaftliche Tendenzen wie die zunehmende Individualisierung und die sinkende Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement auch die Vereine in der Gemeinde Stephanskirchen vor Herausforderungen. In mehreren Verbänden zeigen sich zunehmend Probleme, Vorsitzende zu finden.

Insgesamt steht die Vereinsstruktur aber auf einer breiten Basis. So gibt es in der Gemeinde durch den zeitgemäßen Erhalt von Traditionen und durch neue Vereinsformen nach wie vor ein vielfältiges gesellschaftliches Leben.

Zahlen zur Vereinsgeschichte

Aktive Vereine, Verbände und fest organisierte Gruppen: 73

Mitglieder in Ortsvereinen:8400

Einwohner Stephanskirchen:10500

Der älteste Verein:

Krieger- und Soldatenkameradschaft Stephanskirchen, gegründet 1819

Die größten Vereine:

Sportverein Schloßberg-Stephanskirchen:

1475 Mitglieder

Sozialwerk Stephanskirchen: 961 Mitglieder

Jungbauernschaft Stephanskirchen und Gebirgstrachtenerhaltungsverein Simssee-Süd: beide 415 Mitglieder

Der Rekord-Vereinsvorstand:

Franz Winterholler: Der Inhaber der einstigen Pulvermühle führte 54 Jahre (von 1891 bis 1945) die Schützengesellschaft Stephanskirchen.

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