Aschau/Frasdorf – Die Hilfe aus Südostbayern für die Diözese Ternopil in der Ukraine geht weiter. Wassyl Semenjuk, Metropolit der Diözesen Ternopil, Lemberg und Iwano-Frankiwsk und Erzbischof der Diözese Ternopil, war mit Pater Volodymyr Firman und Pater Vasyl Shafran jetzt zu Gast beim Helferkreis für die Diözese Ternopil-Ukraine und berichtete den Mitgliedern des Vereins über die neuesten Entwicklungen im Westteil der Ukraine.
„Die Ukraine ist Schild und Schutz für Europa, sie schützt die Ostflanke Europas vor Russland.“ Eindringlich erzählte der Erzbischof vom alltäglichen Krieg in der Ukraine, der in Deutschland weitestgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist. „Der Krieg ist zwar rund 1000 Kilometer von uns entfernt im Osten, aber er trifft auch uns im Westen des Landes an jedem Tag. Etwa eine Million Menschen sind mittlerweile geflohen und müssen auf unserem Staatsgebiet untergebracht und versorgt werden“, berichtete der Geistliche.
Still und betroffen lauschten die Zuhörer den Erzählungen von Bischof Semenjuk und Pater Firman, der mittlerweile zwei Dutzend Einsätze als Kriegspfarrer an der Front hinter sich hat. „Der Krieg in der Ostukraine ist für Russland ein Erprobungsplatz für neueste Waffen- und Kriegstechnik, rund drei bis vier Divisionen reguläre Soldaten der russischen Armee sind als Kämpfer und Spezialisten auf der Seite der Separatisten ohne Kennzeichnung im Einsatz“, behauptete Pater Firman vor den Mitgliedern des Helferkreises.
Auch auf die Diözese Ternopil hat der Krieg unmittelbare Auswirkungen: Viele Kriegsheimkehrer sind durch das Geschehen stark traumatisiert, sie leiden an der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und finden nach dem Ende der Wehrdienstzeit nicht mehr in die geordnete Zivilgesellschaft zurück. Die Anzahl der Selbstmorde ist gegenüber der Vorkriegszeit überdurchschnittlich angestiegen, dabei sind unverhältnismäßig viele ehemalige Soldaten mit betroffen. Da der Staat keine organisierte Hilfe anbietet, nimmt die Diözese Ternopil diese PTBS-Patienten zusammen mit ihren Familien in ihren Einrichtungen auf und versucht sie über einen längeren Zeitraum durch geeignete Maßnahmen ins Zivilleben zurückzuführen. „Gerade die Einbindung und Mitbehandlung der Familien ist ganz wichtig. Sie führt dazu, dass alle Betroffenen wieder zusammengeführt werden“.
Im Sommer veranstaltete die Diözese zahlreiche Sommerlager für Kinder aus der Ostukraine. Hier sei bei vielen der jungen Gäste und ihren Lehrern ein regelrechter Kulturschock zu sehen gewesen, berichtete Bischof Semenjuk. „Sie kommen in eine andere Welt.“ Der mehr westlich geprägte Lebensstil im Westen der Ukraine sei den Kindern aus dem sowjetisch geprägten tausend Kilometer entfernten Osten aus dem Donbass weitestgehend unbekannt. Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion sei die Mehrzahl nicht getauft und habe keinen Zugang zum Christentum – weder zum russisch-orthodoxen ihrer Heimatregion noch zum ukrainisch-griechisch-katholischen Zweig der Westukraine. „Noch 100 Jahre nach dem Ende der beiden Kaiserreiche von Österreich-Ungarn und Russland bestehen in den Köpfen die ehemaligen Grenzen fort, die sich heute quer durch die Ukraine ziehen“.
Der Helferkreis stellte Bischof Vasyl Semenjuk 3000 Euro speziell für die Unterstützung der Betreuung von PTBS-Patienten und von Schüleraufenthalten zur Verfügung. Der Erlös des Weihnachtsmarktes auf der Fraueninsel soll auch heuer wieder Pater Firman für landwirtschaftliche Projekte der Diözese zur Verfügung gestellt werden. Die Rinderzucht in der ehemaligen Kolchose von Ternopil floriert. Mittlerweile ist der Stall voll und es sind 120 Rinder mit Nachzucht untergebracht. Eine weitere Stallung der ehemaligen Kolchose wurde renoviert. Die Stallung ist so groß, dass dort 180 Schweine gezüchtet werden können.
Die Bäckerei für die Zubereitung von Pelmeni – landesüblichen Maultaschen – im Ort Hnylowody floriert. Mit fünf Arbeitskräften begann der Betrieb, mittlerweile sind elf Frauen fest angestellt. Für jede der Arbeiterinnen, erklärte Pater Shafran, würden Rentenbeiträge bezahlt, was in der Ukraine nicht selbstverständlich sei.
Um die Arbeit in der Ukraine nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ weiter unterstützen zu können, sucht der Helferkreis weitere Mitglieder. Der Jahresbeitrag ist auf einen Betrag ab zwölf Euro festgelegt, 250 Euro beträgt die Übernahme einer Patenschaft für einen Seminaristen zum Priesterstudium. Nähere Informationen gibt es bei der Vorsitzenden Katharina Schmid unter der Telefonnummer 08052/5578, und bei Schriftführer Dieter Karnstädt unter der Telefonnummer 08051/2484.