Bad Endorf – Manche Ideen sind so gut, dass man sich fragt, warum man nicht schon längst darauf gekommen ist: Da nimmt man den Bewohnern eines Seniorenheimes zunächst mit viel Personaleinsatz und Planung jeden Handgriff ab, nur damit man dann die aufkommende Langeweile durch mehr oder weniger sinnvolle Beschäftigungsprogramme halbwegs in Schach hält. Wäre es da nicht viel schlauer, die Senioren gleich mehr in die eigene Versorgung miteinzubinden, so dass diese mehr mitgestalten können und das Gefühl haben, etwas wirklich Sinnvolles zu tun?
Warum diese Idee in der Betreuungslandschaft erst jetzt allmählich aufkommt, hängt wahrscheinlich mit dem Zeitgeist zusammen und daran, dass der sich nur sehr langsam ändert: Thomas Gögerl, der Leiter des Katharinenheims, erinnert sich, dass das Heim noch vor einigen Jahren einen Flyer herausgegeben hat, in dem es mit mehr Komfort warb als in einem Fünf-Sterne-Hotel geboten werde. Man ging damals offenbar davon aus, dass Menschen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, es zu schätzen wüssten, wenn sie im Alter wirklich alle Fünfe gerade sein lassen könnten. Der Haken dabei: Das, was im Hotel für begrenzte Zeit eine tolle Sache ist, kann als Dauerzustand ganz schön nerven.
Deshalb hat man im Katharinenheim schon vor etlicher Zeit angefangen, zumindest einzelne Bewohner stärker in die Alltagsarbeit des Heimes einzubinden. Pflegedienstleiterin Elisabeth Demmel fallen da zunächst die Männer ein. Da seien manche heilfroh gewesen, mit gutem Grund den Beschäftigungsangeboten fernbleiben zu können, frei nach dem Motto: „Gedächtnistraining? Bevor ich da mitmach‘, geh ich lieber dem Hausmeister helfen!“
Zwei neue Wohngruppen
Mit dem Umbau von Haus Katharina können diese Einzelmaßnahmen zum allgemeinen Programm werden: Die Umgestaltung ermöglicht die Anlage von zwei Wohngruppen für 13 beziehungsweise zehn Bewohner die dank eigener Wohnküche viel stärker in die eigene Alltagsgestaltung mit eingebunden werden können und dadurch in der Folge auch mehr Selbstbestimmung gewinnen. Dabei ist der Grad der Mitarbeit natürlich fließend und wird ständig auf die Möglichkeiten der Bewohner hin abgestimmt. Das grundsätzliche Vorbild aber ist die „WG“, die Wohngemeinschaft, eine Lebensform die mit der Zeit immer mehr Bewohnern noch aus ihrer Jugend sehr vertraut und für die meisten auch positiv besetzt sein dürfte. Der Unterschied zu damals: Wer an irgendeinem Tag nicht aus dem Bett kommt, weil er sich zu schlecht fühlt, kann einfach liegenbleiben und sich versorgen lassen. Wichtig dabei: Die medizinische und pflegerische Betreuung ist nicht ständig in den Wohngruppen präsent, sondern sie kommt nur – aber dann sofort – wenn sie benötigt wird. Auch ist sie natürlich so professionell wie in den anderen Bereichen des Hauses. So will man erreichen, dass Bewohner, deren Allgemeinbefinden sich verschlechtert, so lange wie nur irgend möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, bevor sie in andere Bereiche des Hauses wechseln müssen. Trotzdem: Das was man als Außenstehender beim Stichwort Seniorenheim oft als Klischee im Kopf hat, eine Atmosphäre wie im Krankenhaus, existiert hier nicht.
Allein diese Umgestaltung bei der Pflege lässt ahnen, dass das Wohngruppenkonzept viele Veränderungen in der Organisation des Heimes mit sich bringen wird – nicht nur die Bewohner, sondern auch das Personal betreten Neuland.
Mehr Flexibilität beim Personal notwendig
Dabei ist klar, dass die Umstrukturierung zunächst einmal vor allem Mehrarbeit bedeuten wird. Ein banales Beispiel: „Wenn ich alleine das Frühstück für 13 Leute machen muss“, so Pflegedienstleiterin Elisabeth Demmel, „geht es das vergleichsweise schnell, nach einer gewissen Zeit sitzt da jeder Handgriff. Wenn ich es mit den Leuten zusammen vorbereite, die ich unter Umständen anleiten und teilweise dabei betreuen muss, dauert es naturgemäß wesentlich länger“.
Auch Flexibilität wird gefragt sein, denn man möchte die Zeiten, in denen Betreuungspersonal in den Wohngruppen ist, soweit es geht an die Bedürfnisse der Wohngruppen anpassen. Derzeit ist an eine Präsenz bis abends um 19 Uhr gedacht. Sollte sich aber herausstellen, dass sich eine Wohngruppe als richtiges Nachtlicht entpuppt, will man sich darauf einstellen. Selbstbestimmung so weit wie möglich ist auch hier das Schlüsselwort.
Mehrarbeit und Flexibilität sind nur ein Bereich der Veränderungen für das Personal, bedeutsamer noch ist vielleicht, dass sich auch der Charakter der Arbeit ändert, dass sehr viel mehr gruppenpädagogische Fähigkeiten gefragt sein werden. Man braucht nur an den eigenen Haushalt zu denken und an das, was dort passieren kann, wenn man mit mehreren Leuten gemeinsam kochen will.
Personal musste
sich bewerben
Von daher, so Heimleiter Thomas Gögerl, habe man aus gutem Grund niemand vom Personal zur neuen Aufgabe hinbeordert, sondern die, die Interesse hatten, mussten sich von selbst darum bewerben. Der Erfolg: Alle, die an dem neuen Konzept beteiligt sein werden, scheinen begeistert von dem Abenteuer, das sie erwartet. Und selbst die, die nicht unmittelbar daran beteiligt sind, wollen in irgendeiner Weise mitmachen: So hat die Küche von sich aus angeboten, einmal im Monat in den Wohngruppen ein „Event“ auszurichten – sei es die Vorstellung neuer Kochideen oder auch gemeinsam erstellte besondere Menüs.
Vom Personal allein wird das Gelingen des Konzeptes nur zu einem Teil abhängen, wirklich entscheidend wird natürlich sein, was die Bewohner davon halten. Eine, die keinen Zweifel daran hat, dass diese begeistert sein werden, ist Bürgermeisterin Doris Laban. Sie berichtete in ihrem Grußwort, dass sie gewissermaßen zu Testzwecken ihrer Mutter von diesem Projekt erzählt hätte. Ihre Mutter, die sonst durchaus kritisch sehr engagiert die Meinung vertrete, dass man in einem Seniorenheim für das viele Geld, das man zahle, auch entsprechend rundum versorgt werden müsse, habe geantwortet: Das höre sich aber richtig gut an. „Da“, so Doris Laban, „wusste ich: Es ist auch gut.“