Bergexperte Peter Keill (72) warnt vor der Lawinengefahr

„Ich war förmlich einbetoniert“

von Redaktion

Bad Feilnbach – Peter Keill (72), Bergexperte aus Bad Feilnbach und Autor zahlreicher Bergbücher, kann nur den Kopf schütteln, wenn er am verschneiten Berg abseits aller ausgewiesenen Pisten Spuren von Ausflüglern entdeckt. Denn dass sich diese Wintersportler in Lebensgefahr begeben, weiß der ehemalige Leiter der Brannenburger Realschule, der selbst schon einmal von einer Lawine verschüttet wurde, ganz genau. Welche Vorkehrungen Tourengeher und Skifahrer vor dem Ausflug treffen sollten und wie sie im Notfall reagieren müssen, hat Keill im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen verraten.

Zwei Lawinentote aus der Region Anfang Januar, ein Lawinenabgang Mitte Februar an der Kampenwand sowie jüngst ein Lawinenunglück in den Schweizer Alpen: Wie hoch ist derzeit die Lawinengefahr?

Zurzeit herrscht in den Bayerischen und Tiroler Alpen Warnstufe 3, in Südtirol nur Warnstufe 2. Bei einiger Vorsicht und umsichtiger Routenwahl sind also Skitouren durchaus möglich.

Können Sie für Laien kurz erklären, wie Lawinen entstehen?

Es gibt Lockerschnee- und Festschneelawinen. Die Lockerschneelawinen teilt man in trockene und nasse ein. Trockene Lockerschneelawinen bestehen aus ruhig gefallenem Pulverschnee. Sie haben einen punktförmigen Anriss und eine birnenförmige Bahn. Oft werden sie von einem Tiefschneefahrer selbst ausgelöst. Sie sind aber relativ ungefährlich, weil sie aus wenig Masse und hauptsächlich aus Luft bestehen. Nasse Lockerschneelawinen haben ihren Ausgangspunkt meist hoch oben. Sie können sehr massiv sein. Ihre Bahnen sind jedoch in der Regel bekannt. Daher wurde meist durch Verbauungen und Galerien vorgebeugt.

Die für den Skifahrer gefährlichste Lawinenart ist die Schneebrettlawine. Auf der Luvseite eines Berges werden oft riesige Mengen Schnee vom Wind – bei uns meist der Westwind – aufgenommen und auf die Leeseite verfrachtet. Dabei werden die Schneekristalle zerrieben und zerbröselt. Dieser Triebschnee bildet dann auf Leehängen – bei uns meist Ost- und Nordosthänge – eine sehr dicht gepackte Schicht. Auf diesen Hängen liegt dann eine ziemlich feste Schneeplatte, eben ein Schneebrett.

Vom Boden steigt jedoch wärmere feuchte Luft auf, die an der Unterseite des Schneebretts resublimiert. Dabei entstehen neue Schneekristalle, sogenannte Becherkristalle, die sich nicht miteinander verbinden. Sie bilden das Rollenlager für das abgehende Schneebrett, die Schwimmschneeschicht.

Ein Schneebrett steht meist unter einer erheblichen Spannung. Wenn ein Skifahrer diese Spannung stört, kann sich der ganze Hang in Bewegung setzen. Wehe dem, der sich in der Falllinie dieser Schneebrettlawine befindet.

Haben Sie eine derart gefährliche Situation in den Bergen schon einemal selbst erlebt?

Ich bin selbst einmal in eine Schneebrettlawine geraten und war dann förmlich einbetoniert. Ohne fremde Hilfe wäre ich nicht herausgekommen.

Vom Skifahrer bis zum Tourengeher: Welche Vorbereitung – von der Wetterbeobachtung bis zur Ausrüstung – sollte ein Ausflügler treffen, um sich bestmöglich vor Lawinen zu schützen?

Grundsätzlich ist der Wetter- und insbesondere der Lawinenlagebericht vor allem in den Tagen vorher zu beachten. Am wichtigsten sind der Wind, die Windstärke und die Windrichtung. Zur unverzichtbaren Ausrüstung gehören ein Lawinenverschüttetensuchgerät, das sogenannte VS-Gerät, die Lawinenschaufel und eine zerlegbare Sonde. Wichtig ist auch, dass vor allem der Umgang mit dem VS-Gerät sicher vertraut ist. Das muss gründlich gelernt und geübt werden. Am besten im Rahmen von Lawinenkursen bei Alpenvereinssektionen oder Alpinschulen. Bei einem tödlichen Lawinenunfall in den Stubaiern ist ein Verschütteter umgekommen, nur weil seine Freundin nicht wusste, wie man das Gerät von Senden auf Empfang umschaltet.

Am Berg angekommen: Welche Verhaltensregeln sind jetzt entscheidend?

Bei der geringsten Unsicherheit sollte ein Schneeprofil gegraben werden, um den Schneedeckenaufbau zu prüfen. Beim geringsten Zweifel: Woanders abfahren.

Sie haben jahrzehntelange Erfahrungen in den Bergen. Hat sich Ihrer Meinung nach das Verhalten der Wintersportler verändert? Sind viele zu leichtsinnig?

Ich habe den Eindruck, dass vor allem Freerider und Variantenfahrer oft keine Ahnung haben, worauf sie sich einlassen. Man sieht das an den Tiefschneespuren. Da werden Hänge befahren, in die ich mich nie hineintrauen würde. Tourengeher sind da meist sensibler und vorsichtiger. Vermutlich weil sie in der Regel eine entsprechende Vor- und Ausbildung haben.

Als Begleiter einer Gruppe, die von einer Lawine verschüttet worden ist: Wie sollte man im Notfall reagieren?

Die 112 wählen, Hubschrauber und Rettungsmannschaft anfordern. So schnell wie möglich mit der systematischen Suche beginnen. Das muss aber eben unbedingt geübt sein. Die erste halbe Stunde ist für das Überleben eines Verschütteten entscheidend. Dann schwinden die Chancen rasant.

Interview: Mathias Weinzierl

Warndienste im Internet

Auf folgenden Internetseiten können sich Wintersportler und Interessierte über die Lawinengefahr informieren:

Bayern: www.lawinenwarndienst-bayern.de

Österreich: www.lawine.at

Südtirol: www.provinz.bz.it/ lawinen

Schweiz: www.slf.ch

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