Am Samstag, 3. März, veranstaltet die Rosenheimer Gruppe ihre „Frühlingsdemo für Europa“ ab 14 Uhr am Salinplatz. Von dort Marsch zum Max-Josefs-Platz, dort Kundgebung. Mit der Organisatorin Monika Hermann sprach die OVB-Heimatzeitung.
„Pulse of Europe“ Rosenheim? Was versteckt sich hinter dieser Formulierung?
„Pulse of Europe“ ist eine Bürgerbewegung für Europa. Wir sind eine überparteiliche, überkonfessionelle und unabhängige „Graswurzelbewegung“, also eine zivilgesellschaftliche Initiative aus der Bevölkerung. Unser Ziel ist es, den europäischen Gedanken wieder sichtbar und hörbar zu machen. Denn Europa ist nicht nur ein Kontinent oder eine Staatengemeinschaft, sondern vor allem auch ein Lebensgefühl. Die Menschen in Europa sind der „Puls Europas“.
Wann hat sich diese Bewegung gegründet, seit wann gibt es eine Gruppe in Rosenheim?
Das Ehepaar Sabine und Daniel Röder aus Frankfurt hat Ende 2016 aufgrund der bedrohlichen politischen Entwicklungen in Europa spontan beschlossen, zusammen mit Freunden und Bekannten für Europa „auf die Straße“ zu gehen. In wenigen Monaten ist daraus eine Bürgerbewegung geworden, die sich in ganz Deutschland und Europa ausgebreitet hat. Seit April 2017 ist „Pulse of Europe“ ein gemeinnütziger Verein. In Rosenheim habe ich im Mai 2017 „Pulse of Europe“ ins Leben gerufen. Inzwischen sind wir ein engagiertes Organisationsteam unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher politischer Färbung. Wir machen das alle ehrenamtlich neben unserem Beruf und finanzieren unsere Aktionen ausschließlich aus Kleinspenden von Bürgern aus der Region.
Was sind die Ziele? Wofür will sich „Pulse of Europe“ einsetzen?
Unsere Welt befindet sich im Umbruch. „Pulse of Europe“ will in politisch turbulenten Zeiten einen Beitrag dazu leisten, dass es auch in Zukunft ein vereintes, demokratisches Europa gibt. Wir treten ein für ein Europa, in dem die Achtung der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz und Respekt selbstverständliche Grundlagen des Gemeinwesens sind. Wir wollen auf die gegenwärtigen politischen Entwicklungen aufmerksam machen und bei den Menschen Gefahrbewusstsein wecken.
Wo sehen Sie die größten Gefahren, woran könnte Europa scheitern?
In Deutschland sehe ich das größte Problem darin, dass vielen Menschen die zentrale Bedeutung der europäischen Integration für unsere Zukunft nicht mehr bewusst ist. Deutschland muss seinen europäischen Kompass und seine europäische Tatkraft wieder finden. Denn ohne gesamteuropäisches Konzept bleibt jede nationalstaatliche Politik zur langfristigen Perspektivlosigkeit verurteilt. Viele Menschen in England begannen erst nach dem Brexit, ansatzweise zu erahnen, was der Austritt Großbritanniens aus der EU für ihre Zukunft bedeutet. Und auch hierzulande ist vielen Menschen nicht klar, wie stark der Boden unter unseren Füßen bereits schwankt.
Die Auswirkungen der sich zuspitzenden weltpolitischen Lage sind auch in Europa deutlich zu spüren. Globalisierung und digitale Revolution bringen für viele Menschen ein Gefühl der Unsicherheit mit sich. Der Wunsch nach Abschottung ist der Wunsch nach einer sicheren und überschaubaren Welt, frei von fremden Einflüssen. Die Flüchtlinge bilden eine Projektionsfläche für diese Ängste.
Nationalistische und populistische Politiker nutzen diese Ängste, um die Menschen emotional zu polarisieren und zu manipulieren. Doch sie verfügen nicht über zukunftsfähige Lösungskonzepte. Stattdessen versuchen sie, mit Provokationen die Debattenkultur einer freien demokratischen Gesellschaft zu zerstören und den gesellschaftlichen Frieden zu zersetzen. Wut, Hass und Intoleranz erhalten Einzug in den Kommunikationsstil des politischen Diskurses.
Was waren Ihre persönlichen Gründe, bei dieser Bürgerbewegung mitzumachen?
Als Rechtsanwältin für Verwaltungsrecht arbeite ich im Spannungsfeld zwischen Bürger und Staat. Dabei wird mir nicht nur tagtäglich aufs Neue bewusst, wie fundamental wichtig ein demokratischer Rechtsstaat für uns Bürger ist, sondern auch wie zunehmend wichtig das europäische Recht in unserem alltäglichen Leben ist. Die EU spielt eine große Rolle bei der Gewährleistung von Bürgerrechten – von Informationsrechten über Datenschutz bis zum Umweltschutz. Sie wird mehr und mehr zum Garanten grundlegender Rechte.
Europa ist meine Heimat. Im Laufe meines Lebens habe ich viele Menschen in Europa kennengelernt und ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt. Viele Menschen aus anderen Ländern Europas haben mein Leben tief geprägt. Europa ist für mich etwas ganz Besonderes und Unvergleichliches. So unterschiedlich die Menschen in Europa sind, so deutlich spüre ich, wie tief wir geschichtlich, sprachlich, wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell miteinander verwoben sind.
Mit meinem Engagement bei „Pulse of Europe“ will ich versuchen, den Menschen wieder bewusster zu machen, warum Europa so wichtig für unsere Zukunft ist. Europa steht am Scheideweg. Wir Bürger müssen jetzt zeigen, dass wir Europa wollen. Denn nur dann wird die Politik den Mut und die Kraft finden, die Probleme unserer Zeit zu lösen. Europa wächst nicht nur aus Verträgen, es wächst aus den Herzen seiner Bürger.
Interview: Sigrid Knothe