Josef schlosser (91) erinnert sich an die Kriegszeit

Der Pferdeflüsterer

von Redaktion

Er war 16, als er 1943 einrücken sollte. Doch der Vater war bereits 1934 verstorben und so konnte seine Mutter einen Aufschub erwirken. Er wurde auf dem Hof gebraucht. Fast hätte ihn die SS in die Finger bekommen, doch die wollte ihn dann nicht. „Mein Glück“, sagt der heute 91-jährige Josef Schlosser. Im September 1944 wurde er eingezogen. Nach Jugoslawien.

Osterfing – Ungern will der alte Bauer über die damalige Zeit sprechen – vor allem will er sich nicht daran erinnern. „Ich hab in meinem Leben viel mitgemacht“, sagt er nur.

Vom Lehrer in der Schule sei er oft geprügelt worden. „Einmal hatte ich die Striemen seiner Hand noch nach der Pause im Gesicht, so gewatscht hat er mich.“ Und das ohne Grund. Es sei halt sippenhaft gewesen. Denn sein Vater, ein aufrechter Bauer aus Osterfing, sei schon recht früh gegen Hitler aufgestanden. Das hat so manchem nicht gepasst. Er selbst, Jahrgang 1926, war damals gerade ein Volksschulkind. Außerdem war er Ministrant, da hieß es öfter: „Ein Schwarzer. Zum Kirchgang hat er Zeit, aber nicht zum Appell.“

Sein Vater hat sich trotz allem den Mund nicht verbieten lassen. „Er war eindeutig gegen Hitler, er sollte nicht an die Macht gelangen“, erinnert sich Josef Schlosser.

Dann, 1934, ist der Papa gestorben, da war der Bub acht Jahre alt. Noch ganz genau erinnert sich der heute 91-Jährige an die Beerdigung und die Worte des Pfarrers. „Er wäre sowieso nach Dachau gekommen. Und das hätte er nicht überlebt.“ Nur sein plötzlicher Tod habe die Deportation verhindert. Drei Schergen schlichen bereits herum.

Dann kam das Jahr 1943 und der 16-Jährige musste einrücken. „Da haben auch die Gesuche meiner Mutter nichts mehr genützt“, erinnert sich Schlosser.

Er sei zu einer Einheit, die in Dillingen stationiert war, eingezogen worden. Kurz danach kam die Befehlsausgabe: nach Russland! Sozusagen in allerletzter Minute sei der Schwenk gekommen. Nicht Russland, sondern in die Karpaten ging es. „Das war eine geheime Sache, es ging um Waffen in der Steiermark. Dort mussten wir dann Munition und Granaten schleppen.“

Bald sei seine besondere Fähigkeit aufgefallen, mit Tieren, speziell mit Rössern, gefühlvoll umzugehen. „Ich war der Einzige, der die Rösser richtig aufzäumen konnte“, erinnert er sich nicht ohne Stolz. Vor dem ganzen Zug sei er gelobt worden. Auch wilde Pferde konnte er zähmen. „Die wurden schon von den Stadterern oft gequält. Mit Besen und Ruten wurden sie geschlagen und gestochen, bis Blut kam. Natürlich haben die Pferde dann getreten und gebissen, sobald sie jemanden zu fassen bekamen.“ Besonders an ein wildes Pferd erinnert er sich. „Von hinten durfte man sich ihm nie nähern, sowieso, aber auch von vorne musste man auf der Hut sein. Bewegt hat sich der Kerl überhaupt nicht.“ Das weckte den Ehrgeiz von Josef Schlosser. „Dem habe ich schnell gezeigt, wer der Herr ist, aber eben freundlich, nicht mit Gewalt.“ Nach zwei Wochen hatte er ein lammfrommes Tier und einen Ruf als Pferdeflüsterer weg. „Ich wurde als bester Pferdepfleger gelobt. Es war meine schönste Zeit.“

Ende Februar, Anfang März 1945 ging dann alles drunter und drüber. „Wir wurden in der Steiermark von den Amis eingekreist und gefangen genommen. So kam ich nach Ludwigshafen“, berichtet Schlosser. Dann bricht sein Redefluss ab, er sinniert und sagt nur: „Furchtbar. 500000 Mann auf den Rheinwiesen, keine Decken, keine Zelte, 16 Tage nichts zu essen und zu trinken.“

Als der junge Bursch kurz vor seinem 20. Geburtstag im Juli 1945 heimkehrt, wiegt er noch 35 Kilogramm. Läuse und offene Wunden – Druckstellen vom Liegen auf dem harten Erdboden – waren seine Begleiter.

Die Mutter habe ihn sofort wiedererkannt – und das einzig Richtige getan. Langsam hochpäppeln mit magerer Kost und nicht sofort üppig füttern. „Da ist mir dann bald der Kragen geplatzt. Gebt mir endlich was zu fressen“, habe er geschrien. Das hat die Mutter dann auch getan.

Im August feiert der agile Senior seinen 92. Geburtstag. „Ich bin mit meiner Gesundheit voll zufrieden. Mir fehlt nichts“, wundert er sich selber.

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