Nahversorgungsgutachten im Gemeinderat Stephanskirchen vorgelegt

Fingerzeig für Drogeriefachmarkt

von Redaktion

Eine umfangreiche Recherche, scharfe Analyse und einen deutlichen Fingerzeig für die Nahversorgung der Gemeinde Stephanskirchen enthielt das 69-Seiten-Gutachten zur Nahversorgung, das Wirtschaftsgeograf Dr. Ralf Popien im Gemeinderat präsentierte. Einen möglichen Drogeriefachmarkt würde er in Haidholzen in der Simsseestraße ansiedeln.

Stephanskirchen – Sein Gutachten stützt sich auf Unternehmerbefragungen und 5000 Haushaltsfragebögen. 932 kamen ausgefüllt zurück. 78 Prozent wurden von Frauen beantwortet, überproportional viele von der Generation „65 plus“, stellte Popien fest, diese Überrepräsentation sei bei der Auswertung berücksichtigt worden. Außerdem wurden 27 Unternehmen aus Einzelhandel, Dienstleistung, Handwerk und Gastronomie befragt, insgesamt 40 Prozent der Einzelhandelsbetriebe. Dazu kamen „Expertengespräche“ und eigene Beobachtungen. Der Städteplaner habe sich innerhalb kürzester Zeit ein umfassendes und sehr detailliertes Bild von der Gemeinde gemacht, so die einhellige lobende Einschätzung der Gemeinderäte.

Neben bekannten Strukturen, wie der geografischen Lage im Einzugsbereich der Stadt Rosenheim, und einer Bestandsaufnahme der Einzelhandelsstruktur „Bäcker und Metzger haben Sie genug“, gab Popien auch andere Einschätzungen bekannt, die manches Gemeinderatsmitglied überrascht aufhorchen ließ:

So habe Stephanskirchen im Vergleich zum Bundesdurchschnitt nur halb so viel Discounter wie üblich, stellte Popien dar. „In Stephanskirchen haben Sie deutlich Nachholbedarf, was die Nahversorger angeht“, betonte er. Mit ihren 10000 Einwohnern sollte die Gemeinde statistisch gesehen außerdem über 0,6 Drogeriemärkte verfügen. So ein Markt hätte eine große Anziehungskraft – auch auf Käufer aus dem Umland. „Holen Sie sich den nach Stephanskirchen“ empfahl er den Gemeinderäten – und zwar nach Haidholzen an die Simsseestraße. „Dort haben Sie alle Chancen, eine Nahversorgung sicher zu stellen, die ihrem Namen gerecht wird“, führte er weiter aus. Von einer Ansiedlung in Kragling halte er nichts. „Nur weil Sie dort vielleicht schneller zum Ziel kommen würden, sollten sie den weitaus besseren Standort in Haidholzen nicht ungenutzt lassen“, mahnte er.

Karl Mair (CSU) stellte fest: „Manche ihrer Einschätzungen schmeckt vielleicht nicht allen, aber mit diesem Gutachten können wir gut weiterplanen.“

Florian Beck (Bayernpartei) wollte sich mit dem möglichen Standort Haidholzen Ost gar nicht anfreunden. „Bei dem Gedanken wird mir schlecht, wir bauen da doch schon seit 40 Jahren rum“, erklärte er. Bürgermeister Rainer Auer sah „einen deutlichen Wunsch der Bürger nach einem Drogeriefachmarkt“ durch das Gutachten bestätigt und forderte: „Wir müssen das ernst nehmen.“ Robert Zehetmaier (Bayernpartei) fügte noch ein „beschleunigt“ hinzu.

Ganz anderer Meinung war Herbert Bauer (Parteifreie). Er bemühte die Statistik. „Demnach brauchen wir nur 0,6 Drogeriemärkte“, erinnerte er.

Margit Sievi (SPD) sah in dem vorgeschlagenen Standort Vorteile. „So ein Vollsortimenter wäre ein super Lärmschutz für die hinteren Anwohner“, freute sie sich. Im Übrigen sei dieser Platz genau die Alternative, die man sich in ihrer Fraktion überlegt habe.

Auf Nachfrage von Steffi Panhans (SPD) gab Christian Hausstätter, Mitarbeiter des Bauamts, bekannt, dass die Vorbereitungen für einen Neubau in Haidholzen „eventuell ein Jahr, eher zwei Jahre, vorausgesetzt es geht alles planmäßig“ dauern würde. „Es lohnt sich zu warten“, gab Popien noch einmal zu bedenken.

Dr. Rolf Jürgen Löffler platzte der Kragen: Er sehe den idealen Standort für einen Drogeriefachmarkt beim Rewe in Kragling. Dort müsse nur ein Baufenster aufgemacht werden, es gebe keine Probleme mit Parkplätzen und der Wille des Bürgers sei schnell umgesetzt. „Zehn Jahre dauert es mindestens in Haidholzen“, schimpfte er. Wütend beschuldigte Löffler außerdem Gutachter und Bürgermeister, unlautere Absprachen getroffen zu haben. Beide wiesen diese Vorwürfe vehement zurück. Auer erwiderte: „Hier eine Einflussnahme auf das Ergebnis zu unterstellen weise ich deutlich zurück. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass ich im Gegensatz zu Ihnen nicht über parteipolitische Verflechtungen verfüge, denen ich glaube, gerecht werden zu müssen. Ich hoffe, ich muss hier nicht noch deutlicher werden!“ Durch Klopfen äußerten einige Gemeinderäte ihre Zustimmung zu seiner Ausführung.

Weitere Vorschläge des Gutachters wurden weniger kontrovers diskutiert. Popien hatte im Laufe seiner Analyse festgestellt, dass auch die Parksituation in Stephanskirchen nicht optimal sei. „Die Benotung durch die Unternehmer liegt zwar zwischen „gut und befriedigend“ aber zu oft sind Gehwege zugeparkt oder Stellplätze von Dauerparkern belegt“, stellte er heraus. Als Lösungsmöglichkeit schlug er die Kommunale Verkehrsüberwachung vor. Sie sollte allerdings nicht als Gängelung der Kunden verstanden werden, sondern als Chance, Platz zu schaffen für Gäste oder Kunden, die nur kurz parken möchten – und natürlich auch für Fußgänger, die mit Rollator oder Kinderwagen einfach mehr Platz auf den Gehwegen benötigen“, machte er deutlich.

In Stephanskirchen könne man kein Parkhaus bauen, aber einfache Maßnahmen sollten unbedingt ergriffen werden, empfahl er weiter. Deutlich auch ein Hinweis aus den Befragungen: Viele ältere Bürger hätten Probleme beim Parken auf unübersichtlichen, engen Stellplätzen und bevorzugten allein deswegen den breiten Gehsteig als Parkfläche.

Dr. Löffler warf ein, dass er in Stephanskirchen immer einen Parkplatz finde. „Nur weil beim Penny, beim Edeka und bei der alten Apotheke durch fahrerisches Unvermögen Chaos herrscht, brauchen wir keine Verkehrsüberwachung“, stellte er in den Raum. Parkbuchten fände er besser.

Wunsch nach guter Gastronomie

Die Rückmeldungen aus den Befragungen hätten ebenfalls ergeben, so der Gutachter, dass attraktive Gastronomie in Stephanskirchen dringend erwünscht sei. Viele Stephanskirchener wünschten sich eine „gute“, „gemütliche“, „gscheide“, „moderne“, „nette“, „richtige“, „schöne“ Gaststätte oder ein nettes Lokal. In Haidholzen an der Simsseestraße würde er davon jedoch abraten, so Popien. „Dort soll ja keine neue Ortsmitte entstehen.“ Seiner Meinung nach wäre die Kuglmosstraße als Standort besser geeignet. Bisher, so das Gutachten, besuchen die Stephanskirchener je nach Altersklasse bevorzugt das Café Bauer (ab 65 Jahre), das Café Nehrenswert (bis 50 Jahre) oder Lokale in Rosenheim (unter 30 Jahre). Manches bestehende Lokal sei von den Befragten gar nicht als beliebter Aufenthaltsort genannt worden.

Zum Schluss der Diskussion über das Gutachten machte Steffi Panhans (SPD) ihrem Ärger Luft: „Es ist erstaunlich, wie sich manche Gemeinderatsmitglieder gegen Erkenntnisse des Gutachtens wehren. Ich finde ihr Verhalten unsäglich. Ziel war doch, objektiv eine Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Die Verwaltung muss jetzt schauen, in welchem Zeitraum was realisiert werden kann.“

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