Autistin Sophia W. (21) malt ihre welt

„Im Wasser fühlt sich Leben leicht an“

von Redaktion

Sophia ist Autistin. Die 21-Jährige lebt mit ihren Eltern und ihrer Hündin „Susi“ in Großkarolinenfeld – und oft auch in ihrer eigenen Welt „auf sicheren Inseln“, die sie vor Außenstehenden schützen sollen. Seit einiger Zeit malt sie Bilder und stellt sie jetzt sogar aus. Darin gewährt die junge Künstlerin Einblicke in ihr Innerstes.

Großkarolinenfeld – „Es ist noch nicht lange her, da dachte ich, dass ich der blödeste und wertloseste Mensch auf der ganzen weiten Welt bin“, offenbart Sophia die Gefühle, die sie vor nicht allzu langer Zeit noch schwer belasteten. Ihre Mutter Angelika W. fasst die Leidensgeschichte in wenigen Sätzen zusammen: Ihre Tochter wurde mit drei Jahren zum ersten Mal in der Heckscher-Klinik in München vorstellig. Die kleine Sophia hatte erst mit zwei Jahren zu laufen begonnen. Sprechen konnte sie noch nicht, nur schreien. Von den Ärzten gab es verschiedene Diagnosen, das Kind wurde später mit einer Schulbegleitung zur Förderschule geschickt, aber dort fühlte sich Sophia immer unwohler. „Ich wusste, ich bin anders als die anderen, aber so sehr ich mich auch angestrengt habe, ich konnte nie so sein wie sie“, erinnert sie sich.

Schwere Depressionen belasteten das Mädchen. Mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie und sedierende Medikamente brachten wenig Besserung und nur kurzfristige Erfolge. „Mein Körper ist tot“, erklärte Sophia damals ihren Eltern. Der Druck und die Überforderung machten ihren Körper „unspürbar“, beschreibt sie heute ihre damalige Notlage.

Irgendwann entwickelte sie eine Strategie dagegen: Untertauchen – am besten in kaltem Wasser. „Wenn ich ins Wasser eintauche, bedeutet das, dass der Kopf gereinigt wird von blöden und bösen Gedanken.“ Das funktioniert aber nur in offenen Gewässern oder Flüssen, erklärt Sophia. Im Schwimmbad geht das nicht. Und: „Es braucht mehrere Kopf-Tauchgänge, bis alle schlimmen Gedanken wegschwimmen können.“ Erst gestern, so berichtet sie im Gespräch, sei sie in die Mangfall bei Bad Aibling eingetaucht – bei 12,5 Grad Wassertemperatur.

Vor vier Jahren hat Sophia eine weitere Möglichkeit zum Abtauchen kennengelernt: die Malerei. „Erst habe ich nur Gekritzel gemalt, einfache Formen und Tierbilder“, erinnert sich Sophia. Inzwischen entwirft sie selbst Mandalas und fertigt sogar Auftragsarbeiten für Freunde und Bekannte an.

Kunsttherapeutin Veronika Seebass hat sie auf diesem Weg angeleitet und nennt die Vorteile für ihre Patientin: „Über das Malen gewinnt Sophia vielseitige Ausdrucksmöglichkeiten, mit denen sie jetzt ihre Innenwelt beschreiben kann. Die Therapie bietet die Möglichkeit, Halt und Struktur zu erfahren sowie Raum für Gefühle, Fantasien, Ideen und Wünsche zu öffnen. Das kreative Tun fördert die Kommunikation und macht oft ungeahnte Seiten sichtbar.“

Sophias Mutter kann das nur bestätigen und Sophia zeigt mit ihren Bildbeschreibungen, wie tief sie empfindet und was sie beschäftigt. Da ist zum Beispiel das große Schutzbild, das über dem Eingangsbereich ihres Elternhauses hängt. „Es gibt mir Schutz, wenn ich das Haus verlasse und auch wenn ich wieder heimkomme“, beschreibt Sophia ihr Werk (siehe blauen Infokasten).

Aber auch das „Susi-Bucht-Bild“ offenbart tiefe Gefühle, die Sophia empfindet: „Im Wasser fühlt sich das Leben leicht an – die Anstrengung und Belastung wird dadurch weniger! Die Seele wird weich und die Angst weniger!“

Die Malerei hat Sophia mit jedem Pinselstrich stärker gemacht. Erst konnte sie nur in den Therapiesitzungen malen. Erst im Herbst vergangenen Jahres hatte sie die Kraft und den Mut, auch daheim Bilder zu malen. Seit wenigen Wochen ist sie Mitglied im Kunstverein KaroArt – und jetzt wird sie ihre Bilder sogar öffentlich präsentieren.

Für die junge Frau, die erst ganz langsam lernen musste, mit mehreren Menschen in einem Raum zu sein, ist das ein großes Vorhaben. Sophia kann auch heute nicht länger als eineinhalb Stunden an Gesprächen in größerer Runde teilnehmen, weil die äußeren Reize sie sonst überfordern.

Auch heute nimmt sie drei verschiedene psychiatrische Medikamente, die ihr helfen sollen, emotionale Überreaktionen zu vermeiden. Dazu haben ihre Eltern mit Ärzten und Therapeuten vor drei Jahren ein Gesamtkonzept erarbeitet, das Sophia im Alltag individuell unterstützt und stärkt. Und es wirkt: Sophia wird zunehmend entspannter – und sie hat inzwischen so viel Kraft entwickelt, dass sie auch anderen Autisten Mut machen möchte. „Vielleicht kann ich andere Autisten oder Menschen mit psychischer Erkrankung inspirieren, auch zu malen“, hofft sie.

Mit gutem Beispiel geht sie voran: Am Sonntag, 29. April, um 11Uhr will sie in Gstadt im Haus des Gastes bei ihrer ersten Vernissage mit KaroArt dabei sein. Dann wird ihre Malerei erstmals öffentlich ausgestellt. Die Ausstellung ist bis zum 13. Mai täglich von 13 bis 18 Uhr zu sehen. Ein neuer Schritt in Sophias Leben – und der Weg dorthin führt sie auf alle Fälle zuerst unter ihrem persönlichen Schutzbild durch.

Das Schutzbild und seine Bedeutung

„Dieses Bild bedeutet für mich höchste Lebenssicherheit, weil ich dort auf den Inseln leben und sein kann, ohne dass irgendein Mensch oder ein Konflikt auf mich zukommt.

Dadurch, dass ich Autistin bin, fühle ich mich in dieser Welt sehr unsicher und deshalb habe ich nur einige Inseln, auf denen ich mich bewegen kann und hin und her hüpfe.

Bei manchen Autisten ist es so, dass sie sehr viel Lebensangst haben und sich sehr unsicher in dieser Welt fühlen.

Für mich ist diese Welt oft nicht machbar, sehr sehr schwierig und extrem anstrengend – und manchmal total überfordernd.

Ich finde, dass diese Welt für Autisten falsch gemacht ist! Die Menschen müssen einfühlsamer, menschlich wärmer, verständnisvoller, friedfertiger und demütiger werden.

Wenn mir alles zu viel wird, flüchte ich auf meine Inseln !!!! Meine Verletzbarkeit ist atemberaubend und könnte mich gänzlich umwerfen!“

Sophia W.

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