Raubling – Dort ging es dann nicht um das Beklagen noch nicht optimaler Ist-Zustände, sondern die Veranstalter stellten voll Optimismus ein Werkzeug vor, das der Inklusion Vortrieb geben soll: Handpuppen erzählen von Behinderungen.
„Philip“ hat eine Brille und ist ein bisschen vorlaut. Dumm kommen braucht ihm wegen diesen Eigenschaften aber keiner, denn „Ey, wo ist das Problem?“ Seine Freundin „Liesa“ hört sehr schwer – trotz ihrer schönen langen Hasenohren. „Leon“, sein Freund, sitzt im Rollstuhl, „Eddy“ braucht für alles immer ewig.
Zusammen mit zwei anderen Handpuppen sitzen die vier in einem Koffer, der den sperrigen Titel „Lernkoffer Barrierefreiheit spielend lernen“ trägt. Dieser ist zumindest in Bayern ganz neu, kam erstmals am Aktionstag im Kindergarten Sonnenblume so richtig zum Einsatz.
Wenn es nach dem Willen aller geht, die sich in Stadt und Landkreis Rosenheim für ein Zusammenleben ohne Barrieren und Hemmschwellen einsetzen – von den Behindertenbeauftragten bis zum Arbeitskreis Inklusion – dann soll er in Zukunft von möglichst vielen Kindergärten ausgeliehen werden.
Die Idee, die dahinter steckt, ist einfach: Wer vorher nicht wegen einer Behinderung als „fremd“ ausgegrenzt wurde, muss später nicht mühsam wieder integriert werden. Und was das Bemühen gegen das Ausgrenzen angeht, so tut man sich dort am leichtesten, wo das „Fremdeln“ noch nicht richtig Fuß gefasst hat: bei den Kindern.
Kindergartenkinder, so Maria Holzinger, Leiterin der „Sonnenblume“, haben nämlich in aller Regel noch Philips „Ja und“-Haltung gegenüber jenen Spielkameraden, die mit Einschränkungen umzugehen haben.
Die Fähigkeit, den anderen schlicht und einfach so anzunehmen wie er ist, verliert sich später, dann kleben auch Kinder auf Neues und Fremdes Etiketten: Brilli, Rolli, Doofi. Wer dagegen früh die Erfahrung machte, dass einer, weil er im Rollstuhl sitzt oder schlecht sieht, dadurch nicht „anders“ ist, der sagt vielleicht auch später im Streit nur „Du blöde Kuh“, aber nicht „Du blöde schielende Kuh“, weil die Sehbehinderung schlicht kein Ausgrenzungskriterium ist.
Hilfe kommt
aus dem Koffer
Nach wie vor ist aber nicht in jedem Kindergarten und jeder Kindergruppe diese selbstverständliche Begegnung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten möglich, und genau da sollen in Zukunft die sechs aus dem Koffer helfen. Entdeckt hatte den Koffer, der schon 2012 vom Behindertenverband Leipzig e.V entwickelt worden war, Irene Oberst, Behindertenbeauftragte des Landkreises Rosenheim. Ganz zufällig, im Internet.
Jakob Brummer von der Fachstelle Inklusion im Landkreis Rosenheim gelang es dann nach zähem Bemühen, dem Leipziger Verein ein Exemplar abzubetteln, denn der Koffer wird derzeit nicht mehr produziert.
Nun aber steht er in Rosenheim, ist zur Ausleihe bereit und die sechs Insassen warten auf ihren Einsatz. Sie wollen erzählen, nicht von ihren Einschränkungen, sondern von sich, wollen den Kindern dabei nahebringen, wie das so ist, wenn man im Rollstuhl sitzt, schlecht hört oder sieht.
Hier helfen auch die Zutaten des Koffers, etwa Brillen mit eingeschränktem Sehfeld, bei denen die Kinder alles selbst ausprobieren können. Dabei – und das ist besonders wichtig – sehen sich Philip, Liesa, Leon und Co selbst nie als behindert, letztendlich nicht einmal als eingeschränkt an. Sie sagen zwar, wo etwas besser laufen könnte, zum Beispiel hinsichtlich Barrierefreiheit bei Rollstuhlfahrern, aber sie haben gelernt, mit ihrer Umwelt ziemlich gut zurechtzukommen. Nicht zuletzt, weil sie dem „Mangel“ in einem Bereich immer ein Plus in einem anderen entgegensetzen können. Eddy ist zwar nicht der schnellste, wenn es aber um Musik geht, macht ihm keiner etwas vor.
Gerti Ksellmann bringt Leben in die Puppen
Nun spricht und bewegt sich eine Handpuppe ja nicht von ganz allein, sondern sie braucht jemanden, der ihr Leben einhaucht. Hier kommt Gerti Ksellmann ins Spiel. Die Erzieherin und Puppenspielerin soll, so die Idee von Jakob Brummer von der Fachstelle Inklusion, das Fachpersonal der Kindergärten mit den Möglichkeiten des Koffers vertraut macht.
Koffer
Der Koffer „Barrierefreiheit spielend lernen“ steht zur kostenlosen Ausleihe zur Verfügung bei Jakob Brummer in der Fachstelle Inklusion des Landratsamtes Rosenheim, Telefon 08031/392-2201. Gerti Ksellmann, Flintsbach, 08034/707254, www.gertis-maerchenkiste.de/inklusionskoffer.