Bruckmühl – Betritt man die Galerie in Bruckmühl, fällt zunächst der Blick auf raumsprengende Zeichnungen, auf dunkle Linienbündel, die der Betrachter erst langsam entschlüsselt, die Körperfragmente Mensch oder Tier zuordnet. „Ich werde bald nur noch Mensch sein“ ist eine überlebensgroße Zeichnung eines archaischen Mischwesens, das aus den Urgründen der Genesis entsprungen zu sein scheint – mit überlangen knochigen Gliedmaßen auf geradezu sockelhaften Füßen sich nur mühevoll am Bildgrund haltend, vielmehr in den Raum springend. Erst dann nimmt der Besucher die im Raum miteinander korrespondierenden Bronzen in ihren unterschiedlichen Oberflächenbehandlungen wahr.
Bis 17. Juni wird in der Galerie der Marktgemeinde Bruckmühl die Ausstellung „Rudi Wach – Zeichnungen und Plastik“ gezeigt. Er gilt als einer der großen Bildhauer und Zeichner der Gegenwart. Der 1934 in Thaur bei Innsbruck Geborene hat sich bald nach Mailand zum Studium abgesetzt, ging als Schüler von Marino Marini nach Paris, wo er regelmäßig Kontakt zu Alberto Giacometti hatte, sowie nach Wien zu Fritz Wotruba. Er lebt und arbeitet seit nahezu 60 Jahren überwiegend in Mailand.
Wach ist ein Unzeitgemäßer. Adornos Postulat, dass die Kunst nach Auschwitz kein gültiges Menschenbild hervorbringen dürfe, hat Wach gründlich konterkariert. Die Kreatur bahnt sich mühevoll ihren Weg. Mensch, Stier, Schlange, Pferd und Falke werden zu Urbildern einer tiefen Mystik. Visionen vom Geschöpf fördern Fragmente von Körperteilen zu Tage und laden sie auf mit einer reich ausgestatteten Aura von Geist und Spiritualität. Dem Lehrerfreund Giacometti durchaus ähnlich begegnen sich bei Wach Zeichnung und Plastik auf gleichem Niveau.
„Ein Bündel Linien auf einem Blatt Papier, die bis zum Rande mit Energie angefüllt sind. Das ist der Anfang einer Zeichnung. Es ist aber noch nicht entschieden, was aus diesen Linien werden soll.“ – So kann man Wachs Einstieg in die Zeichnung als informell bezeichnen, bei der sich die Form einem archäologischen Vorgang gleich erst im Arbeitsprozess herausschält.
Spannung ist diesen Arbeiten in vielerlei Hinsicht eigen: Allein die Unterschiedlichkeit des Formats, der Kontrast bildende weiche Bleistift auf der weißen Fläche des Halbkreidegrundes der Leinwand, die wiederum dem bohrenden Berseker und gleichzeitig hochsensiblen „Schreiber“ dieser dichten, vielfach überlagerten, verwischten, überzeichneten „Partituren“ Bildgrund wird.
Hände als fragiles Instrumentarium
Die gezeichnte Figur stellt die Frage nach dem Geschöpf: Was es vermag, was es ist, was es soll. Händen und Füßen kommt eine existenzielle Bedeutung zu. Hände als fragiles, sensibles Instrumentarium des Geistes. Wie nimmt das geistige Konstrukt Form an? Wie kommt es zur Realisierung der Vision? Womit bahnen sich innere Bilder ihren Weg?
Trotz des grafischen Hell- Dunkel der schwarzen Zeichnung und des weißen Grundes verblüfft die malerische Wirkung. Die Vehemenz der Entstehung dieser Zeichnungen hinterlässt tonig einbindende Arbeitsspuren, eine optische Brücke weicher Grauwerte.
Bei Wachs Kunst stellt sich die Frage nach Gegenständlichkeit oder Abstraktion gar nicht. Die skulpturale Erscheinung wird zu einem amorphen Körper höchster plastischer Vibration. Fragmente tierischer und menschlicher Körper verschmilzt der Künstler in seinen zerklüfteten und gleichsam feinsinnig geformten Oberflächen zu wilden Gebirgen mit schrundigen Tälern, Schluchten und golden glänzenden Höhen.
Die Figuren wachsen organisch aus ihren Sockeln. Die sich darüber erhebenden autonomen Gebilde beziehen sich in ihrer Torsohaftigkeit nicht zuletzt auf die Infiniti Michelangelos. Auch Toni Stadlers „ich finde nicht, ich suche“ könnte für Wach maßgebend sein.
Die Suche nach einer neuen Figuration und die damit verbundene Vermeidung der bloßen Wiedergabe der menschlichen Figur, der Vermeidung von allzu Schönem ist symptomatisch für den Rang des Bildhauers. Als Sinnbild des Machens springt die gezeichnete Hand in die räumlich-plastische Erscheinung der Bronze mit all ihren Krümmungen, Verletzlichkeiten und Gefährdungen.
Verwandlung als stets wiederkehrendes Thema ist dem Werk des Künstlers imanent. Verwandlung der optischen Erscheinungsform genauso wie die Metamorphose des Geistes, immer wieder das Dasein der einen Arbeit bis zur körperlichen und geistigen Erschöpfung zu widmen.