Rott – Auf dem Weg zur Wohngemeinschaft bekommt Alexandra Wagner-Simmer eine SMS auf das Handy. Inhalt: „Ich komme heute nicht“. „Ach, da fahren wir trotzdem hin und schauen einmal“, ist die pragmatische Reaktion der Endvierzigerin, die den Flüchtlingen in Rott von Anfang an unter die Arme gegriffen hat. Ein paar Minuten später kommt schon die nächste Kurznachricht: „Ich komme doch und verspäte mich“. Ein erleichtertes Lächeln ist auf dem Gesicht von Wagner-Simmer zu entdecken. Es sind eben immer noch erhebliche Sprachschwierigkeiten vorhanden, die die Kommunikation teilweise verwirrend oder kompliziert machen.
Es ist ein stattliches und großzügiges Zweifamilienhaus, mit großem Garten, einem Balkon und einer großen überdachten Terrasse im zweiten Stock. Efrem Yared, ein 21-jähriger Eritreer, führt durch den Garten, in dem Kräuter wie Schnittlauch und Maggikraut wachsen und in dem auch ein noch nicht bepflanztes Tomatenhaus steht. Da die vier jungen Männer selbst viel kochen, wird das kleine Gewächshaus wohl bald gefüllt sein.
Dann kommt Habtom Aqubay, mit einer nur kleinen Verspätung. Aber er hat einen guten Grund. Jeden Samstag fahren die meisten der Eritreer aus Rott nach Rosenheim in die orthodoxe Kirche. Und der 32-Jährige hat dort eine verantwortliche Position – er ist Dekanhelfer. Die Kirche ist eine wichtige Institution für Habtom Aqubay und seine Mitbewohner, aber nicht nur hier, auch in der Heimat. „Dort übernimmt die Kirche viele organisatorische und die meisten Verwaltungsangelegenheiten. So gibt es, nur bei der Kirche, so eine Art Melderegister über Geburten“, erklärt Alexandra Wagner-Simmer.
Auch das macht den Zuzug der Familien so schwierig, denn um hier nach Deutschland kommen zu können, müssen die Frauen und Kinder, die nachziehen möchten, dementsprechend amtliche Papiere haben. „Es ist einfach nicht üblich, sich registrieren zu lassen. Und so müssen Papiere für das Landratsamt hier, in Eritrea übersetzt und bestätigt werden. Dies alles ist sehr zeit- und kostenaufwendig“, so Wagner-Simmer.
Für Habtom Aqubay und seine Frau sieht es gar nicht so schlecht aus. Jerusalem Aqubay ist schon nach Addis Abeba geflüchtet, in die Hauptstadt von Äthiopien. Dort wartet sie, zusammen mit dem gemeinsamen vierjährigen Sohn Even darauf, zu ihrem Mann nach Deutschland reisen zu dürfen. Bis dahin wohnen die beiden in einer Wohnung, die Habtom Aqubay von Deutschland aus finanziert – mit seinem selbst verdienten Geld.
Hier hatte der 32-Jährige, der in seiner Heimat – so erzählt er – als Rechtsanwaltshelfer bei Gericht arbeitete großes Glück, als er eine Anstellung bei Marco Polo in Stephanskirchen bei Rosenheim fand. Zuerst war es nur ein befristeter Job über eine Zeitarbeitsfirma, der ein paarmal verlängert wurde. Die Modefirma war aber offenbar zufrieden mit dem jungen Mann, dass sich die Personalabteilung dazu entschied, ihm eine Festanstellung anzubieten. Seitdem an ist Habtom Aqubay im Lager dafür verantwortlich die Pakete, die von Stephanskirchen aus in alle Teile Europas versandt werden, sorgsam zu packen und auf den Weg zu schicken.
Auf die Frage hin, was er denn am liebsten in seiner Freizeit machen würde, lächelt Habtom Aqubay und sagt, dass er oft so müde sei und eigentlich nicht viel Zeit habe. Dass er müde ist, ist kein Wunder, fährt er doch jeden Tag mit dem ersten Zug um 5.45 Uhr nach Rosenheim, von dort aus weiter mit dem Fahrrad nach Stephanskirchen zu Marco Polo. Und vor 8 Uhr abends kommt er meist nicht nach Hause.
Waschmaschine
und Staubsauger
Danach kocht die WG meist zusammen in der Küche, die vom Besitzer zur Verfügung gestellt wurde. Das ganze Haus war mehr oder weniger eingerichtet. „Alles was die Neuankömmlinge behalten wollen, dürfen sie gerne für sich nutzen“, sagt Wagner-Stimmer. Alles andere hätte der Vermieter zur Entsorgung abgeholt. Natürlich seien die vier jungen Männer froh gewesen von der Waschmaschine bis zum Staubsauger alles vorzufinden, was ein gut geführter Haushalt so brauche.
In seiner knappen Freizeit spielt Habtom Aqubay gerne im örtlichen Verein Volleyball oder Fußball und dann gibt es ja noch seine Tätigkeit als Dekanhelfer, die ihm viel Freude und Sinn gibt. „Arbeiten, beten und Fußball- oder Volleyballspielen, mehr schaffe ich nicht“, sagt er. Trotzdem sei es eine gute Geschichte, wie Habtom Aqubaysich hier eingelebt habe, so Wagner-Stimmer, allerdings gebe es natürlich doch die ein oder anderen Schwierigkeiten. „Nicht alle in Rott möchten Kontakt mit den Geflüchteten, sei es privat oder innerhalb des ein oder andern Vereins“, bedauert Wagner-Simmer.
So sei es ein besonders schwieriges Unterfangen Wohnungen für die Eritreer zu finden, die noch am Vogelberg in der Gemeinschaftsunterkunft wohnen. Viele würden solche Nachbarn nicht haben wollen. „Viele Freunde macht man sich mit dieser Arbeit hier im Dorf nicht“, so die Mutter von drei schulpflichtigen Kindern. Aber wenn man Habtom Aqubayfragt, wie viele Freunde er hier gefunden hat, nennt er als erstes laut und deutlich mit einem Lächeln seine große Schwester „Alex“.
Und spätestens, wenn Habtom Aqubays Frau Jerusalem nach Deutschland kommen darf, wird auch wieder ein frischer Wind in dem großen Garten wehen. „Als gelernte Gärtnerin wäre das hier ein Paradies für sie“, erzählt Habtom Aqubay.