Halfing – Viel Können, das früher ganz selbstverständlich zum bäuerlichen Handwerk gehörte, ist ausgestorben. Körbe flechten, Besen binden, Rechen bauen – es gibt kaum noch einen, der einem zeigen könnte, wie es geht, es will ja auch keiner mehr wissen. Anders beim Mähen mit der Sense: Hier gibt es nicht nur welche, die es noch können, hier gibt es offenbar auch immer mehr, die es wieder lernen wollen. Ein Sensenmähkurs des Ortsverbandes Halfing des Bauernverbandes, durchgeführt auf dem Anwesen von Andreas Thusbaß, bewies es.
„Liaba z’dod gwetzt ois z’dod gmaht.“ Den Spruch hat Andreas Thusbaß von seinem Vater und der wusste, wovon er sprach, musste er doch schon als 14-Jähriger im Sommer früh um drei raus, um zu mähen. Ein bis zwei Tagwerk große Wiesen, also halbe bis ganze Fußballfelder waren die Flächen, um die es ging. Ursula Bernritter hört den Satz gern – denn jedes Wetzen der Sense bedeutet eine kleine Verschnaufpause. Zwar muss sie keine dreieinhalbtausend Quadratmeter abmähen. Sie übt ja nur. Wie die gut 30 anderen Teilnehmer des Sensenkurses auch. Aber sie mäht an einem Hang. Und der geht hübsch bergauf.
Geschmeidige Drehung
Dabei bräuchte es den Hang gar nicht, damit das ganze anstrengend wird. Denn irgendwie weiß man als Sensenneuling nicht, wie man Haltung bewahren soll: Gerade stehen geht nicht, denn dann kommt die Sense nicht richtig an den Boden. Also leicht nach vorne beugen? Schmerzt im Rücken. Halb in die Hocke gehen? Zieht ganz schön in den Oberschenkeln. Egal wie man es macht, binnen Minuten hat man Schmerzen an Muskeln, von denen man bislang keine Ahnung hatte, dass es sie gibt.
Und dann kommt ja erst noch die Drehung. Fließend muss sie sein, geschmeidig, und irgendwie aus der Hüfte heraus – so sieht das zumindest aus, wenn Profis wie Andreas Thusbaß oder Sepp Mayer es vormachen. Macht man es selbst, kommt man sich dagegen vor wie eine schlecht animierte Computerfigur: steif, ruckelnd, hakelnd. Und vor allem schwitzend.
Aber vor der Vorstellung, dass man das Mähen mit der Sense nach einem Tageskurs so richtig beherrschen würde, hatte Sabine Maier, Ortsbäuerin von Halfing, ja schon ganz zu Anfang gewarnt. „Mähen mit der Sense ist ein Handwerk“, sagte Maier, die den Sensenlehrgang maßgeblich mitorganisiert hatte, „und das heißt: bis man es so richtig kann, vergeht einfach Zeit“.
Volle Beherrschung war aber auch gar nicht das Ziel der Teilnehmer. Den meisten ging es wie Gabi Riebold oder Ursula Bernritter: Sie haben sich entschlossen, in ihrem Garten eine Naturwiese stehen zu lassen. Weil die zwangsweise intensivierte Landwirtschaft Bienen und anderen Insekten und damit in der Folge auch Vögeln immer weniger Lebensräume bietet, versuchen offensichtlich immer mehr, auf ihrem eigenen Grund und Boden gegenzuhalten.
Ein Bemühen, das die Ortsgruppe Halfing des Bauernverbandes nach Kräften unterstützt – zum Beispiel durch diesen Sensenkurs. Den Anklang, den er fand, hat aber wohl selbst die Organisatoren überrascht: 30 Anmeldungen und Teilnehmer, die teilweise bis aus Wasserburg anreisten.
Im Nachhinein verständlich, denn auch eine Naturwiese muss irgendwann einmal gemäht werden – und das ist dann kein Fall mehr für den Rasenmäher. „Wir haben’s zunächst mit einer Motorsense probiert“, erzählt Ursula Bernritter, „aber die war gleich kaputt. Darauf hat es mein Mann mit einer richtigen Sense versucht, aber das Gras eher totgeprügelt als geschnitten – da war uns klar: Auch wenn es bei uns nur um ein paar Quadratmeter geht, wir müssen sehen, dass wir uns das irgendwo richtig abschauen können.“
An der Pferdekoppel im Einsatz
Nun gibt es mittlerweile sogar Bücher und Videoanleitungen zum Thema Mähen mit der Sense. Doch können die den Eigenversuch, bei dem man durch erfahrene Mäher sofort korrigiert wird, nicht ersetzen. Das meint auch Heidi Krimmiger. Sie muss die Ränder ihrer Pferdekoppel mähen – und das geht nur mit der Sense. Die richtige Haltung ist dabei nicht ihr Problem, „man kommt, wenn man es öfter macht, allmählich ganz von selber drauf, wie es am wenigsten ermüdend ist“, meint sie.
Unsicher ist sie aber, ob sie beim Wetzen des Sensenblattes alles richtig macht, oder ob es da noch Profitipps gibt, um das zu optimieren. Schließlich kann sie aus eigener Erfahrung bestätigen, dass der Vater von Andreas Thusbaß recht hatte: Das Wetzen der Schneide – des sogenannten Dangl – ist das A und O beim Mähen mit der Sense. Wenn der Dangl nicht richtig messerscharf ist, helfen auch beste „Haltungsnoten“ nichts. Das Mähen bleibt eine Plackerei.
Und Tipps gibt es in der Tat: Der Wetzstein soll eine möglichst feine Körnung aufweisen, seine Kanten abgerundet sein und dann gilt es mit sanftem, aber gleichmäßigem Druck das Sensenblatt entlang zu fahren. Aber Achtung: Auf keinen Fall hin und her, sondern nur in eine Richtung und zwar vom Sensenstiel weg zur Spitze des Sensenblattes.
Warum das wichtig ist, erklärte den Teilnehmern nicht irgendwer, sondern Sepp Mayer, der mittlerweile zweimal Europameister im Wettsensen geworden ist: Beim Wetzen entstehen auf dem Sensenblatt mikroskopisch kleine Unebenheiten, Häkchen könnte man sagen. Wetzt man nun Richtung Sensenspitze, sind die Häkchen so gerichtet, dass sie gewissermaßen ins Gras greifen und so das Mähen leichter machen.
Europaweiter Wettbewerb
Die europaweiten Wettbewerbe im Mähen mit der Sense sind übrigens keine jüngst erfundenen Gaudi-Events, sondern sie haben Tradition: Angefangen hat alles mit einem Wettbewerb in Neukirchen bei Riedering im Jahr 1949, also zu einer Zeit, als das Mähen mit der Sense teilweise noch zum normalen Alltag gehörte. Mittlerweile finden sich Teams aus Deutschland, Österreich, Südtirol, der Schweiz, Slowenien, Tschechien, der Slowakei, dem Baskenland, jüngst ergänzt durch Teilnehmer aus England und Belgien, zu Wettbewerben zusammen.
Und Sepp Mayer sowie Andreas Thusbaß, der in seiner aktiven Zeit immerhin schon einmal bayerischer Meister an der Sense wurde, zeigten den Teilnehmern auch, wie man sich so ein Wettmähen vorstellen muss.
Die Geschwindigkeit war atemberaubend, die Haltung der beiden schon beim bloßen Zuschauen muskelkrampffördernd – aber zahlreiche Tipps, die für die Gelegenheitsmäher verwertbar waren, gab’s auch hier: Kraft sparen, heißt die Devise, sprich: die Bewegung dosieren, nur so weit ausholen wie unbedingt nötig. Bei einem guten Mäher liegt das geschnittene Gras direkt am Rand des Mähstreifens, wer es darüber hinausschießt, verausgabt sich vor der Zeit.
Davon einmal abgesehen: Wer weiß, vielleicht hat ja der eine oder andere Teilnehmer des Kurses Blut geleckt und wirft sich in Zukunft beim Mähen seines heimischen Gartenstreifens in Wettkampfposition: Beine breit, Haltung geduckt und den Blick fest auf die Herausforderung der nächsten zehn Meter gerichtet.