Brannenburg – Dann lesen die Autoren selbst den Kindern aus ihren Büchern vor. Die Realschule Brannenburg hat sich Hans-Peter Schneider, den Autor von Seppis Tagebuch, eingeladen.
Kaum ist die Frage gestellt, warum Seppi so sauer auf Schackeline ist, fliegen 30 Finger hoch, ein Mädchen kann nicht mehr an sich halten, platzt heraus: „Weil sie ihn geküsst hat!“ Hans-Peter Schneider fährt erschrocken zusammen: „Geküsst? Seine Mine ist voller Abscheu, seine Stimme ebenfalls. „Geküsst? Pfui Teife! Und so was sprichst Du auch noch aus!“
Keine Frage, Lesungen an Schulen sind auch für erwachsene Zuschauer ein spannendes Schauspiel. Kann man hier doch sehen, wie manche es schaffen, ein schwieriges Publikum, nämlich Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren, im Handumdrehen für sich einzunehmen – ein Vorhaben, an dem andere kläglich scheitern.
Hans-Peter Schneider jedenfalls hat die rund 50 Fünftklässler von Anfang an voll im Griff. Vielleicht liegt es daran, dass er nicht vorn am Pult sitzt. Er ist, obwohl er vor den Kindern steht, im Grunde mitten unter ihnen, sucht immer wieder den Augenkontakt, stellt Fragen, „spielt“ den Text mehr als dass er ihn liest – und die Kinder hängen an seinen Lippen.
Dieser Erfolg ist wichtig, denn die Mission, die der Kinderbuchautor Hans Peter Schneider hier bei seinem Auftritt an der Realschule in Brannenburg hat, ist nicht ohne: Er soll Kinder zum Lesen locken und diese sind in einem heiklen Alter. Einerseits entscheidet sich wohl mit zehn, elf Jahren endgültig, ob einer später lesen mag oder nicht, andererseits ist das eine Phase, in der Lesen immer noch eine Plage sein kann, weil man es bislang einfach zu wenig geübt hat. Wer sich aber sozusagen mühsam von Satz zu Satz vorankämpfen muss, kommt überhaupt nicht an den Punkt, an dem sich entscheiden könnte, ob einem Lesen, dieses Abenteuer im Kopf, etwas gibt, oder ob man eher zur praktischen Fraktion gehört: Zu jenen, für die gelesene Abenteuer immer nur ein Abklatsch des realen Lebens bleiben.
Was auf diesem Weg zur Entscheidung hilft, ist eigentlich nur eins: Den Kindern Geschichten anzubieten, die so spannend sind, dass sie mehr davon haben wollen, ja mehr davon haben müssen – und sei es auch um den Preis des Lesens.
Das setzt voraus, dass die Geschichte, die man anbietet, gut ist und hier hat Hans-Peter Schneider beste Karten. Auch Kinder hören die Geschichten am liebsten, mit denen sie sich identifizieren können, was im Grund ja nichts anderes heißt, als dass man sich dabei denkt: genau! Das kenn ich! So und nicht anders ist es! Und was wäre lebenswirklicher als ein Tagebuch aus dem Schulalltag, mit all den Verwicklungen, Problemen, aber auch Abenteuern, die man als Fünftklässler erleben kann.
Von „Seppis Tagebuch“ gibt es deshalb mittlerweile sechs Bände, die allesamt ein Renner sind. Das zeigt sich nicht nur an den Verkaufszahlen, das konnte man auch live in der Klasse erleben, denn so gut wie jedes Kind kannte zumindest eines der Bücher.
Mit ein Grund übrigens, warum auch Marcus Hochmuth, der Direktor der Realschule, bei der Lesung kurz vorbei schaut: Sein Sohn, mittlerweile 16, hätte, so erzählt er, die Bücher ebenfalls verschlungen und er wollte nun einfach mal schauen, wer hinter den Geschichten steckt.
Ist damit die Lösung fürs Leseproblem schon gefunden? Heißt das, dass Eltern ihren Kindern, wenn die sich nicht so recht ans Buch wagen wollen, nur entsprechend gute Geschichten anbieten müssen, um den Weg ins Leseland zu öffnen? Wenn man Hans-Peter Schneider bei seiner Lesung erlebt, bei der er mindestens ebenso sehr Schauspieler ist wie Vorleser, ist man da nicht so sicher. Ist es nicht eher so, dass jemand, der mit Fernsehserien und Computerspielen groß wird, erst lernen muss, dass sich Spannung im Kopf auch dann aufbauen kann, wenn sich äußerlich gar nichts tut? Sprich: Muss man den Lesestoff am Anfang nicht ein bisschen mit „Action“ aufpeppen, so wie es Schneider bei seiner Lesung tut? Die Kinder mit in die Handlung einbeziehen, zum Beispiel mit ihnen diskutieren, was wohl als Nächstes passiert, ob sich Seppi unter seinen Kumpels noch als ganzer Mann behaupten kann, nachdem Schackeline ihn geküsst hat?
Schneider, der im Hauptberuf an einem Gymnasium Deutsch und Geschichte unterrichtet, glaubt, dass dergleichen im Grunde nicht nötig ist. Er ist überzeugt, dass er sich auch einfach ans Pult hätte setzen und vorlesen können – die Kinder wären voll dabei und mucksmäuschenstill gewesen. Für ihn ist es eine Erfahrungstatsache: Wenn eine Geschichte gut ist, wird sie auch gelesen. Woraus sich automatisch der Fehler ergibt, den man als Elternteil bei Buchgeschenken machen kann: Bücher anzubieten, die nicht den Nerv des Kindes treffen, das da lesen soll. Schneiders einfacher Praxistipp: Mehrere Bücher von verschiedenen Autoren und aus verschiedenen Genres anbieten und dann ganz einfach mit dem, was gefällt, weitermachen.