Neubeuern – Dass ein veränderter Raum Probleme schaffen kann, wird klar, wenn man bedenkt, wie sehr gutes Theater vom Stimmigsein kleiner und kleinster Details abhängt. Da ist die Szene, in der der arme Bauer (Fabian Berndt) in den Schuldturm geführt wird. Für einen Moment kann er sich von den bewachenden Gendarmen losreißen und stürmt auf Jedermann (Bernd Eutermoser) zu, der im allerletzten Augenblick zurückweichen kann. Echt und bedrohlich wirkt das deswegen, weil in den Proben alle Beteiligten immer ziemlich genau an derselben Stelle stehen, und Fabian Berndt gelernt hat, seinen Sprint genau so zu dosieren, dass er zwar mit voller Kraft losstürmt, Bernd Eutermoser aber dennoch die Chance lässt, sich durch einen Sprung zur Seite zu retten. Der entscheidende Punkt: Normalerweise ist das nichts, bei dem man noch überlegen müsste, der Ablauf ist in Fleisch und Blut übergegangen, der Kopf bleibt frei für den Dialog. Sind aber die Entfernungen mit einem Mal ganz andere, oder gibt es Stufen, wo bei den Proben keine waren, fordert das, was sonst nebenher lief, plötzlich wieder die volle Aufmerksamkeit.
Für Bernd Eutermoser allerdings kein Grund zur Aufregung: „Wir werden das am Aufbautag einfach noch einmal proben“, sagt er gelassen und spricht dabei von einem Zeitfenster von einer Viertelstunde – mehr bleibt für solche Details an diesem Tag nicht.
„Alte Hasen“
Da ist es gut, dass die Neubeurer allesamt alte Hasen sind: Die meisten der Schauspieler waren schon bei den letzten Inszenierungen – 2013 auf dem heimischen Marktplatz, 2014 auf Schloss Herrenchiemsee dabei – sie werden die Herausforderung durch den veränderten Raum schon meistern.
Allerdings stellt sich bei der Aufführung in diesem Jahr noch ein anderes Problem. Normalerweise wird die Probenarbeit in den letzten Wochen vor der Aufführung immer intensiver, zusehends baut sich Spannung auf, bis sie sich schließlich in der ersten Aufführung löst. Die Neubeurer mussten wegen verschiedener Terminverpflichtungen etlicher Mitspieler die Probenarbeiten am letzten Samstag abschließen – bis zur Aufführung sind es aber noch vier Wochen.
Wie man in dieser Zeit die innere Spannung wach hält – dafür hat selbst der Theaterprofi Andreas Wiedermann, der auch diesmal Regie führt, kein Geheimrezept, da müsse jeder für sich selbst eine Lösung finden.
Fragt man Bernd Eutermoser, so ist er ganz entspannt: Sicher werde man sich in den kommenden Wochen manchmal fragen, ob zur Premiere die Energie auch wirklich wieder voll da sei, und diese Zweifel seien dann auch das eigentlich Lästige. In dem Moment aber, in dem die Kulissen aufgebaut würden und der Brunnenhof der Residenz sich ins Theater verwandle, seien alle wieder „voll unter Strom“.
Einer, der dieser Pause von vornherein eher Gutes abgewinnen kann, ist Heinz Baumgartner. Er ist nicht nur Vorstand der Neubeurer Theatergemeinschaft, sondern auch die ordnende und lenkende Hand hinter allen Inszenierungen und kann die vier Wochen gut brauchen, um die Logistik abzusichern. 150 Personen umfasst der komplette Tross. Nicht nur die müssen mit Kleidern und Instrumenten nach München gebracht werden, sondern auch die ganze technische Ausrüstung und nicht zuletzt alle Requisiten. Wobei sich die Neubeurer hier das Leben auch nicht einfach machen: Für sie gehört zu einem richtigen Volksstück, dass alles echt ist und voll prallen Lebens. Deshalb gibt es keine Musik vom Band, sondern alles wird live gespielt und deshalb gibt es für die große Gelageszene auch keine Plastikhendl und leeren Krüge, sondern man isst und trinkt wirklich! Also noch mehr Material, das am Vormittag des Premierentages verlässlich in München sein muss. Ein „das haben wir jetzt glatt vergessen“ darf es bei dem knappen Zeitplan nicht geben.
Heinz Baumann:
Alles im Griff
Und Heinz Baumgartner muss sich einfach darauf verlassen, dass er bei den Ortsbesuchen vorab die Räumlichkeiten komplett erfasst und jeden einzelnen Ablauf – vom Aufbau bis zum Stück selbst – im Kopf richtig durchgespielt hat: Am Vortag die Kulissen aufzubauen, nur um dann festzustellen, dass man sich Auf- und Abgänge für Schauspieler blockiert hat – solche Irrtümer sind zeitlich nicht drin. So ist es verständlich, dass selbst er, der nunmehr 30 Jahre Erfahrung mit Jedermann-Aufführungen hat, sagt, dass ihm in manchen Momenten durchaus der Arsch auf Grundeis gehe.
Andreas Wiedermann, der sagte, eine Hauptaufgabe bei seiner Regiearbeit sei es gewesen, den alten Neubeurer Hasen die letzten Jedermann-Aufführungen aus den Köpfen zu vertreiben, um Raum zu schaffen für eine frische und lebendige Inszenierung, hat offenbar ganze Arbeit geleistet: Das ganze Stück platzt vor Sinnenlust und Spielfreude!
Hinzu kommt, dass die Rollenbesetzung durch Heinz Baumgartner nach wie vor ein Volltreffer ist. Dabei muss man gar nicht auf Bernd Eutermoser als Jedermann und Johanna Krinninger als Buhlschaft verweisen – für die gilt das sowieso: Eutermoser macht seinen Jedermann zu einem alles andere als eindimensionalen Charakter und Johanna Krinninger ist schlicht und einfach das, was eine Buhlschaft sein muss: ein Vollweib! Absolut treffend besetzt sind auch alle anderen Rollen. Selten zum Beispiel sah man einen Teufel (Josef Mager), sich so schön rumpelstilzchenhaft über die entgangene Seele zu ärgern, selten den besten Freund des Jedermann (Sebastian Berndt) als dermaßen schnöseligen Unsympath. Eine ganz besondere Erwähnung muss aber dem Mammon zuteilwerden. Markus Leitner – hergerichtet als eine Mischung aus Sumo-Ringer und Buddha – verkörpert allein schon durch seine physische Präsenz die Potenz des Geldes. Hier, das muss Jedermann jäh erkennen, hat er keine Chance mehr, er war sowieso nur eine Marionette an Mammons Leine und selbst das nur für kurze Zeit: Mammon hat keinerlei Interesse mehr an ihm, das Geld ist sich selbst ganz und gar genug. Wer ihn zusammen mit Bernd Eutermoser gesehen hat, wird sich für die Zukunft schwer einen anderen Mammon vorstellen können.
Premiere ist am Donnerstag, 12. Juli, eine weitere Aufführung am Freitag, 13. Juli, jeweils um 20 Uhr im Brunnenhof der Residenz in München. Karten an der Abendkasse.