„Grosse praktische Arbeit“ an der Rohrdorfer Montessori-Schule

„Auch ich habe meinen Sinn gefunden“

von Redaktion

Vom Marionettentheater inklusive Theaterstück bis zum Pizzaofen aus einem Ölfass: Im Rahmen der „Großen Praktischen Arbeit“ haben die Neuntklässler der Rohrdorfer Montessori-Schule jetzt ihre handwerklichen Ideen vorgestellt. Und für viel Erstaunen und Bewunderung gesorgt.

Rohrdorf – Hätten Sie gern Hühner im eigenen Garten und wollen wissen, worauf man dabei achten muss und wie man sich den entsprechenden Stall baut? Oder wollen Sie lieber den Nachbarn mit seinem neuen Grill übertrumpfen und denken an einen selbst gebauten Pizzaofen aus einem alten Ölfass? Wie wär’s mit Petticoat nähen oder einem selbstgedrehten Film anlässlich Ihres Fußmarschs über die Alpen? Sie könnten sich natürlich auch ein Didgeridoo bauen und lernen, es wie die Aborigines spielen.

35 Projekte

präsentiert

Um solche und jede Menge anderer toller Ideen samt detailgenauer Schilderung der Umsetzung zu finden, kann man auf eine Freizeit- oder Handwerksmesse gehen. Man kann sich aber auch an die Schüler der Montessori-Schule in Rohrdorf wenden. Die haben jetzt ihre „Großen Praktischen Arbeiten“ vorgestellt und könnten mit ihren insgesamt 35 Projekten selbst engagierte Heimwerker blass vor Neid werden lassen. Diese Vorstellung ist deshalb auch nicht von ungefähr der Höhepunkt in der Schullaufbahn eines Montessorischülers bis zur neunten Klasse.

Natürlich kommt da in der neunten die Abschlussprüfung mit dem Quali, aber ein Jahr davor muss eine große Arbeit erstellt werden. In anderen Schularten wäre so etwas ein Referat, das zumindest im Aufbau Anklänge an eine kleine Doktorarbeit hat und dementsprechend meist schrecklich theoretisch ist.

Bei den Montessorischulen dagegen legt man Wert auf die Praxis, bei der Arbeit darf nicht nur der Kopf, es müssen auch die Hände beteiligt sein. Was nicht heißt, dass der Kopf vernachlässigt wird, im Gegenteil, denn es wird bei den Arbeiten ein Blick sozusagen über den Tellerrand hinaus gefordert.

Wenn Niklas sein selbst gebautes elektrisches Longboard aus Karbon vorstellt, erzählt er nicht nur vom Bau, sondern man bekommt auch die Eigenschaften dieses Werkstoffs erklärt, macht sogar einen kurzen Ausflug in die Geologie und ins gleichnamige Erdzeitalter. Zeigt Florian Ausschnitte aus dem selbstgedrehten Film über seine Fußwanderung von Brannenburg nach Sterzing, so hat der Film seinen Höhepunkt zwar in der Begehung eines Klettersteiges der an der senkrechten Wand einer Staumauer hochführt. In seinem Vortrag aber hängt Florian sein Abenteuer in die Geschichte der Alpenüberquerungen ein, bei Hannibal angefangen.

All diese Aus- und Einblicke sind nicht nur Teil des Vortrages, sie finden sich auch in der schriftlichen Dokumentation der Arbeit. Die listet darüber hinaus akribisch und detailgenau die einzelnen Arbeitsschritte auf, bei den einzelnen benutzten Werkzeugen und den Bezugsquellen der verwendeten Baustoffe beziehungsweise Hilfsmittel angefangen. Wer also wissen will, wie man einen Petticoat näht oder worauf beim Restaurieren eines alten Minicoopers zu achten ist, bräuchte, um selbst zum Erfolg zu kommen, im Grunde nicht mehr als die Arbeitsmappe von Sophia oder Tim.

Was nirgendwo steht, was bei den jungen Leuten an diesem Tag des Stolzes und der Freude wohl auch nicht mehr so recht präsent ist, sind die Mühen und der Frust, die während der Herstellungsphase unweigerlich mit dazugehört haben müssen. Natürlich sind die Schüler nicht ganz allein gelassen.

Es gibt einen sogenannten Außenmentor, dass ist jemand, den sie sich selber suchen und der ihnen bei der praktischen Arbeit hilft und es gibt einen Innenmentor aus der Schule, der beim Herstellen der Dokumentation unterstützt. Trotzdem: Um das Frustpotenzial bei diesen Arbeiten zu erfassen genügt es, sich das 1:10 Modell eines Hühnerstalls von Lukas Riedrich anzuschauen. Da weiß man, dass es allein bei der filigranen und aufwendigen Dachkonstruktion jede Menge Momente gegeben haben muss, in dem das Modell akut Gefahr lief, in hohem Bogen aus dem Fenster zu fliegen.

Aber genau darin liegt wohl viel vom pädagogischen Wert dieser „Großen Praktischen Arbeit“: Wer von der Unsicherheit des ersten „Was soll ich nur machen“ über die Verzweiflung des „Das schaff‘ ich nie“ durch zähes und mühsames Schritt für Schritt bis zu diesem Tag der Vorstellung gekommen ist, hat Werte und Fähigkeiten in sich entdeckt, von der er vorher keine Ahnung hatte, dass sie existieren.

Prinzessin Jasmin

geht auf Reisen

Manchmal finden die Jugendlichen sogar noch mehr. Nathalie wollte den Marionettenfiguren, die bei ihr seit Kindheitstagen zu Hause herumhängen, ein neues Heim und auch eine Aufgabe geben. Deshalb baute sie in ihrer „Großen Praktischen Arbeit“ nicht nur eine Marionettenbühne, sondern schrieb auch noch selbst ein Stück dazu: Prinzessin Jasmina entdeckt im Palast ein Buch, in dem ein Reisender auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist. Er wird ihn finden, soviel wird aus dem Buch klar, doch worin er liegt, bleibt offen. Unglücklicherweise fehlt die letzte Seite. Da geht Prinzessin Jasmina selbst auf Reisen, in der Hoffnung auf diese Weise, dem Buchheld gleich, den Sinn zu finden.

Als Nathalie – wie alle anderen Jugendlichen auch – am Schluss ihres Vortrages sagen soll, was ihr bei ihrer Arbeit besonders gefallen hat, meint sie, „dass meine Marionetten ihren Sinn gefunden haben – ein Theater in dem sie leben“. Und dann ergänzt sie ganz schlicht, ganz selbstverständlich und ohne auch nur einen Funken Pathos: „Auch ich habe meinen Sinn gefunden“. Worin immer der genau liegen mag – das Schreiben gehört bei ihr ganz bestimmt dazu.

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