Bad Endorf/Prien – Als die 15-jährige Carina sich plötzlich umdreht, Inge Schönberger umarmt und leise sagt: „Danke! Ich hab Dir wirklich viel zu verdanken!“ ist das eine große, schöne Geste. Eine Geste, die umso überraschender ist, nachdem die beiden nicht einmal verwandt sind. Schließlich ist sie „nur“ ihre Patin im Rahmen des Patenprojektes „Jugend in Arbeit“.
Mit dieser kleinen Szene aber ist das Geheimnis hinter dem Erfolg des Patenprojektes, das nunmehr seit elf Jahren existiert, von der Rosenheimer „Aktion für das Leben“ getragen wird und an allen Mittelschulen des Landkreises angeboten wird, fast schon gelüftet. Jugendlichen, die in Gefahr sind, keinen Arbeitsplatz zu finden, sei es, weil es unsicher ist, ob sie ihren Mittelschulabschluss schaffen, sei es, weil sie partout nicht wissen, für welchen Beruf sie sich entscheiden sollen, versucht man zu helfen. Mit Leuten, die näher an die Jugendlichen herankommen, als das ein Nachhilfelehrer könnte, weil ihr Kümmern nicht an der Schulbuchkante aufhören muss, sondern gerade da erst anfängt. Die aber – anders als Eltern oder Verwandte – weit genug vom familiären Alltag entfernt sind, um von den Jugendlichen als neutral und unvoreingenommen wahrgenommen zu werden. Also als jemand, vom dem man sich im Zweifelsfall auch einmal etwas sagen lässt, ohne gleich automatisch in Abwehrhaltung zu verfallen.
Das A und O dabei ist verständlicherweise, dass sich der Jugendliche und der Pate nicht gänzlich fremd gegenüberstehen, es muss sich irgendwie ein Draht aufbauen lassen. Von daher ist es wichtig, dass es derzeit im gesamten Landkreis etwa 200 ehrenamtliche Paten gibt, die sich regional auf 15 Patengruppen verteilen. Damit ist, salopp gesagt, genügend Auswahl da, um den passenden Deckel zu jedem Topf zu finden. Es muss nur jemanden geben, der die passende Kombination auch aufzuspüren vermag.
Dieser „Jemand“ ist Kerstin Stock. Sie ist dabei offensichtlich sehr erfolgreich, denn Fälle, in denen Patenschaften aufgelöst werden, weil die Chemie partout nicht stimmt, sind sehr selten. Dabei wäre man, so Kerstin Stock, diesbezüglich nicht zimperlich: „Es macht keinen Sinn“, sagt sie, „die Nerven und die Zeit des Jugendlichen wie des Paten zu strapazieren, wenn die beiden nicht zueinander passen. Dann hört man besser auf.“
Wie sie aber herausfindet, wer zusammenpasst, ob jemand eher mütterliches Verständnis braucht oder doch besser den berühmten festen Tritt ins Hinterteil, kann sie selbst nicht so recht erklären. Erfahrung spielt sicher eine Rolle, aber wohl vor allem ein gerütteltes Maß an Einfühlungsvermögen.
Zu faul oder unglücklich verliebt?
Einfühlungsvermögen brauchen auch die Paten: Denn wenn beim Definieren des Problems noch die Schule helfen kann, die ja auch die Jugendlichen überhaupt erst auf die Möglichkeit des Patenprojektes aufmerksam macht, so ist die Suche nach den eigentlichen Ursachen bisweilen verzwickt.
Nur ein Beispiel: Kaum ein junger Mensch, der in seinen schulischen Leistungen kein Bein mehr auf den Boden bringt und damit seine Chance auf einen Arbeitsplatz gefährdet, ist einfach faul, weil er keinen Bock hat. Er ist möglicherweise faul, weil er gemobbt wird und alles, was mit Schule zusammenhängt, ein Quell der Angst ist, vor der als einzige Rettung der totale Rückzug bleibt. Oder er ist – ganz banal – ebenso unsterblich wie unglücklich verliebt.
Das herauszufinden braucht Zeit und vor allem: es braucht das Vertrauen der Jugendlichen. Wie man das gewinnen kann, dafür gibt es sicher kein Patentrezept, aber, wenn man sich bei den Paten so umhört, doch immerhin drei Schlüsselwörter: Zuhören, ernstnehmen und zuoberst: absolute Ehrlichkeit.
Evelyn Schnell zum Beispiel, die derzeit sogar zwei Mädchen betreut, sagt, dass ihre Schützlinge sich ganz und gar sicher sein können, dass sie nichts weiterplaudert. „Was sie mir anvertrauen, bleibt bei mir, das erfährt niemand anders, auch die Eltern nicht. Wäre ich der Meinung, die Eltern müssten über einen Punkt Bescheid wissen, würde ich die Mädchen fragen, ob ich darüber reden darf. Wollten sie es nicht, würde ich das akzeptieren.“
Das von den Jugendlichen geschenkte Vertrauen ist übrigens für viele Paten auch mit ein Grund, warum sie sich hier engagieren. „Wenn mich da ein Junge nachts um zwei anruft“, erzählt Helmut Fleidl aus seinen Erfahrungen, „weil er nicht mehr weiß, wie er von einer Party heimkommen soll oder weil er sich so spät allein nicht mehr zu seinen Eltern traut, dann ist das für mich nicht lästig, sondern die Bestätigung, dass ich nicht alles falsch gemacht habe.“
Und natürlich ist der Erfolg ein Grund, warum das Engagement Spaß macht: „Wenn man sieht, wie sich die Kinder verändern, wie sie besser werden und ihr Vertrauen in sich und in ihr Können wächst, dann ist das einfach wunderschön“, sagt Inge Schönberger.
So sehr sich Kerstin Stock über die engen Beziehungen freut, die hier teilweise erwachsen, so ist es, wie sie sagt, durchaus nicht so, dass ein guter Pate notwendigerweise die Eigenschaften einer mütterlichen Freundin, eines väterlichen Freundes haben muss.
Harald Baitz zum Beispiel sieht seine Aufgabe nüchterner, er versteht sich als Coach, dessen Herausforderung es ist, gemeinsam mit seinem Schützling zunächst dessen Schwachstellen zu analysieren um dann mit ihm ganz zielbewusst an deren Behebung zu arbeiten. Kerstin Stock findet dann schon treffsicher die Jugendlichen heraus, die mit genau dieser Methode am besten vorankommen.
Alle haben einen Ausbildungsplatz
Der Erfolg gibt ihr und der Patenschaftsaktion jedenfalls recht: All jene, die zusammen mit ihrem Paten den Abschluss geschafft haben, haben auch eine Lehrstelle. Und in aller Regel nicht irgendeine, sondern eine, auf die sich die Jugendlichen freuen, weil sie das Gefühl haben, dass der Job zu ihnen passt.
Doch das größte Plus dieser Patenschaftsaktion ist wohl, dass sie keine pädagogisch-dogmatische Festlegung hat, sondern sich immer an dem orientiert, was der einzelne Jugendliche im Moment tatsächlich am nötigsten braucht. Wie bei dem jungen Mann aus unglücklichen Familienverhältnissen, bei dem die Patenschaft letztendlich darauf hinauslief, dass er einmal in der Woche ein warmes Mittagessen bekam, an einem schön gedeckten Tisch, in familiärer Gemeinschaft und mit Liebe zubereitet und aufgetischt. Auch so kann man einem Menschen das Vertrauen in die Welt – und damit letztendlich auch in sich – zurückgeben.