Aschau – 90 Jahre prägten die Dillinger Franziskanerinnen den Geist der Kinderklinik und des Heilpädagogischen Zentrums und waren gleichzeitig enges Bindeglied zwischen dem einstigen „Krüppelheim“ und der Gemeinde Aschau. Mit den letzten drei Ordensfrauen geht auch eine Ära zu Ende. „Die Zeiten haben sich geändert und auch die Haltung der jungen Generation zu Kirche und ihrem Dienst am Nächsten. Auch uns fehlt der Nachwuchs, wir müssen mit den verbliebenen Kräften haushalten“, meint Schwester Ludwina, Kopf des Trios. „Oberin“ ist eigentlich ihr korrekter Titel, aber den möchte sie nicht so gerne hören.
Schwester Heinrika (80), Schwester Berlinde (79) und Schwester Ludwina (67), die letzten drei Ordensfrauen der Dillinger Franziskanerinnen, verlassen nun in wenigen Tagen ihre ehemalige Wirkungsstätte mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Schwester Berlinde
Schwester Berlinde, die vor fünf Jahren einen Schlaganfall erlitt und seither „nicht immer ganz richtig ist“, wie sie selbst sagt, war seit 1974 in Aschau. „Kinder liegen mir am Herzen“, meint sie begeistert und wehmütig zugleich. Schon als Ordensfrau lernte sie im Schwabinger Krankenhaus Kinderkrankenpflege und übte diesen Beruf jahrzehntelang aus.
Beliebt war Berlinde, die selbst aus einer kinderreichen Familie stammt, besonders bei den Buben, weil sie mit ihnen Fußball spielte. Bis heute ist sie der größte Fan des FC Bayern und ganz dicke mit Uli Höneß. Ihre Freundschaft begann mit einem Brief. Darin bat sie um ein paar Eintrittskarten für die kleinen Patienten in die Allianz-Arena. „Er hat mir sofort geantwortet, später sogar manchmal in Gedichtform. Und natürlich hat er mir jedes Mal Karten zukommen lassen“, erzählt sie nicht ohne Stolz. Auf „ihren Uli“ lässt sie nichts kommen, trotz eines Zwischenfalls: „Wir standen vor der Allianz-Arena, als plötzlich sein Porsche daher brauste. Da habe ich mich ihm in den Weg gestellt, weil ich ein paar Autogramme für die Kinder wollte.“ Höneß sei zunächst ziemlich verdutzt gewesen und wollte losschimpfen, hat sie dann aber erkannt, gelacht und ohne lange zu fackeln Autogramme geschrieben. „Einfach ein feiner Kerl“, schwärmt die Ordensfrau.
„Gscheid spuin, sonst bet’ ich nicht für euch“
Später hat sie dann beim Fanclub Gaishacken auch Bastian Schweinsteiger kennengelernt. „Seit dieser Zeit sind wir beide per Du“, meint sie und fügt an: „Ich habe ihm immer gesagt, dass die Bayern gscheid spuin sollen, sonst bete ich nicht mehr für sie.“
Schwester Berlinde, die bereits mit 23 Jahren ins Kloster eintrat, geht nun zurück ins Mutterhaus der Franziskanerinnen in Dillingen. Dort, so sagt sie, habe auch ihre „Klosterkarriere“ begonnen. Einst hätten einmal drei Franziskanerinnen Ferien in ihrem Heimatort Grafenwöhr in der Oberpfalz gemacht. Man hätte sich kennengelernt, miteinander gesprochen. Hinterher seien drei Mädchen aus ihrem Ort mit den Franziskanerinnen ins Kloster gegangen.
Schwester Heinrika
Zu den echt Sportlichen gehört die 80-jährige Schwester Heinrika, die übrigens aus Moosen stammt. Mit 22 Jahren legte sie ihre Profess ab. „Bereut habe ich diesen Schritt nie“, sagt sie. „Ich würde es wieder tun. Es war meine Berufung.“
Sie ist Krankenschwester geworden und war zwei Jahre in Brissago am Lago Maggiore im Tessin. „Eine wunderbare Zeit“, sagt sie im Rückblick. Das Team in der Klinik sei super gewesen, außerdem konnte sie jeden Tag im See schwimmen. „Herrlich!“ Man habe nur ein paar Schritte über die Straße machen müssen, schon sei man am Strand gewesen. Beliebt unter den zehn Dillinger Franziskanerinnen im Tessin war auch Tretbootfahren.
Leider sei die Zeit schnell – zu schnell – vorüber gewesen. „Ich musste nach Hause, denn meine Mutter war schwer erkrankt. Sie brauchte Pflege.“ Dass dies trotz ihrer Ordenszugehörigkeit möglich war, erstaunt die beiden anderen Schwestern: „Da erfährt man ja Dinge, ich wir gar nicht von dir wussten.“
Ab 1965 war Heinrika dann in Aschau eingesetzt. Zunächst bei den vier- bis sechsjährigen kleinen Patienten, später in der Heimgruppe. Damals, so erinnert sie sich, seien noch 34 Schwestern in Aschau gewesen, auch in Leitungsfunktionen der Klinik.
Trotz ihres Alters macht sie täglich ihren Nordic Walking-Ausflug. „Früher bin ich auch zwischendurch mal schnell auf die umliegenden Berge, aber das geht heute nicht mehr“, bedauert sie. Aber der Blick aus der gemeinsamen „WG“ direkt auf die Kampenwand entschädige sie ein wenig. „Ich bin schon immer mit Stecken gewalkt, anfangs haben mich die Leute für ein bisschen plemplem gehalten. Inzwischen ist das üblich“, lacht sie über den Wandel der Zeit.
„Bitte Schwester,
bete für mich“
Positiv habe sie die kurzen Gespräche so mancher Zufallsbegegnungen auf der Straße in Erinnerung. „Immer wieder, vor allem, wenn ich Schwestertracht trug, haben mich wildfremde Menschen angesprochen. „Bitte Schwester, beten sie für mich.“ Sie geht nun ins Seniorenheim für Schwestern nach „Maria Schnee“ in Dillingen.
Der „Jungspund“ in dem Trio ist Schwester Ludwina. Auch für die 67-Jährige, die aus Sonthofen stammt, heißt es nun bald Koffer packen. Sie wird ins Kloster Maria Medingen gehen. Im dortigen Konvent leben aktuell noch 18 Schwestern. „Mal schaun, was kommt“, sagt sie.
Schwester Ludwina
Sie legte ihre Profess 1974 ab, da war sie 23 Jahre jung. Sie ist Erzieherin und Heilpädagogin. „Vor allem die letzten beiden Jahre habe ich hier in Aschau genossen. Ich durfte sehr individuell und in Einzelförderung behinderte Kinder betreuen. Von ihnen kommt sehr viel zurück.“
Als besonders positiv behält sie von ihren 16 Aschauer Jahren in Erinnerung, dass „wir Schwestern total zum Team gehört haben“. Sie seien immer mittendrin gewesen, auch wenn sie persönlich natürlich die vielen Jahre, die die beiden anderen Schwestern in Aschau verbrachten, nie ganz wett machen konnte. „Oft winken uns Bürger zu, wenn wir spazieren gehen. Aber sie meinen Berlinde oder Heinrika.“ Daran habe sie sich erst gewöhnen müssen.
Ansonsten räumt sie mit so manchen Vorstellungen vom Ordensleben auf. Küche und Esszimmer heißen Refektorium, doch wie in jeder anderen Küche stehen dort Kaffeemaschine, Kühlschrank und Herd. Im gemeinsamen Wohnzimmer gibt es einen Fernseher, Couch und Topfplanzen auf der Fensterbank. Jede hat ihr eigenes Zimmer, für das sie auch verantwortlich ist, ansonsten möchte die eine Honig zum Frühstück, die andere lieber Marmelade, und die dritte kann nicht in den Tag starten ohne Kaffee und Müsli mit Joghurt
Beruflicher Alltag mit Höhen und Tiefen gebe es wie bei anderen Menschen auch – mit einem gravierenden Unterschied. „Wir haben zweimal pro Tag unser Stundengebet, einmal morgens, einmal abends, jeweils etwa 20 Minuten. In einer festgelegten Ordnung werden Psalmen gelesen und gebetet. Am Sonntagabend ist dieses Stundengebet auch für die Öffentlichkeit in der Klinikkapelle zugänglich. Zum Schluss werden Marienlieder gesungen. „Ein besonders schöner Abschluss“, findet Schwester Ludwina. Und ja, die Franziskanerinnen leben mit Gott im täglichen Rhythmus. Die Hinwendung zu Gott im Gebet sei Richtschnur und Ausrichtung zugleich, sagt Ludwina.
Liste mit
„noch freien Namen“
Diesen Namen hat sie sich übrigens selbst ausgesucht – wie die beiden anderen Schwestern auch. Aber: Da gebe es eine Liste mit Namen, die noch frei seien. Da könne man beim Eintritt ins Kloster auswählen. Damals stand „Ludwina“ zur Auswahl. „Dieser Name war anfangs recht ungewohnt. Inzwischen, nach all den Jahren, habe ich mich heute daran gewöhnt“, sagt die Franziskanerin und strahlt übers ganze Gesicht.