Rosenheim – Für 12.30 Uhr ist das Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen terminiert, doch es kommt anders: ein Notfall. Eine ältere Dame fühlt sich schlecht, benötigt eine Infusion. Denn sie hat zu wenig getrunken. Allein lassen kann sie der Doktor nicht, kreidebleich wartet die Seniorin auf der Behandlungsliege, dass die Übelkeit wieder verschwindet. So ist das, als Hausarzt auf dem Lande. Nach Plan läuft ein Praxistag selten, berichtet Beushausen wenig später, als sich der Zustand der Patientin wieder stabilisiert hat.
Auf der Terrasse der Praxis am Söchtenauer Dorfbach erinnert sich Beushausen bei einem Krug Wasser an 31 Jahre Hausarzttätigkeit, von denen er zusammenfassend sagt: „Es war eine schöne, spannende, herausfordernde Zeit.“
So spannend wäre sie nicht gewesen, hätte Beushausen als Student nicht noch einmal umgesattelt. Nach fünf Semestern Studium der Politikwissenschaft und Soziologie stellte er fest: „Ein Leben lang nur Theorien wälzen, das geht nicht.“ Er erinnerte sich an seine interessante Zeit als Zivildienstleistender an der Unfallklinik Murnau und beschloss, Medizin zu studieren. Als junger Arzt arbeitete er auch in Kliniken, vor allem die Chirurgie und Notfallmedizin interessierten ihn – Erfahrungen, die ihm später sehr zugute kamen. „Doch zeitlebens in den Krankenhaushierarchien verbringen, das war nichts für mich“, erinnert er sich. Also nutzten er und seine damalige Partnerin am 1. Januar 1987 die Chance, sich in Söchtenau als Hausärzte niederzulassen.
Drei Generationen
und ganze Familien
Die Gemeinde hatte per Anzeige im deutschen Ärzteblatt nach einem Landarzt gesucht. Den gab es damals in Söchtenau noch nicht. Die Gemeinde war gewachsen, baute in den 80er-Jahren die Infrastruktur für die Bürger aus – und wollte auch die medizinische Nahversorgung gesichert wissen.
An einem Freitag öffnete das Arztehepaar die Praxis im Gebäude der VR-Bank. „Ich erinnerte mich noch ganz genau: Bis 9.30 Uhr kam niemand, unsere erste Patientin war eine alte Frau mit zu hohem Blutdruck.“ Das erste Jahr war hart: Beushausen und seine damalige Frau lebten vom Ersparten – und kämpften um das Vertrauen der Söchtenauer. „Nach fünf Jahren lief es richtig gut.“ Heute versorgt die Praxis 1300 Patienten pro Quartal – viele von ihnen schon in der dritten Generation. Patienten, die als Kleinkinder zum ersten Mal mit einer Grippe kamen, bringen heute bereits ihre verschnupften Kinder vorbei. Ganze Familien werden von Beushausen betreut – Oma, Opa, Papa, Mama und die Kinder. Er kennt sie in der Regel gut, weiß aufgrund von Hausbesuchen, die er nach wie vor gerne macht, wie sie leben, was sie beschäftigt, wo sie der Schuh drückt, was sie freut.
Oft hat er in den vergangenen 31 Jahren Menschen auch bis in den Tod begleitet. Das hat Beushausen die eigene Angst vor dem Tod genommen. „Er gehört zum Leben“, sagt er. Stets bemüht er sich auch, das, was er seinen Patienten empfiehlt, auch selber zu befolgen: Trotzdem muss er nun, mit 66 Jahren, sagen: Jetzt fängt das (Rentner-)Leben an. Das heißt: mehr Zeit für Hobbys wie das Fotografieren und Reisen.
Intuition und langjährige Erfahrung
Der Rückzug aus der Praxis fällt ihm relativ leicht, denn vor drei Jahren hat er mit Dr. Renate Decker bereits eine neue Kollegin gefunden. Als Nachfolgerin für ihn übernimmt Dr. Ulrike Knerich, die noch bis Oktober von Beushausen eingearbeitet wird.
Immer häufiger übermannt den Landarzt in diesen letzten Wochen die Erinnerung – an schöne Begegnungen, schwierige Fälle, überraschende Diagnosen. „Sehr nahe gegangen“ ist ihm unter anderem ein plötzlicher Säuglingstod – ausgerechnet an Christi Himmelfahrt. Oder der Fall eines Patienten, der nach einem Kollaps beim Kardiologen durchgecheckt worden war – ohne Ergebnis. Das ließ Beushausen keine Ruhe, er wies den Mann in die Klinik ein und forderte eine Computertomografie: Metastasen im Gehirn wurden festgestellt. Oft ist es ein Bauchgefühl, das den Allgemeinmediziner veranlasst, nachzuforschen. „Probleme lösen wollen“, nennt er das. Intuition paart sich mit langer Erfahrung und der Bereitschaft, „nicht immer nach Schema F vorzugehen“, erklärt er.
In den vergangenen 31 Jahren haben ihn viele medizinische Entwicklungen gefreut – unter anderem die Einführung der Schutzimpfungen („nicht nur die größte Erfindung der Medizin, sondern auch der Menschheitsgeschichte“) und die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen wie der Depression. Oft ist es der Hausarzt, der sie als Erstes diagnostiziert und dann weiterleitet an den Psychiater. Überhaupt: Der Hausarzt hat, davon ist Beushausen überzeugt, eine wichtige Lotsenfunktion im Gesundheitssystem. Er kennt seine Patienten oft über Jahrzehnte hinweg. Deshalb ärgert sich Beushausen, dass die freie Arztwahl in Deutschland nach wie vor so hoch gehängt wird. Die Folgen der strukturellen Mängel, die durch das nicht vorhandene Primärarztsystem in seinen Augen entstehen: Überversorgung, Doppeldiagnosen, Behandlungsverzögerung, überlastete Facharztpraxen und Notaufnahmen in Kliniken. „Das kostet Geld und Zeit und kann sogar gefährlich werden.“
Was ihn ebenfalls ärgert: die überbordende Bürokratie. Sie führte sogar einmal dazu, dass er ein Regressverfahren wegen unzulässig verordneter Arzneimittel am Hals hatte – weil er einer depressiven Patientin ein Medikament verschrieben hatte, das nur einen Euro am Tag kostete und ihr wirklich sehr half.
Erfüllender Beruf
und sehr nah
am Menschen
Solche Kämpfe mit den Kostenträgern und die ausufernde Dokumentationspflicht sind in Beushausens Augen ein Grund für den Nachwuchsmangel bei den Landärzten. Er kann es auch verstehen, dass sich viele junge Mediziner lieber anstellen lassen, als sich mit eigener Praxis niederzulassen. Geregelte Arbeitszeiten: Die hat ein Landarzt nämlich oft nicht. „Am Anfang hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich am Wochenende zum Baden gegangen bin“, erinnert sich Beushausen an das Gefühl, allzeit bereit zu sein und immer parat zu stehen.
„Ich habe schon immer sehr viel gearbeitet, doch ich habe es sehr gern getan“, sagt er rückblickend. Und spricht eins auch offen aus: Nach wie vor verdiene es sich nicht schlecht als niedergelassener Hausarzt – vor allem auf dem Land, wo es oft große Praxen gibt. Doch nicht nur deshalb rät er allen Nachwuchskräften, es ihm gleichzumachen. Denn: „Es ist ein erfüllender Beruf, nah am Menschen, den wir Allgemeinmediziner aus einem breiten Blickwinkel betrachten, und sinnstiftend: Man kann wirklich helfen.“