Emmeran Aiblinger sitzt seit 45 jahren im Souffleurkasten

Ein Mann, ein Wort

von Redaktion

Seit 1973, also geschlagene 45 Jahre, sitzt Emmeran Aiblinger nun schon im Souffleurkasten des Theaterhauses Bad Endorf. Natürlich nicht ununterbrochen, aber kaum eine Vorstellung hat er verpasst. „Er ist unser Profi-Souffleur. Wir brauchen ihn einfach“, meint Annemarie Ramoser, Spielleiterin bei den Endorfern. Ohne den „Emmi“ gehe es einfach nicht.

Bad Endorf – Die Schauspieler sind froh, wenn er da ist. „Mit seiner ruhigen Art verströmt er einfach eine enorme Sicherheit“, sagt die Spielleiterin.

Auch seine Frau Paula ist froh, wenn er bei ihren Auftritten im Souffleurkasten schräg unter der Bühne sitzt. „Aber er muss still sein. Ich komme sonst immer draus, wenn er mitspricht. Für mich ist das fürchterlich.“ Doch ihr Mann macht ihr gleich ein großes Kompliment. „Wenn sie ihren Einsatz hat, dann ist das für mich Erholung pur. Denn ich weiß, sie ist absolut textsicher.“

Auf Souffleur spielen

Heutzutage würden die Schauspieler eigentlich alle ihren Text lernen. „Das ist Ehrensache“, wirft Spielleiterin Ramoser ein. Allerdings sei das in den 1970er-Jahren noch ganz anders gewesen, bekennt sie. Da sei „auf Souffleur gespielt“ worden, was so viel bedeutet, dass kaum einer seinen Text wirklich gut auswendig konnte. Die Schauspieler waren auf Aiblingers Stichworte angewiesen, die natürlich rechtzeitig und auch laut genug kommen mussten. „Das war für mich höllisch anstrengend, ich musste genau mitlesen“, sagt der Souffleur. Noch vertrackter wurde es, wenn Schauspieler mangels Textkenntnis anfingen, frei zu fabulieren. „Das ist vor allem für die anderen auf der Bühne problematisch, weil das Stichwort fehlt und damit ihr Anschluss nicht mehr passt“, kichert Ramoser. Doch wer damals gut schauspielern konnte, überspielte die Situation und „heimste mit seinen Spontaneinlagen oft Szenenapplaus ein“.

Für Paula Aiblinger wäre das eine grauenhafte Vorstellung. Ramoser gibt ihr Recht. „In der Wirtshausszene des aktuellen Stückels wird natürlich gegessen und getrunken. Das ist alles echt.“ Problematisch werde es, wenn ein Schauspieler kurz vor seinem Einsatz noch schnell ein Stück Breze in den Mund schiebt. „Auweia“, denkt sich die Spielleiterin dann, die auch selbst auf der Bühne steht. „Was ist, wenn er sich verschluckt und dann nur noch krächzt?“ Sei alles schon vorgekommen.

Ein groß gewachsener Mann

Doch den groß gewachsenen Mann im Souffleurkasten bringt das schon lange nicht mehr aus der Ruhe. Er kenne schließlich seine Pappenheimer und ihre „Hänger“, weil er schon zu jeder Probe zur Stelle ist. Und er spürt, wenn einem Spieler der Text „abhanden“ kommt. „Da sprechen manche plötzlich auffallend langsam oder rollen das „R“. Von anderen schnellt der Blick Hilfe suchend zum Souffleurkasten. „Die ganz Schlauen werfen gleich eine Requisite vor seinen Kasten.“ Da sei klar: „Hier geht jetzt momentan gar nichts mehr“, sagt Aiblinger. Dann kommt seine große Stunde. Leise raunt er mit fester Stimme die nächsten Worte zu oder sagt den ganzen Satz vor. „Mit Gesten versuche ich, zu helfen. So finden die meisten den Faden schnell wieder. Ein völliger Blackout kommt Gott sei dank nur sehr selten vor“, erzählt der Souffleur.

Mindestens ebenso schwierig ist es, wenn jemand immer an der gleichen Stelle im Text festhängt und dahin immer wieder zurückkehrt. Das sei wie bei einer Schallplatte. „Da kommt immer wieder die gleiche Stelle, aber es geht nicht weiter. Dann wird’s schlimm! Denn die Geschichte ist schon weiter.“

Diese Situation habe natürlich fast jeder Schauspieler schon einmal auf der Bühne erlebt, meint Ramoser. Da rauscht es plötzlich im Kopf, alles verschwimmt, alles ist weg und den Souffleur hört man nicht mehr. „Ein scheußliches Gefühl“, bestätigt auch Paula Aiblinger. „Zum Glück geht es meist wieder schnell vorbei. Es dauert oft nur ein paar Sekunden, doch gefühlt sind es Stunden“, beschreibt sie diese völlige Leere im Kopf.

Einmal habe Emmeran Aiblinger selbst auf der Bühne gestanden, doch das sei nichts für ihn gewesen. „Da verschwinde ich lieber in meinem Kasten“, sagt er. Mit einem sportlichen Schwung springt er routiniert ins „Loch“. Früher habe es noch eine Leiter gegeben, doch irgendwann war die einfach weg. Jetzt wird eine Luke geöffnet und Sprung! Im Kabuff hat er einen bequemen Sessel, eine Heizung für alle Fälle, Licht und ein Pult. „Seite für Seite lese ich im Textbuch mit oder ich gestikuliere wie wild, wenn ich sehe, dass einer der Schauspieler falsch steht und vielleicht seinen Einsatz vergeigt.“ Wichtig sei, dass alle immer wieder zum Souffleur schauen.

Und nein – viel Staub müsse er nicht schlucken. „Ich putze selbst“, sagt Aiblinger trocken. Mit 18 Jahren hätte Josefine Fröhler, besser bekannt als die „Gmoi-Peppi“, ein Endorfer Original, ihm erklärt, dass er doch lesen könne, also genau richtig für den Souffleur-Kasten sei. Das habe er dann probiert – und seither ist er der „Einsager“, der „Retter“ oder ganz einfach die „gute Seele“ auf beziehungsweise unter den Brettern, die auch in Bad Endorf die Bühnen-Welt bedeuten.

Weitere

Aufführungen

Weitere Aufführungen im Jubiläumsjahr zeigt die Theatergesellschaft Bad Endorf mit dem lustigen Bauernschwank „Doppelselbstmord – ko des sei?“ von Ludwig Anzengruber am kommenden Freitag, 10., und am 17. August, Beginn jeweils um 20 Uhr.

Kartenvorverkauf montags, mittwochs, freitags von 9 bis 13 Uhr an der Theaterkasse, Rosenheimer Straße 6, Telefon 08053/3743 oder an der Abendkasse.

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