Eggstätt/Island – „Ich liebe es, mich zu bewegen und in der Natur zu sein. Das trifft die Sache schon besser als die Bezeichnung Extremsportler“, sagt der 38-Jährige. Doch nur einfach so mit dem Mountainbike durch die Pampa zu düsen, das war dem Eggstätter schnell zu langweilig.
Doch der Reihe nach: Um ihn aus seiner Krise zu holen, baute ihm ein Freund ein Mountainbike und stellte es ihm hin. „Probier einfach mal. Vielleicht macht es dir Spaß.“ Ihre erste gemeinsame Tour auf die Kampenwand war „die Hölle“. Zu wenig Training, zu wenig Atemluft, zu anstrengend. Doch der Ehrgeiz war geweckt. Immer öfter fuhr Florian Reiterberger nun in die Berge, joggte und holte sich bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall den letzten Schliff. Dann kam Afghanistan und sein Schwur: Wenn ich hier heil rauskomme, dann mache ich beim Zwölf-Stunden-Rennen der Querfeldein-WM mit. Damit er nicht mehr auskam, hatte er sich noch aus dem Bundeswehr-Camp in Afghanistan für die WM angemeldet.
Das war der Startschuss für eine unglaubliche sportliche Karriere. Mehrere 12- und 24-Stunden-Radrennen, immer mit vorderen Platzierungen, Alpencup, und das legendäre Yukon Arctic Ultra-Rennen, das er 2016 gewinnen konnte. „Der Körper ist wie eine Maschine, aber die Rennen laufen im Kopf ab. Hier sollte kein Fehler passieren, denn hier entscheidet sich alles“, sagt Reiterberger.
Berühmt-berüchtigt sind dort die „Mind-Games“: „Die Sinne spielen dir bei derartigen hohen Herausforderungen einfach Streiche. Bei mir waren es witzige, bei anderen furchteinflößende“, sagt er. „Du läufst durch irre Kälte, plötzlich sind auf der einen Seite die Bäume voller Schnee, was ja stimmt, auf der anderen Seite sind sie grün, wie im Sommer.“ Einmal habe er einen Motorradbiker mit kurzen Ärmel auf seiner Maschine gesehen. „Das kann nicht sein, das Rennen findet bei Eis und Schnee statt!“ Ein anderer Teilnehmer des Yukon-Rennens – alle sind fast so etwas wie eine große Familie – hat einen Troll gesehen. „Beim Näherkommen war es natürlich ein Busch.“
Trolle, Feen, Zwerge und Elfen – die gibt es in den isländischen Sagen zur Genüge. „Fast zu viele“, findet Reiterberger, der vom 7. bis 25. August mit seinem Rad in Island unterwegs war. Doch diesmal ging es nicht um Platzierungen oder Rekorde, sondern nur ums „Radeln aus Spaß an der Freud“. Mit 15 Kilo Gepäck, Zelt, Schlafsack, Klamotten und Vorräte startete der Eggstätter seine Tour.
Immer im Kopf: Das Buch von Howard Dall über Island, das der Autor 1933 geschrieben hatte. „Einfach faszinierend, seine Tour wollte ich nachradeln“, sagt der 1,84 Meter große und 74 Kilo schwere Bayer.
Zunächst wollte er wie im Buch die Durchquerung der Insel von Süden nach Norden machen, aber er hatte nicht mit den Naturgewalten gerechnet. „Unbezwingbar“, so der Extremsportler kurz und bündig. „Der Sturm, der sich blitzartig zum Orkan auswachsen kann, hat mich viermal samt Radl von der Straße in den vier Meter tiefen Straßengraben geworfen. Einfach gewaltig.“
Immer dabei: sein SPOT, eine satellitengestützte Notfunkbake. Freunde und Familie wissen so immer, wo er sich in Island gerade aufhält. Das Besondere: Das Gerät hat einen Notrufknopf. „Meine Lebensversicherung, denn nach drei Minuten wird die ,Kavallerie’ in Gang gesetzt, die mich sucht.“ Aber so weit sei es nie gekommen.
Aus der geplanten Süd-Nord-Durchquerung wurde nichts, dafür machte er eine Ost-West-Passage, die sich als einsame und menschenleere Traumstrecke entpuppte. „Island ist eine landschaftlich wunderschöne Insel und absolut empfehlenswert. Aber Regen und Wind sind gnadenlos.“
Die Rucksacktouristen, die er unterwegs traf, waren durch die Bank nett. Sehr freundlich war ein Nordkoreaner, der seit zwei Jahren mit dem Fahrrad unterwegs ist. „Er gab mir etliche Tipps, wo Camping schön und das Wasser gut ist. Er war ein echter Kamerad“, meint Reiterberger. Ganz im Gegensatz zu manchen deutschen Touris, für die er sich bisweilen sogar schämte: „In Island ist es Sitte, beim Betreten eines Hauses die Schuhe auszuziehen. In einer kleinen Bar wurden zwei deutsche SUV-Fahrer höflich daran erinnert. Sie lehnten es einfach hochmütig ab. Unglaublich! Die waren nicht aus Bayern, ganz sicher nicht!“