Interview mit Dr. Wilfried Zink zum heutigen Weltkopfschmerztag

Espresso mit Zitrone statt Tabletten

von Redaktion

Rohrdorf – Dass einem mal der Schädel brummt, kennt wohl jeder. Experten zufolge leiden in Deutschland mehr als 70 Prozent der Menschen zeitweise unter einer der mehr als 300 verschiedenen Arten von Kopfschmerz. Anlässlich des heutigen Weltkopfschmerztages haben die OVB Heimatzeitungen mit Dr. med. Wilfried Zink über das Volksleiden gesprochen. Der Mediziner (Jahrgang 1944) betreibt seit 1986 eine hausärztliche Praxis im Rohrdorfer Ortsteil Thansau. Er verfügt darüber hinaus über Zusatzqualifikationen für Osteopathie und Akupunktur und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit integrativer Schmerztherapie und Orthomolekularer Medizin.

Herr Dr. Zink, es gibt wohl kaum jemanden, der nicht schon einmal unter Kopfschmerzen gelitten hat. Wann sollte man damit zum Arzt gehen?

Kopfschmerzen sind die zweithäufigste Schmerzform nach Rückenschmerzen. Leichte vorübergehende Kopfschmerzen lassen sich mit Hausmitteln oder einfachen Schmerzmitteln selbst behandeln. Ein Arzt sollte immer dann konsultiert werden, wenn nach Kopfverletzungen zeitverzögert Kopfschmerzen auftreten, wenn der Kopfschmerz plötzlich einschießt und sehr stark ist oder wenn der Kopfschmerz mit Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen, steifem Nacken, Sehstörungen, Sprachstörungen, Verwirrtheit, Hörverlust und/oder Bewusstseinsverlust verbunden ist.

Hinter Kopfschmerz steckt ja manchmal mehr. Ist es also sinnvoll, die ersten Anzeichen gleich mit Medikamenten zu bekämpfen?

Wie bei allen anderen Erkrankungen sollte auch beim Kopfschmerz zunächst die Art des Kopfschmerzes diagnostiziert werden. Dass dies oft nicht einfach ist, zeigt die inflationäre Anzahl von verschiedenen Kopfschmerzarten. Eine grobe Einteilung ergibt sich aus der Differenzierung zwischen primärem und sekundärem Kopfschmerz. Die primären Kopfschmerzen sind dadurch gekennzeichnet, dass eine Ursache nicht gefunden werden kann.

Dazu zählen Spannungskopfschmerzen, Migräne, Trigemino autonome Kopfschmerzen und Clusterkopfschmerz. Insbesondere für die drei letztgenannten Kopfschmerzen sind spezielle Medikamente und Therapiemaßnahmen notwendig. Sekundäre Kopfschmerzen können als Begleitsymptome verschiedenster Erkrankungen auftreten, die zum großen Teil auch lebensbedrohlich sind und deshalb eine Diagnose unabdingbar ist.

Und wenn Tabletten oder ähnliches: Worauf ist dann zu achten?

Die Pharmaindustrie bietet zur Kopfschmerzbehandlung verschiedene Wirkstoffe als Monosubstanzen aber auch in Kombination an (zum Beispiel ASS/Diclofenac/Ibuprofen/Paracetamol). Diese Stoffe sind biochemisch hochwirksam und werden auch von der entsprechenden Fachgesellschaft (Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft) empfohlen. Leider können die Nebenwirkungen bei längerer und wiederholter Einnahme beträchtlich sein und bis hin zu Organschädigungen führen. Außerdem kann sich bei chronischer Einnahme der Substanzen ein medikamenteninduzierter Kopfschmerz entwickeln, der den Patienten dazu verleitet, die Medikamentendosis noch zu erhöhen.

Viele Betroffene schwören auf Hausmittel wie Espresso mit Zitrone. Kann das eine sinnvolle Alternative sein?

Wenn man nicht gleich zu einer Tablette mit genau definiertem Wirkstoffinhalt greifen will, kann das eine sinnvolle Alternative sein, denn das Koffein im Espresso kann die Produktion von Entzündungsstoffen (Prostaglandin) hemmen; es kann gefäßerweiternd im Gehirn wirken; und es kann das schmerzlindernde Noradrenalin im Gehirn erhöhen. Das Vitamin C in der Zitrone ist ein Multitalent unter den Vitaminen und schützt als wichtigstes wasserlösliches Antioxidans Zellen und Membranen vor oxidativem Stress und somit vor Entzündung und Schmerz.

Gerade in unserer Region ist der Föhn-Kopfschmerz ein weit verbreitetes Phänomen. Wie können sich wetterfühlige Menschen schützen?

Laut Umfragen ist jeder zweite Bürger in Deutschland wetterfühlig, und viele glauben, dass der warme Fallwind aus den Alpen an einem Schmerz des Schädels schuld ist. Das Wetter hat natürlich einen Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden. Ein Zusammenhang zwischen Föhn und Kopfschmerz konnte jedoch bis heute wissenschaftlich nicht geklärt werden. Dementsprechend kann nur ein Bündel von Maßnahmen einen gewissen Schutz vor dem Phänomen des Föhn-Kopfschmerzes schützen. Dies beinhaltet jedoch eine Optimierung unseres Lebensstiles: Viel Bewegung in frischer Luft, moderater Sport, adäquate Ernährung, gesunde Skepsis gegenüber den uns angebotenen Nahrungsmittel- und Diätempfehlungen, moderater Genussmittelkonsum und ausreichende Zeit für physische und psychische Entspannung.

Und was zur Wiesn-Zeit für viele von Interesse sein dürfte: Wie schützt man sich am besten vor einem gewöhnlichen Kater?

Ganz entscheidend sind natürlich die Menge des aufgenommenen Alkohols und das Trinktempo. Daneben empfiehlt es sich, vor dem Trinken eine stabile Grundlage zu schaffen in Form einer etwas fettreichen Mahlzeit. Das verhindert den schnellen Übergang des Alkohols vom Magen in den Dünndarm und somit eine schnelle Resorption. Wird der Alkohol dann im Körper abgebaut, fördern die Abbauprodukte das Ausscheiden von Wasser über die Nieren. Mit der Wasserflut kommt es zu Elektrolytverlusten und zu einer Austrocknung des Körpers. In dieser Situation ist es in keiner Weise hilfreich, den entstehenden Durst mit noch mehr Alkohol zu löschen. Hier kann nur Wasser helfen, das man auch zwischendurch immer wieder trinken sollte. Auch die Art der Alkoholika haben einen Einfluss auf Rausch und Kater. So kann Hochprozentiges wie Obstbrände, Rum, Whiskey usw. Begleitalkohole wie Methanol oder Fuselalkohole enthalten, die die Katerstimmung verstärken. Für Bier gilt: Obergäriges Weizen induziert mehr Kopfschmerz als untergäriges Märzenfestbier. Ist trotz allem ein Medikament notwendig, sollte kein Paracetamol eingesetzt werden, da es die malträtierte Leber zusätzlich schädigt. Interview: Marisa Pilger

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