Aschau – Das Auto ist gepackt, nach bestem Wissen und Gewissen hergerichtet, sie selbst sind geschniegelt und gebügelt – wenn es nach ihnen ginge, sollte es jetzt am besten sofort losgehen. Doch zunächst einmal heißt es warten.
Schließlich dauert es seine Zeit, bis sich alle der 170 Teams eingefunden haben, die sich für dieses Abenteuer anmeldeten und dann müssen sich ja alle auch noch registrieren lassen. Erst mit der Registrierung gibt es übrigens auch das sogenannte Roadbook, das nicht nur die einzelnen Aufgaben enthält, die entlang der rund 5000 Kilometer bewältigt werden sollten (wir berichteten), sondern vor allem auch die Route selbst.
Aufgaben
im Roadbook
Bislang war nur klar, dass es über Italien Richtung Cote Azur gehen würde, jetzt, mit dem Roadbook weiß man: das erste Etappenziel heißt Bormio in Südtirol. Die meisten der Teams sind ab diesem Zeitpunkt gut beschäftigt, denn es sind Teilnehmer aus England, Irland, Polen, Schweden, etliche aus Belgien und viele aus den Niederlanden dabei.
Die müssen sich erst einmal orientieren: Wo ist Aschau, wo Südtirol und wie kommt man von hier nach dort. Auch die vielen Teams aus den nördlicheren Teilen Deutschland schütteln Ortskenntnis jenseits des Brenners nicht so aus dem Ärmel und deshalb ist auf mindestens jeder zweiten Motorhaube eine große Karte ausgebreitet, darüber mehr oder weniger angestrengte Gesichter. Die heute übliche Lösung: „Ziel ins Navi eingeben und ab geht’s“ ist in dieser Rallye nicht erlaubt und bei manchen, man sieht es, ist der Umgang mit einer Karte eindeutig schon länger her.
Waldemar Fuchs und Christian Frank, die sich den Teamnamen „Chiemgauner“ gegeben haben, tun sich hingegen vergleichsweise leicht. Für einen aus der Gegend südlich von München – also gewissermaßen für einen Norditaliener – ist zumindest die Strecke bis zum Gardasee fast ein Heimspiel. Als Bormio erst einmal auf der Karte entdeckt ist, ist auch die grobe Route – Meran und dann irgendwie rechts weg – schon klar, zumal in dieser ersten Etappe die Benützung von Autobahnen noch erlaubt ist. Bleibt also Zeit für einen Rundgang über das „Fahrerlager“, bei der die beiden auch gleich eine positive Entdeckung machen.
Ihr Gefährt ist ja ein Mazda 929, mittlerweile relativ selten in Deutschland, und relativ lang glaubten sie auch, überhaupt der einzige Mazda bei dieser Rallye zu sein, während BMW und Mercedes relativ häufig gewählte Vehikel sind. Leicht enttäuscht waren sie deshalb, als sie relativ kurz vor Anmeldeschluss feststellten, dass sie nicht alleine sind, dass vielmehr Mazda selbst bei dieser Rallye mit mehreren Autos vertreten ist. Doch kein Schaden ohne einen Nutzen, wie sich jetzt herausstellt: Um etwaige Ausfälle brauchen sie sich von nun an keine Sorgen mehr zu machen, unter den Mazda-Piloten sind auch Kfz-Profis.
Andere sind da mehr aufs Gottvertrauen und auf den Glauben an ihr Vehikel angewiesen, das laut Reglement ja mindestens 20 Jahre alt sein muss. Weil aber Vertrauen gut, Kontrolle jedoch besser ist, sieht man recht häufig geöffnete Motorhauben in die ein letzter prüfender Blick geworfen wird. Manche werden dabei auch fündig, wie Jens Christiansen aus Schleswig-Holstein, dessen BMW wegen einem Riss im Ansaugschlauch Falschluft zieht. Für ihn kein Grund zur Panik, denn die Sache ist mit einem bisschen Klebeband, wie er findet, optimal repariert: „Solang das Klebeband dran ist, ist alles in Ordnung, und ob es dran ist, seh ich ja sofort.“
Porsche aus
den 60er-Jahren
Überhaupt zeichnet die Fahrer alle ein entspanntes Verhältnis zu ihren Autos aus. Selbst jene, die mit einem veritablen Oldtimer auf Tour gehen. Wie etwa Matthias Knobelsdorf aus Hamburg, der mit einem Porsche aus dem 60er-Jahren teilnimmt, einem Fahrzeug, das andere höchstens am Sonntagnachmittag und nur bei schönem Wetter kurz vor die Garage stellten: „Die Autos sind zum Fahren da, Autos die nur noch zum Anschauen rumstehen, sind keine mehr“ meint er.
Und spricht damit Thomas von der Wehl aus der Seele, der mit einem Jaguar – ebenfalls aus den Sechzigern – an den Start geht: „Die Rallye wird dem Auto nicht schaden, wir fahren einfach vorsichtig. Wenn der Lack trotzdem was abkriegt – das kann man ausbessern und die Technik – die wird schon halten“ meint er, kontrolliert nach dem Gespräch aber doch vorsichtshalber noch einmal den Ölstand.
Die Lockerheit der Fahrer sorgt auch dafür, dass es auf dem Startplatz bei weitem nicht nur besorgte Blicke auf Motoren oder grübelnde Blicke in die Karten gibt. Es herrscht vielmehr so etwas wie eine recht ausgelassene Partystimmung, zu der die Outfits mancher Teams nicht wenig beitragen. Wie etwa die zwei aus Magdeburg, die ihr Fahrzeug als Crashtest-Dummies pilotieren, oder die beiden Belgier, die als SuperMarios ihr Glück versuchen.
Spaß haben – das ist denn auch durchgängig die Motivation aller Teilnehmer, wobei der Spaß erst dadurch richtig groß wird, dass man ihn mit anderen teilen kann: Mit Leuten ganz unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters, die man vorher nicht kannte, mit denen man aber im Nu zusammenwächst.
Startgebühr für
den guten Zweck
Benjamin Wirth aus Neustadt an der Aisch bringt es auf den Punkt: „Die Rallye hat noch gar nicht angefangen aber macht schon so viel gute Stimmung, dass ich schon jetzt sicher bin, nächstes Jahr wieder dabei zu sein.“
Kein eigennütziger Spaß übrigens, denn zur Teilnahmevoraussetzung gehört, dass man Spenden in Höhe von mindestens 500 Euro für einen karitativen Zweck seiner Wahl nachweist. Bei 170 Teilnehmern darf man immerhin von mindestens 100000 Euro ausgehen, die da zusammengekommen sind. Frank und Fuchs haben sich neben der Bergwacht die Aktion Silberstreifen aus Vogtareuth ausgesucht und hoffen, dass der bislang gesammelte Betrag von knapp 800 Euro bis zum Zieleinlauf in Amsterdam noch um ein gutes Stück anwächst.
Vorher ist jedoch erstmal die Abfahrt angesagt. Davor aber steht für die beiden noch der Abschied von Frauen, Kindern und Freunden. Sie wirken dann doch ziemlich erleichtert, als die Rallyeleitung gegen 12 Uhr den Start freigibt und sie endlich, endlich in ihrem Mazda Platz nehmen können. Und als sie sich in die Kolonne eingereiht und den Parkplatz verlassen haben, wird dann, so darf man vermuten, endgültig alle angesammelte Anspannung von ihnen abgefallen sein. Denn dann hat das große Abenteuer begonnen.
Aktuelle Infos zu den „Chiemgaunern“ gibt es immer wieder auf www.facebook.com/
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