Aschau – Aschaus Bürger sind zu fast 40 Prozent über 60 Jahre alt. Das liegt nicht etwa daran, dass alle jüngeren davonlaufen, sondern der Grund ist vielmehr der Zuzug der Älteren: Aschau ist eine Gemeinde, in der man gern seinen dritten Lebensabschnitt verbringt. Das wiederum liegt natürlich an der Schönheit der Landschaft, aber nicht nur. Es liegt auch daran, dass sich Aschau schon seit Jahren aktiv um seine älteren Mitbürger kümmert und hier immer wieder mit neuen Einfällen aufwartet. Der jüngste ist eine Veranstaltung, die sich „Aschauer Senioren im Dialog mit dem Bürgermeister“ nennt und die jetzt erstmals stattfand. Den Versuch, den Senioren die Scheu vor ihrer Gemeindeverwaltung zu nehmen, sie davon zu überzeugen, dass das eine Einrichtung ist, die für sie, mit ihnen und nicht über sie hinwegarbeitet, gibt es in Aschau schon länger. Seit einigen Jahren veranstaltet man den Tag des offenen Rathauses, an dem die Gemeindeverwaltung sich und die vielfältigen Angebote des Ortes für die Senioren vorstellt.
Die Dialoge mit dem Bürgermeister sollen sich in Zukunft mit den offenen Rathaustagen abwechseln und einen noch direkteren Kontakt ermöglichen. Hier soll, so die Vorstellung, der Bürgermeister einen Überblick über Neues in der Gemeinde geben, vor allem aber sollen die Senioren die Möglichkeit haben, Probleme, Wünsche und Fragen direkt an den Mann bringen zu können.
Die tiefere Idee dahinter kann man am besten mit zwei Wünschen beschreiben, die Bürgermeister Peter Solnar an seine Aschauer hat und die zu wiederholen er nicht müde wird, auch bei der Auftaktveranstaltung des Bürgerdialogs nicht: Erstens: Mund aufmachen, Meinung äußern. Zweitens: Zähigkeit statt Zaghaftigkeit.
Was darunter zu verstehen ist, zeigt sich recht schön an einem Problempunkt, der beim Dialog von den Senioren vorgebracht wurde: Die Gestaltung des Aschauer Bahnhofs, die weder behinderten- noch seniorengerecht sei. „Die Gemeinde“, so Peter Solnar, „sucht hier seit Langem eine neue Lösung, scheitert aber bislang daran, dass kleine Lösungen wie etwa Rampen von der Bahn als Flickwerk abgetan werde, für die große Lösung, ein entsprechender Umbau der Bahnsteige, nach Aussage der Bahn aber das Fahrgastaufkommen zu gering ist.“ Sich damit zufriedenzugeben, nach dem Motto, „wenn das so ist, dann kann man da halt nichts machen“, sei, so Solnar, der falsche Weg. Deshalb bleibe die Gemeinde, sollten auch die Bürger hartnäckig an dem Thema dranbleiben, frei nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“.
Die feste Überzeugung, dass die Haltung „das bringt doch eh nichts“ ebenso grundfalsch sei wie die Meinung, mit kleinen Schritten komme man nicht zum Ziel, zog sich auch durch das Rahmenprogramm rund um das eigentliche Bürgermeistergespräch. Hier sollen auch in Zukunft Tipps und Anregungen gegeben werden, die das Leben leichter machen.
Bei der Auftaktveranstaltung des Seniorendialogs stellte sich Brigitte Neumeier aus Rosenheim vor, die für den Landkreis zusammen mit zahlreichen ehrenamtlichen Helfern in vielen Gemeinden Wohnraumberatungen anbietet. In Aschau ist dies Margarete Getto. Beide versuchten klarzumachen, dass eine Optimierung der heimischen Umgebung keine Grundsanierung voraussetzt, vor der jeder zurückschreckt, weswegen viele erst gar nicht anfangen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Vielmehr könnten ganz kleine Maßnahmen oft große Verbesserungen bringen, wie etwa ein Handlauf ins Kellergeschoss. Das müsse gar kein aufwendiges Geländer sein, oft reiche schon ein an mehreren Punkten befestigtes Seil um den Keller wieder zu einem erreichbaren Teil der Wohnung zu machen.
Auch simple Bewegungsmelder, die automatisch beim Betreten eines Raumes das Licht anmachten, könnten ein großes Plus an Lebensqualität bieten: Der nächtliche Weg zur Toilette sei dann kein Hindernislauf mehr, den man aus Angst hinzufallen solange hinausschiebt wie möglich.
Den Wunsch an die Senioren, sie möchten solche Angebote wie die kostenlose Wohnraumberatung ausprobieren und den Standardeinwand „das ist doch eh nichts für mich“ einfach mal hintanstellen, hatte auch Philipp Ramming, der Seniorenbeauftragte der Gemeinde Aschau, der den Nachmittag moderierte. Zwar würden die vielfältigen Angebote, die es in der Gemeinde gäbe, durchaus genützt, aber doch nur von einem harten Kern aktiver Senioren, der etwa ein Drittel der Altersgruppe ausmache.
Das sei schade, denn schließlich gebe es in Aschau immer wieder sehr innovative Projekte, die ein noch größeres Publikum verdienen. Eines davon stellte Birgit Böhm von der TU München vor. Es trägt den Namen „Druck runter – Aktivität rauf“ und baut auf der Tatsache auf, dass selbst mäßige Bewegung die Gefäße stärkt und damit Leben verlängern kann. Im Rahmen dieses Projektes kann man sich einen Schrittzähler ausleihen und so überprüfen, ob man in die Nähe der 10000 Schritte pro Tag kommt, die für Herz und Gefäße optimal wären.
Weil das alleine kaum jemand schafft, hat man sich ein Konzept ausgedacht, bei dem Senioren auf sieben verschiedenen Strecken zusammen mit Aschauer Schulkindern den allmorgendlichen Weg zur Schule zurücklegen (wir berichteten). Der Nutzen ist ein doppelter: Die Schulkinder müssen ihren Weg nicht unbegleitet machen und die Senioren haben für ihren täglichen Marsch ein festes Ziel und einen festen Zeitpunkt – Möglichkeit zu Kontakt und Ratsch inbegriffen.
Möglichkeit zu Kontakt und Ratsch
Überhaupt scheint es ein Kennzeichen der Aschauer Seniorenangebote zu sein, dass man sich sehr nah an der Alltagswirklichkeit orientiert. So sind die nächsten angedachten Angebote nicht nur Gedächtnistraining und Computerkurse, die mittlerweile zum Standardangebot vieler Einrichtungen zählen, sondern auch ein E-Bike-Training, ein Führerschein-Auffrischungskurs oder schlicht eine Anleitung zum Bedienen der Fahrkartenautomaten am Bahnhof. Hierfür zumindest stand am Samstag ein Teilnehmer schon fest: Bürgermeister Peter Solnar, der gestand, unlängst testhalber aber vergebens versucht zu haben, dem Automaten eine Fahrkarte zu entlocken.