Oberaudorf – Leise und beschaulich plätschert der Auerbach ins Tal. Der Pegel in Bad Trißl misst in diesen Tagen ohne nennenswerte Niederschläge einen Abfluss von gerade einmal 0,25 Kubikmeter pro Sekunde. Das Monatsmittel beträgt im Normalfall 1,3 Kubikmeter pro Sekunde. Sein breites Bett bietet nicht nur zahlreichen Pflanzen, Tieren und Insekten einen idealen Lebensraum, sondern lädt auch viele Erholungssuchende an warmen Tagen zu einem erfrischenden Bad in einer der zahlreichen Gumpen ein, die es seit der Renaturierung hier gibt.
Allerdings kann der Auerbach auch anders daherkommen. Seine Fließstrecke von rund 26 Kilometern umfasst ein Einzugsgebiet von 46 Quadratkilometern. Da wird bei lang anhaltendem Starkregen aus dem Plätschern schnell ein unbändiges Tosen, mit denen sich die Fluten ihren Weg ins Tal bahnen.
Zu den heftigsten Ereignissen in den vergangenen Jahren zählt unter anderem das Hochwasser vom 23. August 2005 mit einer zeitweisen Durchflussmenge von 2340 Kubikmeter pro Sekunde. Auch in den folgenden Jahren gab es immer wieder Hochwasserereignisse. So musste zum Beispiel 2016 die Brücke bei Bad Trißl wegen Hochwasser beeinflussten Schäden voll gesperrt und komplett neu errichtet werden.
Brücke komplett
neu errichtet
Nicht umsonst fällt er unter die Kategorie der „Wildbäche“. „Ein zusätzliches Problem bei Wildbächen sind die großen Mengen an Holz, Geschiebe und der Gesteinsschutt, die solche Bäche nach Starkregen oft mit sich führen“, erklärt Dr. Hadumar Roch. Er ist Abteilungs- und Fachbereichsleiter beim Wasserwirtschaftsamt in Rosenheim.
Der Feststofftransport bereitet den Wasserwirtschaftsexperten sorgen, da sich das Material gerne festsetzt und für ungewollte Aufstauungen sorgt. Um die Wassermassen in die richtigen Bahnen zu lenken werden wasserwirtschaftliche Bauwerke benötigt. Dazu gehören Staustufen, Rückhaltebecken oder Stützmauern. Allein im Auerbachgebiet existieren davon rund 500 Stück. Grundsätzlich zuständig für deren Ausbau und Unterhalt ist das Wasser- und Wirtschaftsamt.
„Es gab in der Vergangenheit Niederschlagsereignisse, die dazu geführt haben, dass der Röthenbach, der durch den Ort fließt, ebenfalls über seine Ufer getreten ist“, erinnert sich Oberaudorfs Bürgermeister Hubert Wildgruber. Allein für Röthenbach und Dorfbach wurden seit 1938 rund ein Dutzend Ereignisse inklusive eines Murgangs verzeichnet. Während man vor Jahrzehnten noch die Auffassung vertrat, dass Wasser auf dem schnellsten Weg zu Tal zu bringen ist, werden heute andere Konzepte entwickelt.
Dazu läuft in Oberaudorf derzeit eine Studie für ein „Integrales Wildbachentwicklungskonzept“. Ziel ist das bestehende Schutzsystem im Wildbacheinzugsgebiet kritisch zu überprüfen und durch eine ganzheitliche Betrachtung wildbachrelevanter Einflussfaktoren schrittweise an zukünftige Schutzziele anzupassen.
Dafür wurde das gesamte Einzugsgebiet mithilfe modernster Technik auf den Quadratmeter genau vermessen. Meter für Meter werden die Ufer begangen und in Augenschein genommen. Die Experten steigen sogar in die Archive ein und beschäftigen sich mit der Historie vergangener Hochwasserereignisse und Murenabgänge, um Rückschlüsse für ihre künftige Planung ziehen zu können.
Dabei setzt man auch auf Spezialisten aus dem benachbarten Italien, die mit neuesten Erkenntnissen zum Gelingen des Vorhabens beitragen sollen. „Bei der Planung berücksichtigen wir die Dimensionen eines hundertjährlichen Hochwassers und kalkulieren dabei außerdem noch einen Klimazuschlag von 15 Prozent ein“, sagt Thomas Brandner, der im Rosenheimer Wasserwirtschaftsamt für Gewässerentwicklung und Wasserbau in Oberaudorf zuständig ist.
Über eines sind sich die Experten bereits heute schon im Klaren: trotz aller baulicher und technischer Maßnahmen, die im Auerbachgebiet ergriffen werden, verbleibt immer noch ein Restrisiko. „Die Natur ist nicht zu 100 Prozent planbar“, resümiert Dr. Roch und empfiehlt privaten Bauherrn bereits in der Planung von Häusern, die im Hochwassereinzugsbereich liegen, auf den Hochwasserschutz zu achten. „Vielfach werden heute Hauseingänge ebenerdig geplant, früher hat man die Keller höher hinaus gebaut, so das Oberflächenwasser nicht einfach eindringen konnte.“
Wildholz sorgt
für Probleme
Mit der Renovierung eines Bauwerkes in Höhe der Laurentiusquelle wurde bereits in der Regie des Wasserwirtschaftsamts begonnen. Hier wollen die Gewässerexperten das Wildholzgeschiebe besser in den Griff bekommen sowie die Ableitung des Wassers durch ein Rohrsystem optimieren. Die Arbeiten werden derzeit von der Flussmeisterei Rosenheim ausgeführt.
„Bei solchen Vorhaben stimmen wir uns nicht nur mit der Gemeinde, sondern auch mit den betroffenen Anliegern ab“, sagt Thomas Brandner. Die Gemeinde Oberaudorf weist darauf hin, dass weitere Begehungen und Befahrungen der Uferzonen durchgeführt werden und bittet dabei um Unterstützung und Nachsicht bei den Anrainern.