Nußdorf/Samerberg – Von weitem konnte man schon das ungeduldige Trappen und Wiehern der Pferde hören, die für eine ungewöhnliche Aufgabe von ihren Reitern hergerichtet wurden: Sie sollten nämlich gleich den Nachbau einer Innplätte von Nußdorf stromaufwärts bis nach Windshausen ziehen. Die Akteure waren allesamt in historisch nahempfundenen Trachten und Gewändern gekleidet.
Alsbald nährte sich eine Kolonne weiterer Pferde mit Saumsattel und Lastkarren, mit denen Samer weitere Transportgüter brachten. Kisten, kleine Fässer und Getreidesäcke gehörten zum Ladegut, das von Helfern wohl geordnet an der Landungsbrücke in Nußdorf niedergelegt wurde. Weitere Helfer brachten vorsichtig die Waren über eine hölzerne Rampe auf die Plätte, wo sie gut verstaut wurde. Schon bald war das rund neun Meter lange Schiff gefüllt und die Besatzung machte sich zur „Naufahrt“, also zur Bergfahrt, bereit. Schon brachten sich die Reiter mit ihren Pferden in Position und übernahmen ein Zugseil, dass mit der Plätte verbunden war. Ein Hornist gab schließlich das Signal zum Aufbruch. Sechs Pferde zogen nun die Plätte sanft an. An ihrer Spitze war der Reiter, der eine besondere Funktion hatte: der Stangenreiter. Mit einem langen „Stecken“ lotete er früher den Fahrtweg des Schiffszuges aus, denn damals änderte der Fluss ständig sein Bett und es war stets mit Untiefen zu rechnen.
So oder so ähnlich muss es sich in der Vergangenheit regelmäßig an den Gestaden des Inns abgespielt haben. „Auf überoi! In Gotts Nam! So is da Tag oh ganga von an Schiffszug in da fria und so soi´s bei uns heid a losgeh“, sagte Hansi Straßburger, Zweiter Vorsitzender der Nußdorfer Schiffleut, der das kleine Historienspiel, dem zahlreichen Zuschauer beiwohnten, fachmännisch über Lautsprecher kommentierte. Für den Fall, dass einer der Besatzungsmitglieder unfreiwillig außer Bord gehen sollte, sicherten drei Motorboote von THW und Wasserwacht das Geschehen ab.
Es war der 23. Januar 1894, als der letzte Nußdorfer Schiffsmeister, Wolfgang Dettendorfer, einen Brief aus dem weit entfernten Wien in Empfang nahm. „Wir teilen höflich mit, daß wir auf die uns offerirten Pletten pro 1894 nicht reflektieren, weil wir für selbe keinen Bedarf haben,“ schrieb ihm ein Handelspartner aus Wien, wohin Dettendorfer bis dahin Kalk auf Innplätten transportiert hatte. Noch von 1870 bis 1890 florierte der Transport großer Kalk- und Zementmengen von Tirol in Richtung Wien.
Dieser Brief besiegelte das Aus für eine jahrhundertlange Ära des Güterverkehrs auf dem Inn. So sehen es jedenfalls die Historiker. Vermutlich ist zu dieser Zeit, vor rund 124 Jahren, auch die letzte Plätte auf dem Inn gefahren. Das Ende sei bereits 1851 abzusehen gewesen, als mit einem Staatsvertrag zwischen Österreich und Bayern der Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Kufstein und Rosenheim beschlossen wurde, die dann schon sieben Jahre später in Betrieb ging.
Die Samer vom Samerberg und die Schiffleut aus Nußdorf verbindet eine jahrhundertalte Zusammenarbeit, denn die Schiffzüge waren zu ihrer Blütezeit schwer, so dass viele Pferde benötigt wurden. Die Samer vom „Rossersberg“ (Samerberg) waren bekannt für ihre besonders belastbaren und ausdauernden Pferde und stellten daher ein Großteil der Zugtiere für den Schiffszug.
Als im vergangenen Jahr Michael Sattlberger von der „Gruppe der Historischen Samer vom Samerberg“ im Grainbacher Trachtenverein eine Plätte nach einem Original nachbaute, kam die Idee auf, mit dieser Plätte den Inn zu befahren.
Als der Schiffszug, der von einer großen Zuschauergruppe begleitet wurde, in Windshausen am Plättenstadl ankam, gab es einen herzlichen Empfang, begleitet von Blasmusik und Köstlichkeiten.