von Redaktion

Zum heutigen Tag der Bibliotheken: Besuch in Klosterbibliothek Reisach

Reisach – „Wenn es um Bücher ging, waren die Bayern eindeutig die besseren Preußen.“ Das sagt der Historiker Dr. Bernhard Lübbers, Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg. Und liefert mit diesem Satz die Erklärung dafür, warum das Kloster Reisach in Niederaudorf trotz Säkularisation heute über einen völlig ungeplünderten Bestand von gut 5000 Bänden aus der Zeit vor 1800 verfügt.

Säkularisation: Das waren die Jahre 1802 und 1803, in denen allein in Bayern rund 160 Klöster aufgelöst wurden, weil sie, wie man damals sagte, dem Aufbau eines modernen und effektiven Staates im Wege stehen würden. Natürlich ging es dabei auch – und nicht zuletzt – ums Geld. Über den Abtransport gerade der materiellen Güter gibt es deshalb viele Geschichten, etliche davon beziehen sich auf die Rücksichtslosigkeit, mit der man mit alten Büchern umgegangen sei. Raus aus den Klöstern hätten sie müssen, koste es, was es wolle. Weil man dann aber nicht recht wusste, wohin damit, hätte man sie wie in Rott am Inn zum Bau einer Furt über den Fluss, zum Ausbessern von Straßen oder schlicht zum Heizen verwendet.

In Bayern jedoch, davon ist der Regensburger Historiker und Bibliothekar Bernhard Lübbers überzeugt, treffen diese Schauergeschichten nicht die Realität. Zwar wurde auch hier hemmungslos geplündert – aber gewissermaßen „mit Stil und mit System“.

So klopfte im Jahr 1803 kein ungebildeter Mob an die Tür der Reisacher Bibliothek, sondern ein kurfürstlicher Kommissär. Seine Aufgabe war es, den Bestand der Bibliothek auf wertvolle Handschriften hin zu durchforsten, die dann nach München in die kurfürstliche Hofbibliothek, den Vorläufer der Bayerischen Staatsbibliothek, gebracht worden wären.

Besuch vom

Kommissär

Da das Kloster Reisach – damals noch Kloster Urfahrn genannt – relativ jung war, gerade mal 72 Jahre alt, war dem Kommissär wohl schnell klar, dass hier wohl nicht alte Handschriften zu finden sein würden. Was die vorhandenen gedruckten Bücher anbelangte, so war die Sache komplizierter und nicht von jetzt auf gleich zu lösen. In den letzten Monaten des Jahres 1803 waren ja auch alle anderen Bettelorden in Bayern aufgelöst worden, in München deshalb schon rund 30000 Bücher auf Lager, die erst mal katalogisiert und ganz banal untergebracht werden mussten. Er fertigte deshalb nur eine Liste des Reisacher Bestandes an – die in München würden dann entscheiden müssen, ob hier noch etwas Interessantes vorhanden wäre, das sich nicht schon in den bereits eingesammelten Büchern fände. Man wollte nämlich – ganz effektive Verwaltung – Dubletten in der Hofbibliothek vermeiden. Anhand der Liste würde man den verbleibenden Bibliotheksbestand dann auch aufteilen können in Bücher, die nach München zur Versteigerung gebracht werden sollten, und solche, die man – vor allem wegen „abergläubischen Inhalts“ – lieber nicht unters Volk bringen wollte, und deshalb an Papierfabrikanten verkaufte.

Bibliothek

wird versiegelt

Für den Moment jedenfalls war die Aufgabe des Kommissärs in Reisach erledigt, es blieb ihm nur, die Bibliothek zu versiegeln, was am 20. März 1803 geschehen sein soll. Warum sie auch in den folgenden Monaten und Jahren unangetastet blieb, hat wohl viel mit Zufall zu tun: Die Klostergemeinschaft Urfahrn wurde nicht komplett aufgelöst, sie rutschte vielmehr in eine Art „Zwischenstatus“. Das Kloster wurde zu einem Sammel-Altenheim für den Karmeliterorden; seit 1803, so sagt die Chronik des Klosters, seien hier 24 Patres und fünf Brüder „zum Aussterben eingesperrt gewesen“. Zumindest aber bestand damit für die Auflösung der Bibliothek kein unmittelbarer Handlungsbedarf mehr, denn die Klosterbauten konnten im Moment sowieso nicht anderweitig verwendet werden. Das traf sich gut, denn amtlicherseits war man mittlerweile voll und ganz mit den Bibliotheken der reichen ständischen Klöster beschäftigt, die nun zur „Abwicklung“ anstanden.

Erst einmal aus dem Aufmerksamkeitsbereich der Verwaltung verschwunden, versteckte sich die Reisacher Bibliothek erfolgreich hinter ihrer Versiegelung bis ins Jahr 1837, in dem das Kloster wieder offiziell zur Nutzung durch die Karmeliter freigegeben wurde. Auch in den nachfolgenden 151 Jahren konnte es seinen ursprünglichen Zustand bewahren.

Heute, im Jahr 2018, fällt der Besucher für einen Moment aus der Zeit und findet sich wieder in der Welt klösterlicher Gelehrsamkeit um 1800. Zwar waren die Karmeliter weniger an der vordersten Front des theologischen und wissenschaftlichen Denkens wie etwa Franziskaner und Dominikaner, die beiden anderen großen Bettelorden. Trotzdem nahm auch in ihrem Leben die Bibliothek einen hohen Stellenwert ein, was man auch daran sehen kann, dass sich die Bibliothek direkt hinter dem Hochaltar befindet – in einer Achse mit Gruft, Sakristei und Chorgebetsraum.

Ein Ort stiller Gelehrsamkeit

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