Die 6-Zylinder-Musi spielte auf.
Kinderchor Neubeuern.
Die 6-Zylinder-Musi spielte auf.
Kinderchor Neubeuern.
Neubeuern – Die musikalische Reise durch die Heimatsprache Altbaierns mit „Reiseleiter“ Gerald Huber sowie den musikalischen Wegbegleitern vom Kinderchor Neubeuern und der „6-Zylinder-Musi“ aus Rohrdorf hatten viele interessierte Besucher gebucht. Organisiert vom Bayernbund Rosenheim, versprach dessen Vorsitzender Christian Glas beim Dorfwirt Vornberger einen „Transport der Gefühle, Wärme und Emotionen durch die bairische Sprache, die Heimatgefühl und Identität vermittelt“. Dazu „ist kein geringerer als Gerald Huber angereist, bekannt auch als Münchner Turmschreiber und über Hubers Bairische Wortkunde.
Als dann der eben so hochgelobte sinnbildlich das Mikrofon ergriff, wurde es sehr ruhig im dichtgefüllten Saal, jeder wollte die sprachliche Akrobatik des Sprachforschers rund ums Bairische genau verfolgen.
Geschichtlich belegt sind nach Huber vor allem die Goten, die „unser Hochdeutsch“ geprägt haben. So spannte er zunächst den Bogen vom „Haus“ des Bayern, das etwas anderes ist als sein Heim, „denn Heim heißt Heimat und kommt aus dem Gotischen“. Und natürlich gehört in Bayern zum „Daheim“ auch das Wirtshaus, dessen Weg er zeitgeschichtlich verfolgte – bis hin zu den heutigen „Fast-Food-Tempeln, wo ma ois kriagt, nur koa guats Essen“. Auch „im Stehen trinken am Tresen, das gab’s früher in Bayern nicht, sondern nur eine Schenke, wo man ausgeschenkt bekam“ und dann oftmals eine Schiefhaltung einnahm, vor allem nach zu intensivem Genuss des Ausgeschenkten.
Gravierende, die bairische Sprache verändernde Unterschiede sah er in dem Wort Zimmer und seinem bairischen Pendant Stub’n. „Denn da sitzt der Bayer immer, egal ob Daheim oder im Wirtshaus, da ist es warm und er fühlt sich wohl.“
Weiter bemängelte er die „Reduktion alter schöner Spezialbegriffe wie Truhe, also eine Kiste, die zum Tragen ist“. Wobei das Wort Kiste heute schon wieder überholt ist von Begriffen wie Container oder Behälter, in die man wirklich alles stecken kann. Für den Bayer ist dagegen ein Sarg „ein Behälter für Leichen, eine Steige ein Behälter für Obst oder Hühner und beim Tragel weiß jeder Bayer, dass von einem Behälter die Rede ist, mit dem man Bierflaschen transportiert“.
Sprach- und wortherkunftskundig zeigte Huber die Unterschiede zwischen Hoch- und Niederdeutsch beispielhaft an so Wörtern wie Kachel und Fliese oder Bub und Junge sowie Metzger oder Fleischer auf. „Von der Bedeutung her ist es das Gleiche, aber es ist nicht wurscht, wann und wo man es sagt“. Passend dazu gab’s dann eine „Würschtlpause“, die durch den pfiffigen Gesang der jungen Sängerinnen und Sänger des Kinderchors Neubeuern mit Leiterin Pia Hausner und den blechernen taktvollen Tönen der „6-Zylinder-Musi“ pikant und musikalisch gewürzt wurde.
Gerald Huber stimmt „der Verlust vieler hochdeutscher Wörter“ traurig. So ist beispielsweise „Tüte“ ein furchtbares Wort aus dem Norddeutschen, das in etwa „trichterförmig“ bedeutet. In Bayern heißt es Tutn oder auch der Dud, wie hier das filigran aufgesteckte Haar treffend genannt wird.
Markante Kennwörter der bairischen Sprache sind „Kuchl“ oder auch „Brezn“. Das eine meint die Küche, das andere das Laugengebäck, das zu keiner Weißwurscht fehlen darf. Auch wenn der Bayer über „den Butter“ spricht, liegt er grammatikalisch keineswegs daneben, denn durch die spätlateinische und griechische Ableitung von dem Wort „butyrum“ „hat der Butter auch im Bairischen so eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht“.
Zu guter Letzt haute Huber noch das niederdeutsche Wort „Klöße“ für den urbairischen „Knödel“ in die sprichwörtliche Pfanne. „Der Knödl ist eine der wichtigsten bairischen Nationalspeisen.“ Aber so heißt er leider nur noch im alten Bayern, „schon in Franken fängt bereits das Kloßgebiet an“.
Mit vielen weiteren kulturellen Verweisen, geographischen Herkünften und sprachlichen Ableitungen, brachte der Mundartredner Gerald Huber sein Publikum auf den neuesten Stand der bairischen Sprache, die zu den ältesten Kultursprachen Europas zählt und die mittlerweile auf der Roten UNESCO-Liste der aussterbenden Sprachen steht.
Anschaulich und stets humorvoll vergleichend mit der „niederdeutschen Sprache, heute fälschlicherweise als Hochdeutsch tituliert“, spielte er mit seinen Gästen und seinen Erklärungen, warum das so und nicht anders heißt, war wirklich nichts entgegenzusetzen – wie beim Vergleich zwischen dem hochdeutschen, also bairischen „kehren“ und dem niederdeutschen Synonym „fegen“. „Wenn bei uns in Bayern jemand einkehrt, lässt er normalerweise den Besen daheim, und wenn er einen „flotten Feger“ erwischt, dann „passt des scho“, so sein sprachlicher Schlussakkord, den er nach lang anhaltendem Applaus noch mit einer Zugabe würzte.
Hubers Ausflug in die bairische Wortkunde waren auch für den Nichtbayern ein sprachlicher Leckerbissen. Bierernst und doch wissenschaftlich fundiert, zeigte er auf, „warum es sich lohnt, die Preußen zu derblecken und warum Bairisch das eigentliche Hochdeutsch ist“.
Der in Landshut geborene Gerald Huber studierte Geschichte und Sprachwissenschaften in Regensburg und München. Als Rundfunkjournalist und Autor ist er wegen seiner Sendungen und Bücher zu kulturellen und historischen Themen weit über Bayerns Grenzen hinaus bekannt.
Für seine „Bairische Wortkunde“ wurde Gerald Huber mit der „Tassilomedaille“ und dem „Johann-Andreas-Schmeller-Preis“ ausgezeichnet.