Dr. Stefan Gaab, der Werksleiter in Raubling.
Exklusivinterview mit Hauptgeschäftsführer und Werksleiter von Pharmazell
Einmal tief durchschnaufen
Raubling – Sie können wieder tief durchatmen – im doppelten Wortsinn. Dr. Oliver Bolzern, Hauptgeschäftsführer des international tätigen Unternehmens Pharmazell, und Dr. Stefan Gaab, Werksleiter in Raubling, präsentieren sich beim Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen einigermaßen entspannt. Der grauenhafte Gestank über Wochen scheint gebannt. Und beide entschuldigen sich: „Wir bedauern die Geruchsbelästigung.“
Pestilenzartige üble Gerüche aus der werkseigenen Kläranlage nahm den Anwohnern in Raubling und bis zur Stadtgrenze von Rosenheim die Luft und vermieste ihnen den goldenen Herbst (wir berichteten mehrfach).
Inzwischen arbeiten die Bakterien allmählich wieder so, wie sie sollen, erklären Bolzern und Gaab. „Wir haben – auch mit externe Hilfe – das akute Problem in den Griff bekommen.“ Je nach Windrichtung und Wetter könne es zwar noch hin und wieder einmal kurz riechen, weil einfach „der Prozess noch nicht ganz abgeschlossen ist“, so der Werksleiter. Denn: „Industrielle Kläranlagen sind weit schwieriger zu betreiben als etwa kommunale“, macht Bolzern deutlich. Und diese seien einfach träge Systeme. Das richtige Gleichgewicht in der Anlage wiederherzustellen, das gehe eben nicht so husch-husch. Bolzern: „Bakterien wollen einfach immer das gleiche, sonst sind sie nicht zufrieden – und dann stinkt’s.“
Inzwischen sei weitgehend klar, was zu dem Unfall in der werkseigenen Kläranlage geführt hat: Eine Produktionsanlage musste in Revision gehen. Alle halbe Jahre müsse sie gereinigt werden, so der CEO. Also fehlten deren Abwässer, was die Bakterien in der Kläranlage nicht goutierten. Schnell habe sich ein stinkender Algenteppich auf der Anlage gebildet. „Dieser wurde entfernt und entsorgt. Mit Zufuhr von Sauerstoff haben wir versucht, dem Problem Herr zu werden“, beschreibt Gaab das Krisenmanagement der Pharmazell. Sowohl Gaab wie Bolzern betonen, dass man das Problem sofort Ernst genommen und alles getan habe, um die Sache wieder in den Griff zu bekommen. „Die Kritik war berechtigt“, sagen sie, weisen aber darauf hin, dass „alle Ressourcen sofort in die Geruchsproblematik“ geflossen seien.
Doch ein weiterer Vorfall habe die ersten kleinen Erfolge an der Geruchsfront wieder zunichte gemacht. Dank sofortiger Analysen der Geruchsstoffe wurde geklärt, woher diese Abwässer kommen. Inzwischen sei diese Produktions- von der Kläranlage getrennt worden.
Aus dem Vorfall Lehren ziehen
Doch nun möchte das Unternehmen nach vorne schauen. „Wichtig ist, aus diesem Vorfall seine Lehren zu ziehen. So etwas darf sich nicht wiederholen“, betonen die beiden unisono. Pharmazell, das mit der Herstellung von „aktiven Substanzen“, also den eigentlichen Wirkstoffen in Medikamenten, ganz vorne am Weltmarkt mitspielt, ist auf Wachstumskurs. Sowohl am Hauptquartier in Raubling als auch an den anderen Produktionsstätten in Indien, Italien und der Schweiz wachsen nach schwierigen Jahren die Umsätze und die Mitarbeiterzahlen.
Dr. Oliver Bolzern, Chef des Gesamtunternehmens, bekennt sich im Gespräch mit der Heimatzeitung zum Standort in Raubling und verweist auf die enge Zusammenarbeit während der Geruchskrise mit der Gemeinde und dem Landratsamt. Da sei man stets im engen Schulterschluss gewesen. Künftig werde automatisch ein „Maßnahmenkatalog“ in Gang gesetzt, sollte sich ein ähnliches Problem andeuten. „Aber wir tun alles, um das zu verhindern“, sagt Bolzern.
Ob es eine Strafzahlung geben wird? Da zucken die beiden nur die Schultern. Ob das im Nachhinein etwas bessere, fragen sie. Schließlich sei die neue Kläranlage auf dem neuesten Stand der Technik. Und immerhin wurden rund vier Millionen Euro dafür investiert. Da sollte das verflixte Ding auch mal funktionieren.