Raubling – Die Tradition, so könnte man granteln, ist auch in der Volksmusik nicht mehr das, was sie mal war. Was gespielt wird, hat oft nur noch wegen der Instrumente etwas mit Blasmusik zu tun und mit altehrwürdigen und einst festumrissenen Begriffen wie Hoagascht schmückt sich heute fast jede x-beliebige Veranstaltung.
Wahrscheinlich ist genau deswegen der Raublinger Musikantenherbst so beliebt, denn er ist hier die große Ausnahme: Gespielt wird von den Inntalern, die den Abend seit zwölf Jahren ausrichten, nur alte und „echte“ Blasmusik, oft selbst aus den Archiven ausgegraben und für die eigene Besetzung hergerichtet.
Und die Veranstaltung, die man wegen dieser Liebe zur Echtheit eben genau nicht Hoagascht nennt, kommt einem solchen so nah wie nur irgend möglich. Ein echter Hoagascht wäre nämlich ein weitgehend ungeplantes, auf jeden Fall improvisiertes Treffen von Musikern, die nicht wegen eines Eintrittsgeldes, sondern aus purem Spaß an der Freud zusammenspielen.
Beim Raublinger Musikantenherbst steckt natürlich Planung dahinter, die Musikergäste kommen nicht spontan, sondern sind eingeladen und etwas Eintritt zahlt man auch. Aber wenn‘s erst mal losgegangen ist, wird’s wirklich ursprünglich. Nicht zuletzt deswegen, weil sich über den größten Teil des Abends hinweg das Publikum durch Zuruf wünschen darf, was gespielt wird.
Zwar gibt es zu diesem Zweck eine Liste auf dem Programmzettel, doch gehört es mittlerweile fast zum guten Ton, dass man sich immer wieder mal auch Stücke wünscht, die nicht darauf stehen, aber dennoch meist prompt vorgetragen werden können. Und manchmal passiert es dann sogar, dass die Gastmusiker spontan ins Spiel der Inntaler mit einfallen.
Das geht nur, weil die Inntaler über die vergangenen zwölf Jahre hinweg eine sichere Hand dafür entwickelt haben, sich nur die Leute einzuladen, die auch wirklich zu ihnen passen. Das Auswahlkriterium scheint dabei vor allem die Liebe zur Musik zu sein. Bei der „Lieblingsmusi“ aus Erl, die dieses Jahr zusammen mit dem „Dreiwinkl-Gsang“ zu Gast war, ist ja der Name schon Programm.
Wie alle Vollblutmusiker spielen auch Sebastian Lang und seine Frau Monika, die die aus sechs Köpfen bestehende Lieblingsmusi gründeten, in den verschiedensten Gruppierungen. Und dort natürlich nicht immer nur das, was ihnen selbst am Herzen liegt. Die Idee zu einer eigenen Gruppe kam deshalb aus dem Wunsch heraus, einmal wirklich nur das spielen zu können, was man gerne spielt – die Lieblingsmusi eben.
Auch Erika Dettendorfer, Michi Scheil und Tamara Kaltenbacher, die zusammen den Dreiwinkl-Gsang bilden, leben im Grunde für ihre Musik. Weshalb sie auch die Tatsache, dass sie eigentlich in ganz verschiedenen Ecken beziehungsweise Winkeln des Oberlandes wohnen – Rupertiwinkel, Berchtesgaden und Nußdorf – nicht stört: Gerade bei den leisen, besinnlichen Liedern, die nicht zuletzt das Liedgut des Dreiwinkl-Gsangs ausmachen, muss zwischen den Musikern eine gemeinsame Wellenlänge da sein, muss etwas zum Schwingen kommen, sonst funktioniert es nicht. Und wenn man sich dann gefunden hat, dann fährt man gern auch die gut hundert Kilometer zu den gemeinsamen Proben, sagt Erika Dettendorfer, die aus Nußdorf kommt.
Übrigens zeigt sich gerade bei den Liedern des Dreiwinkel-Gsangs, das auch das Publikum ideal zu den Musikanten passt: Obwohl der Saal des Huber-Wirts in Raubling gut zweihundert Leute fasst, waren die bei jedem Musikstück binnen Sekunden mucksmäuschenstill, so dass selbst in dem großen Raum die Intimität aufkommen konnte, die einen echten Hoagascht ausmacht.
Gelungene
Moderation
Der braucht deshalb normalerweise auch keinen Moderator, auf den man bei einer größeren Veranstaltung aber wiederum nicht verzichten kann. Helmuth Hoch – selbst Musiker – übernahm diese Aufgabe am Samstag aber bestens. Unaufdringlich und ohne aufgesetztes Gaudi-Tum aber mit Witz und Schlagfertigkeit führte er durch den Abend, griff mit Freude jeden Ball auf, den ihm das Publikum absichtlich oder unabsichtlich zuspielte. Katrin Jackl jedenfalls, die seit Jahren die Moderation übernommen hatte, jetzt aber, wie sie sagte, eine kleine Pause machen möchte, fand, er sei ein absolut würdiger Vertreter.
Der Raublinger Musikantenherbst ist – das zeigte sich auch in diesem Jahr wieder – eine kleine Perle unter den Volksmusikveranstaltungen und das Publikum, das ihm seit Jahren die Treue hält, ist sich dessen auch voll und ganz bewusst.