Der Kiebitz ist auf dem Rückzug

von Redaktion

Sabine Pröls vom LBV organisiert Wintervogelzählung am Chiemsee

Chiemgau – Der Chiemsee ist ein beliebtes Refugium für viele Vogelarten, auch in der kalten Jahreszeit. Wie viele Vögel sich hier tummeln, wird bei der „Stunde der Wintervögel“ ermittelt. Am Bayerischen Meer organisiert diese Zählung Sabine Pröls, die Leiterin der Regionalgeschäftsstelle Inn-Salzach des Landesbundes für Vogelschutz (LBV).

Wie funktioniert die Wintervogelzählung, wie finden Sie heraus, wie viele Exemplare welcher Arten in der Region sind?

Während einer frei wählbaren Stunde zwischen dem 4. und 6. Januar werden an einem Beobachtungsort, zum Beispiel im eigenen Garten, die Anzahl der beobachteten Arten im Meldebogen des LBV, gerne online unter www.stunde-der-wintervoegel.de, notiert. Pro Art soll bitte nur die jeweils gleichzeitig gesichtete Höchstzahl gemeldet werden, um Doppelzählungen zu vermeiden. Wir bitten den Beobachtungsort, das Datum und den Beginn der Zählung anzugeben. Es sind keine Rückschlüsse auf die genauen Bestandsgrößen der Arten möglich, jedoch können Trends in der Populationsentwicklung erkennbar werden, im Vergleich der Anteile vom festgestellten Gesamtvogelbestand in den Vorjahren. Wenn man möchte, kann man tolle Preise im Wert von bis zu 1900 Euro dabei gewinnen.

Wie viele Helfer haben Sie bei der Zählung? Brauchen diese besonderen Kenntnisse oder eine Art Ausbildung?

Die Teilnehmer in Bayern lag 2018 bei 32319 mit 22669 Meldungen. Mitmachen kann jeder, egal ob Jung oder Alt, Laie oder Vogelexperte, allein oder als Gruppe. Benötigt wird nur Block mit Stift und eine Stunde Zeit, eventuell ein Fernglas und ein Bestimmungsbuch oder eine Bestimmungshilfe der häufigsten Wintervögel. Die findet man auch unter www.lbv.de. Je größer die Teilnehmerzahl, desto genauer und flächendeckender sind die Ergebnisse. Wichtig ist auch die Meldung bei Sichtung von keinen oder wenigen Vögeln, jede Meldung zählt und ist wichtig.

Welche Arten waren mit wie vielen Exemplaren bei der letzten Zählung im Winter 2017/2018 in der Region?

In Oberbayern wurden insgesamt 258420 Vögel von 12342 Teilnehmern gezählt.

Die drei häufigsten Arten waren die Kohlmeise mit 40736, der Feldsperling mit 32509 und der Haussperling beziehungsweise Spatz mit 27906 Exemplaren. Die nächst häufigeren waren Amsel, Blaumeise, Buchfink, Grünfink, Rabenkrähe, Elster und Buntspecht.

Der Sommer war heuer extrem heiß und trocken. Was glauben Sie, wie sich das auf die Bestände ausgewirkt hat?

Das ist schwierig pauschal zu sagen: Einerseits waren die Aufzuchtbedingungen infolge der Trockenheit nicht schlecht. Allerdings fehlten vielerorts Mücken zur Aufzucht. Große Insekten waren dafür zum Teil häufiger. Dazu kommt, dass die Bäume ein ausgesprochenes Mastjahr haben und das Nahrungsangebot im Herbst sehr gut war und ist. Auch muss ein erfolgreiches Brutjahr nicht unbedingt zu höheren Wintervogelzahlen führen, da wir im Winter auch nordische Gäste haben. So sind viele Rotkehlchen bei uns im Winter aus nordöstlichen Regionen, während unsere sich in südlichere Regionen davon gemacht haben.

Sorgen bereitet hat Vogelschützern heuer auch das Usutu-Virus. Können Sie schon abschätzen, ob es auch hier in der Region Auswirkungen hat?

Es ist nicht zu befürchten, dass Usutu momentan zu bedrohlichen Bestandsveränderungen in unserer Vogelwelt in Bayern führt: Aktuelle Analysen haben ergeben, dass im laufenden Seuchengeschehen in den Hauptausbruchsgebieten im Südwesten Deutschlands die Bestände der Amsel – und nur der Amsel – insgesamt um gut 15 Prozent zurückgegangen sind. Das ist ein erheblicher, spürbarer Rückgang, und lokal kann dieser sogar noch massiver ausgefallen sein – bis zum (fast) vollständigen Verschwinden der Amseln, populationsgefährdend sind die Einbrüche aber sicher nicht. Für andere Arten haben die Wissenschaftler überhaupt keinen Einfluss des Usutu-Virus auf die Bestände ermitteln können. Selbst bei der Amsel ist aber davon auszugehen, dass mit der sich innerhalb der Population ausbildenden individuellen Immunität und nach dem daraus resultierenden Ende des Seuchenzugs auch wieder eine Bestandserholung einsetzt. Meldungen über betroffene Amseln sind uns hier aus der Region nicht eingegangen.

Wie nehmen Sie mit Blick auf die Rückgänge der Vogelbestände denn mittel- und langfristig die Entwicklung in der Region wahr? Ist die Chiemseeregion weiterhin ein Paradies für Wasservögel?

Sicherlich ist die Artenvielfalt hier in der Chiemseeregion mit den vielen Seen, Verlandungsbereichen, Mooren und Bergen deutlich höher als in anderen Regionen Deutschlands. Allerdings haben wir auch hier in den letzten Jahren massive Einbrüche in der Vogelwelt verzeichnet. So sind südlich des Chiemsees kaum mehr brütende Kiebitze zu finden, in Gebieten, in denen der Kiebitz vor fünf Jahren noch mit zehn Brutpaaren vorkam. Eigentlich leiden alle Vögel, Insekten und Pflanzen der Wiesen und Felder. So werden die Wiesen noch häufiger gemäht und auf den Äckern dominiert der Mais, der auch sonst kaum etwas wachsen lässt. Dennoch möchte ich ungern die Schuld einfach den Landwirten in die Schuhe schieben – viele versuchen ja doch im Kiebitzschutz oder mit der Anlage von Blühstreifen dem Verlust der Biodiversität entgegen zu wirken. Das Problem ist die landwirtschaftliche Förderung, die leider überwiegend nicht an Naturschutzmaßnahmen gekoppelt ist. Weitere Probleme gibt es durch die zunehmende Freizeitnutzung. Da ist regelmäßige Öffentlichkeitsarbeit, wie sie von LBV-Kreisgruppen zum Beispiel mit Naturführungen angeboten wird, sehr wichtig.

Interview: Dirk Breitfuß

Empfehlungen von Sabine Pröls vom LBV:

Am besten sollte sich der Futterplatz an einer übersichtlichen Stelle mit möglichst wenigen Versteckmöglichkeiten für potenzielle Räuber befinden, beispielsweise ein frei stehender Baum.

Ideal sind mehrere kleine Futterstellen statt einer großen, um Krankheiten entgegen zu wirken. Des Weiteren sinnvoll ist die Verwendung von Futtersilos, da diese im Gegensatz zu den klassischen Futterhäuschen nicht mit Kot verunreinigt werden. Nichtsdestotrotz sollte die Futterstelle jeden Tag kontrolliert und, falls notwendig, gesäubert und ab und zu umgesetzt werden.

Je nachdem, wie und was gefüttert wird, können unterschiedliche Besucher gezielt angelockt werden, denn jede Vogelart hat ihre eigene Vorliebe. Weichfutterfresser wie Amseln, Drosseln und Rotkehlchen mögen am liebsten Äpfel, Rosinen, Getreideflocken und Insekten. Finken wie Grünfink, Gimpel und Stieglitz sind Körnerfresser und mögen gerne Erdnussbruch, Sonnenblumenkerne und energiereiche, ölhaltige Sämereien wie Hanf oder Mohn. Spechte und Kleiber bevorzugen Fettfutter. Meisen, Spatzen und Feldsperlinge sind weniger wählerisch und fressen fast alles.

Um besonders viele verschiedene Vögel beobachten zu können, bietet man folglich eine Mischung der unterschiedlichen Futterarten an. Entscheidend ist allerdings auch die Qualität des Vogelfutters. Hochwertiges Futter erkennt man daran, dass keine Füll- und Streckmittel wie Sand beigemischt sind, das Futter nicht mit der stark allergenen Ambrosiapflanze verschmutzt wurde und mehrfach gereinigt wurde.

Brot und Essensreste dürfen keinesfalls verfüttert werde, da Salz und Gewürze von den meisten Vögeln nicht vertragen werden.

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