Wertvolle Hilfe oder Placebo?

von Redaktion

Endokrinologe Dr. Roland Weber im Gespräch über Vitamin D

Rosenheim – Bei Dunkelheit in die Arbeit, bei Dunkelheit wieder nach Hause: Gerade im Winter haben viele Arbeitnehmer das Gefühl, überhaupt kein Sonnenlicht zu sehen. Nicht selten klagen Menschen auch über die sogenannte Winterdepression, die laut einiger Experten durch zusätzliche Gabe von Vitamin D bekämpft werden kann. Welche Vitamin-D-Werte optimal sind und bei welchen Personen eine zusätzliche Verabreichung des Vitamins sinnvoll ist, verrät Oberarzt Dr. Roland Weber, Endokrinologe am Romed-Klinikum Rosenheim.

Wie häufig ist Vitamin-D-Mangel in der Bevölkerung?

Die Häufigkeit des Vitamin-D-Mangels hängt davon ab, wie man diesen definiert. Wie bekannt, kann der menschliche Körper 25- OH-Vitamin D mithilfe von Sonnenlicht selbst herstellen. Es besteht also insbesondere im Winterhalbjahr für Mittel- und Nordeuropäer ein hohes Risiko, dass der Vitamin-D-Spiegel in diesem Zeitraum abfällt. Auch im Sommer kann die Vitamin-D-Synthese reduziert sein. Beispielsweise durch die Verwendung von Sun-Blockern, deren Verwendung aber in vielen Fällen zum Schutz vor Hauterkrankungen unverzichtbar ist. Oder bei Personen, die den größten Teil der Körperoberfläche durch ihre Kleidung abdecken.

Wie ist ein Vitamin-D-Mangel medizinisch definiert?

Unter den Experten scheint allgemein anerkannt, dass ein Vitamin-D-Mangel bei einem Serumspiegel von unter 20 ng/ml (50 nmol/l) vorliegt. Der optimale Vitamin-D-Spiegel, also der Zielwert für insbesondere die Knochengesundheit, ist weniger einheitlich festgelegt und liegt bei Werten von 30 bis 40 ng/ml beziehungsweise 75 bis 100 nmol/l.

Welchen Ursachen kann ein Vitamin-D-Mangel zugrunde liegen?

Die häufigste Ursache des Vitamin D-Mangels ist – wie bereits erwähnt der Mangel an Sonnenlicht. Darüber hinaus können andere Erkrankungen den Vitamin-D-Mangel verursachen, wie beispielsweise eine verminderte Zufuhr, eine gehemmte Aufnahme von Vitamin D im Magen-Darm-Trakt, ein erhöhter Abbau in der Leber oder eine verminderte körpereigene Synthese durch Leber- oder Nierenerkrankungen.

Welche gesundheitlichen Risiken und Erkrankungen können daraus resultieren?

Die meisten Menschen mit einem milden Vitamin-D-Mangel, bei dem der Wert zwischen 15 und 20 ng/ml beträgt, haben keine Symptome. Auch andere Laborwerte wie unter anderem Kalzium, Phosphat, Parathormon sind in diesem Vitamin-D-Bereich unauffällig. Je weiter der Vitamin-D-Spiegel abfällt, desto mehr wird von den Nebenschilddrüsen Parathormon gebildet. Der entstehende Parathormonüberschuss führt dann zu anderen Laborauffälligkeiten, Minderung der Knochenstabilität und in ausgeprägten Mangelzuständen zu Osteoporose, Osteomalazie, Knochen- und Muskelschmerzen sowie Sturzneigung. Verschiedene Befunde lassen zudem vermuten, dass Vitamin D noch viele andere Zellfunktionen im Körper regulieren kann.

Soll der Vitamin-D-Spiegel bei Untersuchungen gemessen werden?

Eine flächendeckende Bestimmung der Vitamin-D-Spiegel ist zu aufwendig. Bei Risikogruppen kann es aber durchaus sinnvoll sein, einen Vitamin-D-Serumspiegel zu bestimmen. Das sind zum Beispiel Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder nach Magen- und Dünndarm-Operationen. Bei Bewohnern von Seniorenheimen ist nach Studienlage zu befürchten, dass dort fast generell ein Vitamin-D-Mangel besteht.

Ist es also sinnvoll, Vitamin D zu verabreichen?

Eine allgemeine Empfehlung der Fachgesellschaften zu einer altersunabhängigen, flächendeckenden, unkritischen Einnahme von Vitamin gibt es bisher nicht.

Gibt es Patienten, die – nach ärztlicher Rücksprache über die Dosis – von einer Vitamin-D-Einnahme profitieren könnten?

Sinnvoll ist die Einnahme sicherlich beispielsweise zur Osteoporose-Prophylaxe und in der Osteoporosetherapie, bei Bewohnern von Seniorenheimen, möglicherweise auch als Sturzvorbeugung.

Gibt es Risiken bei der Einnahme von Vitamin D?

Die messbare Konsequenz einer Vitamin-D-Intoxikation ist eine hohe Kalzium-Ausscheidung im Urin und ein Anstieg des Kalzium-Werts im Blut. Symptome einer akuten Vitamin-D-Intoxikation beinhalten Verwirrtheit, Sturzneigung, Nierenversagen, häufiges Wasserlassen, hohes Durstgefühl, Appetitlosigkeit, Erbrechen und Muskelschwäche.

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht Vitamin D?

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Vitamin D sicherlich ein interessanter Stoff in unserem Körper ist, über den es noch viel zu erforschen gibt. Viele Menschen berichten, dass Vitamin D in Bezug auf ein persönliches Beschwerdebild geholfen habe oder sie überzeugt sind, dass Vitamin D ihr Leben verändert habe. Das mag durchaus möglich sein. Es könnte sich aber auch um einen Placebo-Effekt handeln. Aus ärztlicher Sicht ist also immer zu hinterfragen, ob ein Symptom beziehungsweise ein Beschwerdebild nicht noch durch eine andere, wichtigere oder wahre Ursache hervorgerufen wird.

Interview: Susanne Hoffmann

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