Erl/Tirol – Die Tiroler Festspiele in Erl prunken nicht nur mit Opern, sie punkten auch mit herausfordernden Kammerkonzerten voller moderner und modernster Musik, die zum Beispiel Tito Ceccherini mit dem Ensemble Risognanze immer wieder bietet. Dass es dafür viele Zuhörer mit weit offenen Ohren gibt, ist erfreulich.
Mit der „Music for Pieces of Wood“ (1973 komponiert) von Steve Reich (1936 geboren) begann’s: Ein Stück für fünf gestimmte geschlagene Hölzer, in dem sich mehrere Rhythmen überlagern.
Tito Ceccherini versuchte, die gespielten Stücke zu erklären, dies in geschliffenem Deutsch: Er und die Musiker wollten „ein bisschen die Vielfalt der Kontraste“ in der modernen Musik zeigen, sagte er. Formal sehr einfach sei das eben gespielte Stück von Steve Reich gewesen, ein „Kaleidoskop von Klängen, sehr feine, sehr kleine und sehr außergewöhnliche Klänge, verschieden kombiniert“ sei die „Sonata da camera“ aus dem Jahre 1971 von Salvatore Sciarrino – ein Komponist, den Alex Ross in seinem Kompendium der modernen Musik mit dem Titel „The Rest is noice“ ignoriert, obwohl der 1947 geborene italienische Komponist einer der meist Aufgeführten der Welt ist.
Und in der Tat ist diese Kammersonate eine Kombination von geschabten, gehauchten, flimmernden, quietschenden, klirrenden, jaulenden, glitzernden, sirenentönigen, gurgelnden, glucksenden und glockentönigen Klängen, die immer an- und abschwellen und vom Ensemble Risognanze mit höchster Intensität gespielt werden. Der Name dieses Ensembles ist eine Mischung aus den Wörtern für Traum (sogno) und Resonanz – und wirklich wirkt diese Musik wie traumhaft aus der Ferne wiederklingend.
Einen langen Titel hat das Werk von Sciarrino aus dem Jahre 2017: „Stradellas Traum für Klavier und Instrumente. Ein Konzert nicht nur der Klänge, sondern auch eines mehr oder weniger weit entfernten Nachhalls“. Zurückgenommener, sparsamer und ausgesetzter klingt diese Musik, damit auch bezwingender. Die zitierte Musik des Barockkomponisten Alessandro Stradella ist eingehüllt in ein feines Gespinst von eigentümlich schabenden und scheuernden Streichertönen und wird damit verfremdet, verformt und verträumt, bis sie sich ganz verflüchtigt.
Die „Chamber Symphony“, komponiert 1992 von John Adams (geboren 1947), sei ein „Virtuosissimo-Stück in drei Sätzen“, so Ceccherini. Einige Streicher verschwinden und werden von Bläsern ersetzt, das Klavier durch ein Keyboard. Synkopisch unruhig rumorend und voller Energie ist der erste Satz mit dem Titel „Mongrel Airs“, lyrisch ruhig mit einer von der Posaune angestimmten Melodie, die dann variiert wird, ist der zweite Satz mit dem Titel „Aria with Walking Bass“ und wild entfesselt, tänzerisch und geschmückt mit einem Violin-Solo ist das Finale „Roadrunner“.
Obwohl Adams betonte, der erste Satz sei „erschreckend schwer“ zu spielen, taten die Musiker so, als spielten sie eine frühe Mozart-Symphonie: eine fast erschreckende Souveränität! Adams‘ Musik klinge wie der Highway 1, die kalifornische Küstenstraße, schreibt Alex Ross: Straßenmusik vom Roadrunner!