Stephanskirchen – Der Sängerball in Stephanskirchen ist eine Institution, das muss man niemandem mehr erklären. Dass es aber fast 120 Jahre sind, auf die man nunmehr zurückblicken kann, wussten am Samstag wohl nur die wenigsten Ballgäste: Im Januar 1920 wurde in den Sälen der ehemaligen Schlosswirtschaft der erste Ball unter dem Titel „Carnevale 1920“ abgehalten.
Die Sänger selbst gab es da schon seit immerhin elf Jahren, sie gründeten sich im Sommer 1910. Wie der Abend beim Antretter zeigte, sind aber weder die Sänger noch der Ball von gestern, sondern absolut auf der Höhe der Zeit. Dies ist nicht zuletzt ein Erfolg des Ballorchesters, das, um die Zahl der runden oder fast runden Jubiläen voll zu machen, vor 30 Jahren zum ersten Mal beim Sängerball aufspielte. Damals noch unter dem Namen Salonorchester, mit zwölf Musikern und einem Repertoire für eine Stunde – am vergangenen Samstag waren es 33 Musiker und ein Ende setzt dem Spiel nur mehr der aus Nachbarschaftsrücksicht auf zwei Uhr festgesetzte Ballschluss.
Weniger Zeit hätte auch nicht ausgereicht, denn Dirigentin Regina Huber hatte sich auch dieses Mal darum bemüht, dass auch wirklich für jedes Tanzbein etwas dabei war. Natürlich klassische Walzer wie „Wiener Blut“ oder „Schöne blaue Donau“, dazu viel Swing, etwa von Glen Miller und Duke Ellington, selbstverständlich die lateinamerikanischen Standards, dazu Rock’n‘Roll und Boogie Woogie – eigentlich gab es nichts, was es nicht gab oder wie es Regina Huber formulierte: „Wir tanzen den ganzen Abend über zwischen Wien und Brasilien hin und her.“ Dabei war die Tanzfläche durchgehend voll, das Publikum hungert offenbar geradezu nach Veranstaltungen wie dieser und scheute auch vor keiner Herausforderung zurück: Als das Orchester einen Sirtaki spielte, hakten sich etliche der Tänzer – darunter Bürgermeister Rainer Auer mit Gattin Sabine – spontan unter und bildeten die für diesen Tanz typische Reihe.
Guter Brauch beim Sängerball ist es auch, dass die Tanzpausen nicht einfach Pausen sind, sondern ihrerseits kleine Höhepunkte des Abends. Traditionsgemäß gehört der Auftritt einer Faschingsgilde dazu, in diesem Jahr, nach langer Abstinenz wieder einmal die Bad Aiblinger mit dem Prinzenpaar Christine die Erste und Thomas der Dritte, was Moderator Manfred Panhans so verpackte: „Ihr ward noch gar nicht auf der Welt, da wart ihr schon mal da.“ Ihrem Motto entsprechend ergänzten die Aiblinger Regina Hubers Achse Wien-Brasilien durch einen Abstecher nach Afrika – voller Tempo und Schwung.
Dass man für Dynamik beim Tanzen nicht unbedingt zur Garde muss, bewiesen zwei junge Paare vom Rock-’n‘-Roll-Club Rosenheim: Tina mit Nico, Franzi und Jan zeigten dem Publikum, wie richtiger Rock’n‘Roll aussieht, wenn man es fetzen lassen will, eine Darbietung, die das Publikum zwar begeistert beklatschte, im weiteren Verlauf vorsichtshalber aber doch nur bedingt als Vorlage fürs eigene Tanzen heranzog.
„Singen macht jung“
Nicht minder schwungvoll die Einlage der Sänger, die immer mit zu den Höhepunkten des Abends zählt. In diesem Jahr brachten sie mit „Marmor Stein und Eisen bricht“ noch zusätzlich Stimmung in den Saal und bewiesen, wie junggeblieben auch ältere Herren sein können. Wenn es nach dem Sängermitglied und traditionsgemäßen Büttenredner Bernhard Holzer geht, der dieses Jahr als Bauarbeiter auftrat, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Singen erhalte jung, sagte er, und verwies als Beleg auf Johannes Heesters. Der hat sich bekanntlich noch mit über 100 Jahren ins Maxim aufgemacht, weswegen der Ball der Stephanskirchener Sänger ohne Frage noch auf drei, vier Jahrzehnte gesichert ist. Das tanzfreudige Publikum aus dem ganzen Rosenheimer Landkreis wird dankbar dafür sein.