Neubeuern – Es gibt einfach Leute mit Spürsinn. Solche kommen auch ausgetüftelten Verstecken auf die Spur. Nicht dem Hausschlüssel im Blumenbeet, das ist viel zu simpel. Mit so etwas geben sie sich erst gar nicht ab. Rupert Stuffer, der ehemalige Vorsitzende der Schiffleut-Bruderschaft Neubeuern, ist aus einem solch besonderen Holz geschnitzt. Er entdeckte nach intensivem Suchen das Geheimfach in einer alten Schiffstruhe. Und er entdeckte dort einen Schatz: einen Bruderschaftsbrief aus dem Jahr 1720. Dieser gilt als der älteste Bruderschaftsbrief, der erhalten ist – und er stammt von Christoph Grießenböck, einem Schiffsmeister der Schiffleut-Bruderschaft in Neubeuern.
Michael Konrad, Stuffers Nachfolger an der Spitze der Schiffleut-Bruderschaft, weiß, dass Besatzung und Schiffsmeister auf ihrer Reise runter ans Schwarze Meer neben der Fracht natürlich auch Wertsachen dabei haben mussten: Briefe, Urkunden, Ausweise. „Eigentlich ist das wie heute. Wenn du verreisen willst, packst du einen Koffer mit den notwendigsten Sachen und verstaust EC-Karte, Schlüssel und Pass. Das war damals nicht anders wie heute.“ Die Frage damals war nur: Wo verstaue ich Wertsachen sicher vor fremdem Zugriff? Die Antwort: in der Schiffstruhe und zwar im Geheimfach.
Durch Zufall entdeckte Rupert Stuffer eine solche Truhe im Keller seines neu erworbenen Bauernhauses. Schnell war ihm klar, dass er keine gewöhnliche Truhe vor sich hatte, wie sie zuhauf in alten Bauernhäusern zu finden sind. Es war eine Schiffstruhe, da war sich Rupert Stuffer als Vorsitzender der Schiffleut-Bruderschaft Neubeuern schnell sicher.
Und er wusste, dass diese Art von Truhen fast immer ein Geheimnis bergen. Also suchte er die Holztruhe genau ab.
Doch das war nicht so einfach. Auch damalige Schreiner verstanden ihr Handwerk und erfüllten die Wünsche ihrer Kunden nach Geheimfächern. Doppelter Boden, doppelte Decke – das waren schon im 17. Jahrhundert keine Plätze für Wertsachen.
Rupert Stuffer war schnell klar, dass er hier gründlicher suchen musste. Dann nahm er die Seitenwände unter die Lupe. Und gewieft, wie er ist, kam er dem Geheimversteck auf die Spur. Eine Seitenwand ist doppelt angelegt. Aber erst, wenn man Nagel und innere Wand herauszieht, sind unten zwei Schubladen zu sehen. Auf den ersten Blick könnte man sie übersehen, nicht aber Rupert Stuffer. Er zog die Schubladen auf und fand darin jenen Bruderschaftsbrief, der als ältestes Dokument der Schiffleut-Bruderschaft Neubeuern gilt.
Tarnen und täuschen waren übrigens auch schon vor 300 Jahren Mittel, Diebe in die Irre zu führen. So wurden gerne in jene Truhen auf den Plätten, die den Inn hinunter fuhren, Geschirr und Kleidung gestopft. Frei nach dem Motto: Was willst du in der dreckigen Wäsche finden?