Landkreis/Tuntenhausen – Einmal Mäuschen spielen im Kreise der Belegschaft – das würde der ein oder andere Chef sicher gerne mal machen. Hören, worüber die Angestellten untereinander sprechen, sehen wie sie arbeiten. Gregor Ries, Geschäftsführer der Eder GmbH aus Tuntenhausen, hat genau das gewagt. Für die RTL-Doku „Undercover Boss“ hat der 53-Jährige seinen Anzug gegen einen Kapuzenpulli getauscht, sich mittels Haarpracht, Vollbart und Brille bis zur Unkenntlichkeit verkleidet und sich unter dem Alias Mathias Goldbach unter die Mitarbeiter gemischt. Warum, wie er seinen Einsatz erlebt hat und welche Erfahrungen er mitnimmt, erzählt Ries.
Herr Goldbach, Entschuldigung, Herr Ries, sind Sie froh wieder hinter dem Schreibtisch zu sitzen?
Nach so einer langen Zeit– die Dreharbeiten haben immerhin zweieinhalb Wochen gedauert – ist man froh, wenn man seine eigene Identität wiederfindet. Man erreicht irgendwann einen Punkt, an dem man nur noch in sein altes Leben zurück möchte.
Sind Sie wieder Sie selbst?
Ja, zu 100 Prozent (lacht).
Wie wurden Sie zum Undercover Boss? Haben Sie sich beworben?
Nein, man kann sich da nicht bewerben. RTL sucht die Unternehmen aus. Ich denke, sie haben nach einer Firma in Oberbayern gesucht, wegen den schönen Bildern. Ein Familienunternehmen mit landtechnischem Hintergrund. Da sind sie wohl über unsere Webseite gestolpert und haben angefragt. Ich habe das dann mit der Eigentümer-Familie besprochen und abgewägt. Die waren begeistert und haben gesagt: Du machst das!
Was haben Sie sich davon versprochen?
Da wäre zum einen mal die Imagepflege. Viele Menschen haben im Nachhinein gesagt, dass sie das der Firma Eder gar nicht zugetraut hätten. Wir wurden bislang offenbar als wenig innovativ wahrgenommen. Damit haben wir gezeigt, wie aufgeschlossen wir sind. Ich habe auch mit mehreren ehemaligen Teilnehmern gesprochen. Die haben mir alle erzählt, dass sie im Nachgang der Ausstrahlung viele Bewerbungen, auch gute, bekommen haben.
Voraussetzung war, dass Sie nicht erkannt werden. Es brauchte also eine gute Tarnung. Wie weit ging das?
Ich habe einen neuen Lebenslauf bekommen und musste einen neuen Namen annehmen. Einen, der mir sofort einfällt. Ich habe mich für Mathias, nach meinem Großvater, und Goldbach, der Geburtsname meiner Frau, entschieden. Die optischen Veränderungen haben an einem Tag stattgefunden: Zunächst einmal musste ich mir einen Bart wachsen lassen. Das hat natürlich länger gedauert, ich musste ein paar Tage von Zuhause aus arbeiten. Dann sind wir nach Rosenheim gefahren, wo die Haare verklebt wurden. Richtig professionell, das hält sechs bis acht Wochen. Zu guter Letzt musste ich noch alle meine Klamotten abgeben, stattdessen habe ich Neue bekommen: Chucks (lässige Sportschuhe, Anm. d. Red.), Kapuzenpulli und die Brille.
Hat Sie trotzdem jemand erkannt?
Nein. Dahingehend wurden aber auch Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Ich wurde beispielsweise für ein Wochenende in Schliersee untergebracht, damit ich weg bin von Tuntenhausen.
Die Haare sind inzwischen wieder ab. Warum?
Ich habe da aus Mitarbeiterkreisen positive Rückmeldung bekommen. Ich vermisse das überhaupt nicht. Haareföhnen war absolutes Neuland für mich.
Wie haben sich Ihre Mitarbeiter geschlagen? Haben Sie jemanden beim Lästern erwischt?
Nein, obwohl ich mehrere Male unauffällig vorgefühlt habe. Ich hatte die Erwartung, dass die Mitarbeiter auf ihrem Gebiet besser sind als ich. Das hat sich zu 120 Prozent erfüllt. Ich war überrascht, wie kompetent die Leute auf ihren Feldern sind. Alle waren total aufgeschlossen, nett und loyal gegenüber der Firma. Wenn man den ganzen Tag mit jemandem zusammenarbeitet, dann baut man eine ganz andere persönliche Bindung zu ihm auf. Noch dazu, wenn es keinen Chef-Vorbehalt gibt.
Welcher Job hat Spaß gemacht? Und auf welchem Gebiet reicht Ihnen die einmalige Erfahrung?
Herdenmanagement – das war ein toller Tag. Das könnte ich mir beruflich vorstellen. Meine Grenzen wurden mir in der Landtechnik-Werkstatt aufgezeigt. Da musste ich den ganzen Tag über Kopf Öle wechseln. Ich war überfordert. Ich bin ja Bleistiftstemmen gewohnt.
Was haben Sie in Ihrer Zeit als Undercover Boss gelernt?
Das äußere Erscheinungsbild erzeugt erhebliche Resonanz. Wenn ich im Anzug ins Autohaus gehe, werde ich regelrecht hofiert. Im legeren Outfit werde ich dagegen direkt geduzt. Das hätte ich so nicht erwartet. Und ich habe Hinweise darauf bekommen, wo wir uns besser aufstellen können – etwa in Sachen Sicherheit oder Wirtschaftlichkeit. Die Füße der Leiterin im Kuhstall waren zum Beispiel zu schmal. Da bestand Gefahr, dass sie durch die Spalten im Boden rutschen. Und ich habe bemerkt, dass unsere Dienstwagen zum Teil mit schwerem Gerät beladen sind, das der Mitarbeiter gar nicht braucht. Hier können wir künftig Platz und vor allem Kraftstoff sparen.
Wie fällt Ihr Fazit aus? Würden Sie einem Geschäftsführer-Kollegen dazu raten, undercover zu gehen?
Ich ziehe ein positives Fazit. Wir schauen die Folge am Montag mit allen Mitarbeitern, die Lust haben, im Kino in Rosenheim. Ich kann diese Erfahrung nur allen Chefs empfehlen. Aber: Man braucht Kondition.
Interview: Bastian Huber