Ab zur Herzenssprechstunde

von Redaktion

Testballon im Raublinger Bürgerhaus – Viele Interessierte dabei – Start ab Herbst

Olivia Ruthenberg

Raubling – „Mein Herzenswunsch wäre, dass wieder ein Herz für mich schlägt“, sagt die Dame, vielleicht Anfang 60, in die Runde aus sechs Frauen und vier Männern. Viel Vertrauen, wenn man bedenkt, dass sich die zehn Personen überhaupt nicht kennen. Sie haben sich erst an diesem Abend kennengelernt, als sie zu einer Veranstaltung des Raublinger Bürgerhauses kamen, die sich „Herzenssprechstunde“ nennt.

Doch die Dame steht mit ihrer Offenheit nicht allein. Eine andere Teilnehmerin erzählt, dass das, was ihr Herz umtreibt, der bevorstehende Ruhestand ist, und die Tatsache, dass sie jetzt merkt, dass mit der Arbeit auch sehr viele ihrer sozialen Kontakte zu Ende gehen werden.

Doch dieser Abend im Raublinger Bürgerhaus soll ja genau das ermöglichen: Ohne Scheu über alles zu sprechen, was einem auf dem Herzen liegt, woran das Herz hängt.

Idee kommt aus

Nordrhein-Westfalen

Die ursprüngliche Idee für solche Treffen kam aus Nordrhein-Westfalen, wo man versuchte, über lockere Gesprächsrunden die Kontakte unter den Menschen in den einzelnen Vierteln der Städte zu stärken. Sich kennen, anstatt anonym nebeneinanderher zu leben, war gewissermaßen die Devise. Angeregt durch den Titel Herzenssprechstunde, seien die Menschen, so die Hoffnung, vielleicht wirklich bereit, etwas von sich, ihren Wünschen, Träumen aber auch Sorgen zu erzählen und damit ein näheres Kennenlernen zu ermöglichen.

Aufgegriffen hat die Idee das Katholische Bildungswerk in Rosenheim, das ab Herbst derartige Gespräche regelmäßig anbieten möchte. Der Abend in Raubling war gewissermaßen ein Vorgriff: Achtsamkeitstrainerin Olivia Ruthenberg hatte das Konzept am Bildungswerk im Rahmen einer Fortbildung kennengelernt. Sie fand es so interessant, dass sie sich entschloss, im Rahmen des Bürgerhauses schon einmal so einen Abend anzubieten.

Und es ist für solche Gespräche eindeutig ein Bedarf da. Die einzelnen Teilnehmer waren in Raubling nicht nur unerwartet offen, es entwickelte sich bald eine lebhafte Unterhaltung, in der auf die einzelnen Anliegen ernsthaft eingegangen wurde. So sagte ein Teilnehmer zu jener Dame, dass sie ja durchaus bereits ein Herz habe, das für sie schlage, nämlich ihr eigenes. Sie müsse nur darauf hören.

Was im ersten Moment wie ein leerer esoterischer Gemeinplatz klang, hatte durchaus Tiefgang. Es ist der Rat, das eigene Glück nicht vom Vorhandensein anderer Personen abhängig zu machen, sondern es zunächst bei sich und im eigenen Alltag zu suchen.

Für Olivia Ruthenberg, die die Gesprächsrunde zurückhaltend moderierte und durch kleine Achtsamkeitsübungen ergänzte, ist das ein fast tragischer Trugschluss. Denn in der Tat ist vieles an sich einfach, das Problem sei nur, dass die Änderung eines Verhaltens viel Zeit und große Geduld voraussetze. „Die bringen aber nur die wenigsten auf, weil da zunächst kein richtiges Erfolgserlebnis da ist.“

Hier aber, davon ist Olivia Ruthenberg überzeugt, kann das Gespräch mit anderen helfen. Denn unter Umständen bekommt man genau das Feedback, das man braucht, um etwas länger bei der Stange zu bleiben. Ein Beispiel: Als es an dem Abend darum ging, wie man mit sich selbst zufriedener werden könnte, um das dann auch nach außen auszustrahlen, sagte ein Teilnehmer, dass er versuche, täglich aufzuschreiben, was ihm Schönes widerfahren sei.

Nun sind Listen und das Aufschreiben vielleicht nicht jedermanns Sache. Jemand, der nicht direkt den Draht dazu hat, macht das vielleicht zwei, drei Wochen lang, aber dann schläft es wieder ein. Doch hier hatte eine andere Teilnehmerin eine raffinierte Lösung: Sie hat eine Sammlung von kleinen Glücksschweinchen, die als Herde beieinanderstehen. Wann immer sie den Tag über etwas Positives erlebt, nimmt sie ein Schweinchen heraus und stellt es an einen anderen Platz. Abends hat sie dann ganz plastisch vor Augen, „wie viel Schwein“ sie an diesem Tag wieder hatte.

Doch selbst wenn sich nicht solche besonderen Ideen auftun: Ein Gespräch mit anderen Menschen über das, was jedem Einzelnen wichtig ist, ist schlicht und einfach eine tolle Erfahrung. Denn Hand aufs Herz: Wer wüsste auf Anhieb anzugeben, was einem selbst wirklich am Herzen liegt? Die meisten müssen da erst mal eine Zeit lang nachdenken, etliche Schutt-Schichten aus Alltagsproblemen und Anforderungen wegräumen, um an den Kern des eigenen Wünschens zu kommen. Und das tut man in der Regel nicht freiwillig, nicht von sich heraus, da braucht es einen Anlass wie diese Gesprächsrunde. Das Ergebnis: Man hat das eigene Ich, dieses unbekannte Wesen, wieder ein bisschen besser kennengelernt.

Außerdem kann man dabei eine Erfahrung machen, die mit fortschreitendem Alter immer seltener wird: Dass einem jemand mit ungeteilter Aufmerksamkeit zuhört. „Viele können das, was ihnen auf dem Herzen liegt, nicht erzählen, weil sie gar nicht wüssten, wem sie es erzählen sollen“, so Oliva Ruthenberg. Und selbst, wenn man Freunde oder zumindest Bekannte hat, ist man zurückhaltend: „Weil man Angst hat, die anderen zu langweilen oder glaubt, das, was man zu erzählen hätte, entspreche nicht dem Bild, das die anderen von einem haben. In beiden Fällen schweigt man lieber“.

In Raubling fand sich ein Kreis, in dem jeder dem anderen gern und mit wachen Sinnen zuhörte und man gerade deshalb ohne Vorbehalte reden konnte, weil man sich vorher fremd gewesen war.

Mehr als ein

Kaffeekränzchen

Die Herzenssprechstunde ist also ein interessantes Zwischending: Tiefer gehend als ein Kaffeekränzchen oder eine lockere Stammtischrunde, aber auch keine Selbsthilfegruppe mit einem bestimmten Problem. Sie wird im Herbst, wenn das Katholische Bildungswerk die Reihe aufnimmt, sicher Zulauf haben, vielleicht, so Olivia Ruthenberg, werde auch sie im Rahmen des Bürgerhauses noch die eine oder andere Herzenssprechstunde anbieten. Bedarf wäre jedenfalls da, denn wie ein Teilnehmer formulierte: „So individuell die einzelnen Lebensgeschichten sein mögen, das Gepäck in den Rucksäcken, die wir alle zu tragen haben, ist ähnlich. Und beim miteinander Reden kommt vielleicht der eine oder andere Stein heraus.“

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