„Allmählich wird es richtig stressig“

von Redaktion

Martin Schmid führt für unbestimmte Zeit die Amtsgeschäfte in Neubeuern

Neubeuern – Martin Schmid, der Zweite Bürgermeister in Neubeuern, ist ein sportlicher Mann. Bergwandern, Ski fahren, radeln: Das alles macht er mit Begeisterung, allerdings „viel zu selten“, wie der 57-Jährige im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erzählt. Mit Ballett hat er es allerdings nicht so. Spagat fällt ihm schwer – auch im übertragenen Sinn. Doch diesen muss er momentan schaffen. Denn seit Mitte Dezember vertritt er den erkrankten Ersten Bürgermeister Hans Nowak und führt stellvertretend die Amtsgeschäfte im Rathaus neben seiner Berufstätigkeit.

Hans Nowak (60) ist im Krankenstand und wird es für die nächste Zeit wohl auch bleiben. Die Ärzte raten dringend zur Schonung, denn Nowaks Blutdruck schlägt Kapriolen. Zudem hat er drei Stents am Herzen. Ob Nowak überhaupt noch einmal auf den Chefsessel im Rathaus zurückkehren kann, steht derzeit in den Sternen. „In der nächsten Woche werde ich für mehrere Wochen eine Spezial-Klinik aufsuchen“, sagt er im Gespräch mit den Heimatzeitungen. Dann sehe man weiter. Doch aktuell hätten die Ärzte am Romed-Klinikum ein sehr ernstes Gesicht gemacht. Ganz sicher sei allerdings, dass er zur nächsten Kommunalwahl im März 2020 nicht mehr antreten wird. „Das steht für mich fest.“

Für Martin Schmid wäre das der „worst case“, der schlimmste Fall, wenn Nowak nicht mehr an seinen Platz im Rathaus zurückkehren sollte. Denn Schmid arbeitet als Techniker in Vollzeit beim Abwasserzweckverband Tegernsee. „Dort bin ich momentan stundenweise freigestellt, um die Aufgaben des hauptamtlichen Bürgermeisters zu übernehmen“, berichtet der 57-Jährige. Das sei für ihn akzeptabel, weil zurzeit „nicht so viel los ist“. Aber sobald die Bautätigkeit im Frühjahr wieder beginne, werde es anders aussehen. „Kritisch wird es bei mir, wenn die Vertretung länger als ein halbes Jahr dauern sollte.“ Zurzeit fährt er morgens zum Tegernsee, abends geht er ins Rathaus. Das sei auf die Dauer natürlich sehr stressig. Und auch die Mitarbeiter der Verwaltung seien mehr gefordert, weil „ich natürlich meine Unterschrift nur unter Schriftsätze setze, die wir durchgesprochen haben und hinter denen ich stehe“. Und da komme eine ganze Menge zusammen. Erst jetzt sehe er, wie viel Arbeit im Rathaus zu erledigen ist. „Und du musst die Verantwortung dafür übernehmen. Du kannst dich nicht wegducken oder die Dinge liegen lassen.“ Insgesamt klappe die Zusammenarbeit mit der Verwaltung viel besser als befürchtet. Auch das schwierige Verhältnis Gemeinderat und Verwaltung versuche er, positiv zu beeinflussen.

Der Freitagnachmittag ist reserviert, um Termine mit der Verwaltung durchzusprechen. „Da habe ich das Problem, dass es keinen Dritten Bürgermeister gibt, der mich bei Vereinen oder Geburtstagen vertreten kann“, bedauert Schmid. Konrad Stuffer (CSU) sei zwar schon einmal eingesprungen, aber „er arbeitet in München und ist nicht offiziell als Dritter Bürgermeister bestellt“, gibt Schmid zu bedenken.

„Geschäftsleiter hat alles im Griff“

Dankbar sei er, dass die Mitarbeiter der Verwaltung mitziehen, allen voran Geschäftsleiter Christoph Schneider. „Er hat die Sache gut im Griff.“ Das helfe ihm enorm. Dennoch sei die Situation nicht einfach, sagt er: „Wenn du als Bürgermeister etwas vollziehen sollst, hinter dem du persönlich nicht stehst.“ Beispiel Kläranlage: Persönlich habe er gegen den Ausbau gestimmt und eine Kooperation mit Nachbargemeinden favorisiert, doch die Mehrheit im Neubeurer Gemeinderat habe für den Ausbau votiert. „Sechs Millionen Euro wird das kosten. Kein Pappenstiel. Und jetzt muss ich in den Vollzug.“

„Was darf ich?

Was soll ich?“

Weit komplizierter bewertet er das Vorhaben „Rathausneubau“: Hier gehe es eben nicht um das Umsetzen eines Gemeinderatsbeschlusses, sondern um das Vorantreiben von neuen Vorhaben. „Das ist eigentlich die Aufgabe des Ersten Bürgermeisters. Wie sehr soll ich mich da einbringen“, fragt er. Kritisch sehe er es besonders dann, wenn zu bestimmten Projekten Druck aus dem Gemeinderat komme. „Da sehe ich mich in der Zwickmühle“, gesteht Schmid.

Doch insgesamt mache ihm die Rolle als „geschäftsführender Bürgermeister“ Spaß und er betrachte die auftauchenden Probleme eher als Herausforderungen.

Ob er sich das Amt des Ersten Bürgermeisters insgesamt zutraut? „Das ist noch nicht spruchreif, aber warum nicht“, meint er spontan. Amüsant findet er es, wenn plötzlich in der Gemeinde darüber gesprochen wird, was er denn so trägt und was in seinem Auto liegt. „Meine Kleidung und das Auto waren vorher nie ein Thema.“

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