Prien/Chiemgau – Die App im Smartphone aufrufen, ein paar Klicks und innerhalb von höchstens einer Stunde steht ein Taxi bereit, um den Kunden zum Pauschalpreis von 3,50 Euro in den Nachbarort zum Arzt oder zum Bahnhof zu bringen: So funktioniert das Chiemsee-IST-Mobil. Allerdings bisher nur in der Theorie.
Denn das Anruf-Taxi-System drohte zu scheitern, als zwei der zwölf Gemeinden, die zusammen eine Machbarkeitsstudie beim österreichischen Anbieter IST-Mobil in Auftrag gegeben hatten, sich nicht mit dem Ergebnis anfreunden konnten: Halfing und Aschau.
Die Fachleute von IST-Mobil, die dank ihrer eigenen Software ihr System schon in mehreren Regionen der Alpenrepublik etabliert haben, hatten für die Region von Sachrang bis Höslwang mit ihren 51000 Einwohnern ein Potenzial von 11000 Fahrten mit 15000 Passagieren im ersten Betriebsjahr errechnet. Als Ergänzung zum ÖPNV soll das Anruftaxi Lücken im ländlichen Raum schließen.
Während Halfing mit einem Anteil von sechs Prozent am errechneten Potenzial nur einen vergleichsweise geringen Anteil hätte, war die 5700-Einwohner-Gemeinde Aschau nach Prien (21 Prozent), Bad Endorf (16) und Bernau (13) mit elf Prozent die viertgrößte Gemeinde im angestrebten Einsatzgebiet und damit ein mitentscheidender Faktor. Als der Gemeinderat die Beteiligung mehrheitlich ablehnte, drohte das gesamte System zu scheitern, denn alle anderen Gemeinderäte hatten ihre Zustimmung auf der Grundlage einer Kalkulation gegeben, in die finanzielle Beteiligungen aller zwölf Kommunen eingeflossen waren.
Hinter den Kulissen wurde weiterverhandelt. Mitte Februar revidierte der Aschauer Rat seine Entscheidung und votierte mehrheitlich für eine Beteiligung (wir berichteten ausführlich). Ein wesentlicher Aspekt für den Gesinnungswandel war der Umstand, dass in die Betriebszeiten zusätzlich die Nächte auf Samstag und Sonntag mit eingerechnet wurden. Das kommt insbesondere den Gästen des „Eiskellers“ in Hohenaschau zugute.
Auf die Beschlüsse der übrigen Gemeinden haben die Veränderungen keine Auswirkungen, bekräftigte CSU-Landtagsabgeordneter Klaus Stöttner im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Als die Buslinie Chiemsee-Nachtexpress zwischen Bad Endorf und Übersee mit Halt unter anderem in Aschau für „Eiskeller“-Besucher mangels Fahrgästen eingestellt werden musste, hatte Stöttner vor etwa eineinhalb Jahren die Österreicher von IST-Mobil aus Graz ins Gespräch gebracht, um in der Chiemsee-Region eine Alternative als ÖPNV-Ergänzung auf die Beine zu stellen. Seitdem wirbt Stöttner für dieses Modell.
Nach der Zustimmung aus Aschau stehe nun zeitnah ein Termin im bayerischen Verkehrsministerium an, um die Fördermöglichkeiten definitiv auszuloten. Denkbar ist ein Stufenmodell, bei dem im ersten von sechs bezuschussten Betriebsjahren 65 Prozent der Kosten über Zuschüsse abgedeckt würden. In Zahlen: IST-Mobil hatte Gesamtkosten von 550000 Euro für das erste Jahr hochgerechnet. Knapp 315000 würden dann gefördert und 68000 sollen durch Fahrgelderlöse eingenommen werden, sodass die Kommunen knapp 170000 Euro beisteuern müssten. Die Anteile sind abhängig von der Größe der Gemeinden. Prien müsste gut 35000 Euro aus der eigenen Tasche bezahlen, Gstadt nur knapp 2900 Euro. Eventuell ist aber auch ein anderes Fördermodell denkbar, deutete Stöttner an.
Landkreis
soll Differenz übernehmen
Die Änderung der Kalkulation durch den Wegfall Halfings und die Zusatz-Nachtschichten an Wochenenden werde keine Auswirkungen auf die Beiträge der Kommunen und damit auf deren Beschlüsse haben, betonte der Abgeordnete. Die Differenzbeträge soll der Landkreis über seine Rosenheimer Verkehrsgesellschaft (RoVG) übernehmen.
Stöttner hält am Ziel fest, das Anruf-Taxi-System noch in diesem Jahr in der Region zu starten. Damit diese Möglichkeit erhalten bleibt, soll der Betrieb auf drei Gebiete verteilt ausgeschrieben werden. Das gesamte System hätte ein Finanzvolumen, das eine europaweite Ausschreibung erfordern würde, und für die ist ein Jahr Laufzeit vorgeschrieben.