Schlaganfall-Lotsin kommt an Bord

von Redaktion

Erstmalig im süddeutschen Raum gibt es eine Lotsin für von Schlaganfall betroffene Kinder und deren Eltern. Die Stelle ist an der Schön-Klinik Vogtareuth verankert. Sie soll helfen, dass die medizinischen Angebote und Reha-Maßnahmen passgenau beim Patienten ankommen.

Professor Dr. Martin Staudt,

Neuropädiater

Vogtareuth – Die Krankheit tritt zum Glück selten auf, doch wenn ein Kind einen Schlaganfall erleidet, hinterlässt er bleibende neurologische Defizite. Laufen, Sprechen, Sehen – das alles ist nur noch eingeschränkt möglich. In der Folge treten häufig epileptische Anfälle auf, die für eine weitere Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Kindes sorgen. Hier hilft meist nur noch als letzter Ausweg eine Operation am Gehirn.

Das Problem: Diese Kinder brauchen in den meisten Fällen jahrelange medizinische Betreuung – und ihre Eltern Unterstützung, um sich in dem „Dschungel an Hilfemaßnahmen“ zurechtzufinden. Und genau dafür ist die Lotsin da.

Sie soll durch das für medizinische Laien unübersichtliche Angebot lotsen und dafür sorgen, dass die hoch spezialisierte Medizin und die spezifischen Reha-Angebote ganz individuell beim Kind ankommen. Denn auch die behandelnden Ärzte haben nicht immer den Gesamtüberblick über die Fülle der möglichen Anschlussbehandlungen und wo sie abzurufen sind.

Möglich gemacht hat diese Stelle die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe durch eine Anschubfinanzierung. „Familien, deren Kind einen Schlaganfall erleidet, fallen psychisch in ein tiefes Loch. Denn vom Baby bis zum Teenager – der Patient verliert viele Fähigkeiten, die er schon einmal konnte. Hier setzt unsere Hilfe an.“ Das sagt Dr. Michael Brinkmeier, Vorstand der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Die Stiftung beteiligt sich an dem Projekt Schlaganfall-Kinderlotsin mit 70000 Euro. „Die Mittel stammen aus einer Spende der RTL-Stiftung ,Wir helfen Kindern’, für die wir sehr dankbar sind. Eine zusätzliche Spende in Höhe von 5000 Euro wurde von der Stiftung der Schön Klinik für Gesundheit an uns überwiesen“, so Brinkmeier. Seine Hoffnung: Dass Krankenkassen in die Finanzierung der Lotsen-Stelle einsteigen werden.

Genau dafür will sich Alois Glück, Landtagspräsident a.D., stark machen. „Wir müssen uns mehr für die Akzeptanz von behinderten Menschen in der Öffentlichkeit einsetzen.“

Individuelle

Lösungen suchen

Lotsin Franziska Schroll selbst hat bereits Erfahrung auf ihrem neuen Tätigkeitsfeld. „Als Ergotherapeutin habe ich die Familien nur in der Klinik betreut und trotzdem Probleme in ihrem Umfeld, zu Hause oder im Alltag wahrgenommen. Als Lotsin ist es mir nun möglich, für die Kinder und Familien auch nach der Reha da zu sein und sie in allen schwierigen Lebenslagen zu unterstützen.“

Schroll wird persönlich die Betreuung in Vogtareuth, München oder der nahen Umgebung übernehmen. Telefonisch berät sie alle anderen Familien aus Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland. Und die größte Herausforderung? „Ganz individuelle Lösungen für jedes Kind und seine Familie zu finden!“

Kann die gesunde Gehirnhälfte Arbeit der kranken übernehmen?

„Vorweg: Bei der Epilepsie-Operation – die Epilepsie ist eine der schlimmsten Folgen des kindlichen Schlaganfalls – geht es nicht um die Trennung der beiden Gehirnhälften, sondern um die chirurgische Abtrennung der geschädigten Gehirnhälfte. Das ist übrigens mein wichtigstes Forschungsgebiet als Professor für Neuroplastizität des kindlichen Gehirns. Darüber kann ich Stunden referieren, ohne müde zu werden. Die „kranke“ Hälfte hat nach der OP keinerlei Verbindung mehr zum Rest des Gehirns, und damit auch nicht zum Rest des Körpers. Damit kommen epileptische Entladungen „nicht mehr heraus“, man kann das als „stillgelegt“ oder auch „isoliert“ bezeichnen.

Die neuroplastischen Fähigkeiten einer gesunden Gehirnhälfte können enorm sein. Es gibt Kinder, die schaffen mit einer Gehirnhälfte das Abitur. Das Ausmaß der Funktionsübernahme und das Zeitfenster, in dem das möglich ist, hängen stark von der Funktion ab. So funktioniert es für das Sehen gar nicht, deswegen haben alle Epilepsie-operierten Kinder eine Halbseitenblindheit.

Für die Handmotorik funktioniert es ganz passabel, dabei aber immer unvollständig. Solche Kinder haben aber eine unterschiedlich schwere Halbseitenschwäche.

Für Sprache funktioniert es problemlos bis ins Kindergartenalter hinein, danach umso schlechter, je älter das Kind wird. Entscheidend ist meistens der Zeitpunkt des Schlaganfalls, der schon zu einer Verlagerung von Funktionen in die gesunde Gehirnhälfte geführt hat, sodass wir mit der Operation oft keine neuen Defizite setzen. Ein früher OP-Zeitpunkt kann für die Reorganisationsfähigkeit von Sprache relevant sein, vor allem aber bedeutet eine frühere Heilung der Epilepsie einen früheren Schutz des neuroplastischen Potenzials der gesunden Gehirnhälfte, gerade für die kognitive Entwicklung.“

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