„Gebt Menschen nicht zu viel Macht“

von Redaktion

Der Schweiz hat Max Rubin den Rücken gekehrt – „abgehauen für immer!“. In Ungarn baute er sich ein Haus, lernte das Schachspiel neu kennen, ließ wieder alles hinter sich und fand im Chiemgau seinen Platz. Gerade schreibt er ein Buch über sein Leben.

Aschau – Vor vier Jahren kam Max Rubin hier an, unterwegs war er aber schon länger, immer auf der Suche nach seinem Platz. Auch im Chiemgau war es zunächst nicht einfach, ohnehin schien das Einfache für ihn nicht vorgesehen zu sein. Sein Leben bestand aus einer langen Reihe von heftigen Herausforderungen, keiner ist er ausgewichen.

Machtmissbrauch war ihm schon früh vertraut, wobei das, was er zuletzt in Ungarn als politischer Zaungast beobachten konnte, nichts war im Vergleich zu seiner Zeit als so genanntes „Verdingkind“ (Siehe Info-Kasten). Für den achtjährigen Max setzte sich damals nicht nur sein von Prügel, Hunger und Alleinsein geprägtes Leben fort – der alkoholkranke Vater tyrannisierte die Familie und eine wehrlose Mutter –, als Verdingkind wurden ihm auch noch alle Rechte und jede Freiheit entzogen.

Max Rubin landete bei einem Kleinbauern im Emmental, sein Leben dort, ganz unten bei den Allerschwächsten, dauerte bis zur Volljährigkeit. Machtmissbrauch war ihm also schon früh vertraut und im Gespräch über das Thema Stärke fällt dann von ihm der Satz: „Gib einem Menschen zu viel Macht und er zeigt seinen wahren Charakter.“ Dem Bauern seiner Kindheit im Emmental hat er übrigens nie etwas Böses gewünscht, er hat ihn später sogar einmal besucht und danach das Kapitel für sich abgeschlossen.

Nach der Schule ging Max Rubin in die Lehre bei einem Metzger, eine Stelle, die ihm zugeteilt und miserabel bezahlt wurde. Drei Jahre später besorgte er sich selber eine Lehrstelle als Koch, was sein Traumberuf werden sollte. Mit der wiedergewonnenen Freiheit und einer soliden Berufsausbildung im Gepäck begann bei Max Rubin die Reise in ein neues, aber keineswegs einfaches Leben.

Die Frage, wie er unter diesen Voraussetzungen eine blitzsaubere Karriere in der Gastronomie hinlegen konnte, wird ihm oft gestellt. Immerhin war er sehr bald selbstständiger Restaurantbesitzer in der anspruchsvollen Schweiz und auf die Frage, was für ihn Stärke bedeutet, meint er: „Vor allem ein starker Wille! Das habe ich früh lernen müssen“, ergänzt er nachdenklich, „da war so eine Art Tunnelblick, der mir sagte: Da musst du durch und fertig“.

Als er später als Küchenchef selber zu den Starken gehörte, hat er diese neue Stärke auch nach außen demonstriert. „Ich hatte das Gefühl, das muss so sein, damals war ich extrem aggressiv.“ Es dauerte eine Zeit, bis er „zur Besinnung kam“, wie er sagt. Er erinnert sich an einen Exzess mit einem verprügelten italienischen Küchenhelfer, nach dem ihm klar wurde: „So kannst du nicht mehr weitermachen. Du machst dich kaputt und die anderen gleich mit.“

Die Gastronomie verließ er dann seiner Frau zuliebe, das Familienleben hatte unter der gnadenlosen Zeiteinteilung seines Berufs stark gelitten. Er war frei genug, danach etwas ganz anderes anzufangen – Maschinenbau und später die Anfänge der Computertechnik – doch die eigene große Freiheit war es noch nicht.

Da nagte etwas an ihm, er brauchte dringend einen Ortswechsel, am besten einen ganz radikalen. Weil die Schweiz ihm nichts mehr zu sagen hatte, „suchte ich den Resetknopf, wie beim Neustart einer Maschine“, sagt er, „und den habe ich dann gedrückt“.

Alle hielten ihn für verrückt, als er beschloss, nach Ungarn auszuwandern. Doch er erinnerte sich als Koch an seine erfolgreichen „ungarischen Wochen“, und das war, neben der lockenden Freiheit, wieder ein Motiv mehr. Seine Söhne waren erwachsen, seine Frau akzeptierte den neuen Status der Familie, das Abenteuer konnte beginnen.

Zwölf Jahre dauerte es, er liebte die Lebensart, die Leute, die Küche und eine Frau fand er auch, wenn auch eine von der eifersüchtigen Sorte. Am glücklichsten war er, wenn er an seinem eigenen Haus bauen und werken konnte, wenn der Holzofen knisterte und er sich auf das nächste Schachturnier vorbereiten konnte. Beim Schach wurde er immer besser, er gewann Meisterschaften und bald war Schach zur Obsession für ihn geworden. Sogar online spielte er, auch mit deutschen Partnern und Partnerinnen. Eine davon war Eva aus dem Chiemgau.

Besuche folgten

hin und her

Außer Schach gab es bald noch andere Themen, über die man sich austauschte. Besuche folgten hin und her, doch die Strecken waren lang und beschwerlich und so war es rasch klar, dass eine Entscheidung her musste. Max übersiedelte nach Bayern, in den Chiemgau, zu Eva. In Ungarn war er der Ausländer, keine Frage; dass man ihn aber hier, wo er wieder deutsch reden konnte, auch erst mal als solchen einordnete, hat ihn irritiert. Doch dann erinnerte er sich an seine ehemaligen Landsleute im Berner Oberland, die sich Fremden gegenüber wenigstens genau so reserviert gezeigt hatten.

Heute leben Eva Dahn-Rubin und Max Rubin in Hohenaschau, mit Blick auf Burg und Berge. Evas Ausstellungen finden viel Beachtung und das macht ihn stolz. Hier hat er neue Freunde gefunden, sein Hund Bobby wird von Evas Katzen akzeptiert, Schach ist Nebensache geworden und kochen kann er, wann immer er möchte.

„Der Chiemgau hier ist jetzt schon meine Heimat“, sagt Max Rubin, und um „Macht“ geht es nur noch, wenn er mal im Gasthaus St.Salvator bei Prien die Küche übernimmt, für einen Abend mit Rösti-Variationen. Die Wirtin Renate überlässt die Küche dem Freund gerne, sie weiß, dass er mit viel Liebe dabei ist, und „das ist das Wichtigste“, betont Max Rubin, „nicht nur beim Kochen“.

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