Irene Buchberger und Marianne Lomertin sammeln seit 60 Jahren für die Caritas
„Man muss die Menschen mögen“
Brannenburg – „Es stimmt einfach: D‘ Leit lernt ma kenna, wenns ums Geld geht.“ Diesen Satz könnte Helmut Kraus sicher auch in seiner Eigenschaft als Pfarrer des Pfarrverbandes Brannenburg-Flintsbach äußern. Er sagt ihn aber als ehemaliger Caritas-Sammler. Und er tut dies bei einem kleinen Kaffeekränzchen, das er zusammen mit der Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Anni Kuchler zu Ehren von Irene Buchberger und Marianne Lomertin ausrichtet. Die beiden sind in den letzten Wochen wieder unterwegs gewesen, um für die Caritas zu sammeln und das seit sage und schreibe 60 Jahren.
Für den Außenstehenden selbst ohne diesen langen Zeitraum eine bewundernswerte Leistung, denn es braucht schon Überwindung, um an fremden Haustüren um Geld zu bitten. Die beiden aber sehen das nicht ganz so schlimm: „Am Anfang“, sagt Marianne Lomertin, „war’s schon komisch, aber spätestens nach dem zweiten, dritten Mal, wenn man d‘ Leut‘ schon langsam kennt, geht’s“. Die meisten Leute seien ja auch freundlich, ergänzt Irene Buchberger.
Brannenburg war damals, als die beiden in den 1960er- Jahren anfingen, noch vergleichsweise klein. Man kannte sich und auch die Tatsache, dass für die Caritas gesammelt wurde. „Nur in den Wohnblöcken, die zur Kaserne gehörten, in denen es auch viel Wechsel gab, konnte es einem schon passieren, dass die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde“, so Lomertin.
Schon damals wurden bestimmte Hilfsangebote der Caritas immer nur durch Spenden ermöglicht. Das sei heute noch ausgeprägter, meint Hedwig Petzet, die bei der Caritas Rosenheim Ansprechpartnerin für die Sammlerinnen ist, denn die Angebote der Caritas wie auch deren Nachfrage seien stark gewachsen. „Zwar ist unser Sozialstaat wirklich etwas, worauf man stolz sein kann“, sagt sie. „Das Problem ist nur, dass man an seine Hilfsangebote oft nur nach dem Überwinden von sehr, sehr viel Bürokratie kommt.“
Das sei der Punkt, an dem die Caritas ansetze. Entweder, weil sie durch ihre Dienste wie zum Beispiel Ämterlotsen und Schuldnerberatung Menschen in die Lage versetzt, die Hilfsmöglichkeiten tatsächlich in Anspruch zu nehmen. Aber auch, weil sie dort, wo das zu lange dauern würde, mit ihrer Sozialen Beratung versucht, Soforthilfe zu leisten.
„Soforthilfe ist
oft nötig“
Hedwig Petzet bringt ein Praxisbeispiel: „Da steht die Mutter vor der Tür, alleinerziehend, Hartz IV-Bezieherin, die schlicht kein Geld mehr hat, um Windeln für ihren Säugling zu kaufen. Die braucht Soforthilfe und die bekommt sie auch in Form eines einmaligen Gutscheins, der ihr zumindest über die nächsten Tage hinweghilft. Dazu aber auch das Angebot, dass unsere Soziale Beratung gemeinsam mit ihr überlegt, wie die Situation grundsätzlich zu verbessern wäre.“ Und bei dieser Hilfe sei es übrigens ganz egal, ob die Mutter nun katholisch, evangelisch, muslimischen Glaubens oder konfessionslos ist.
Auch Helmut Kraus ist wie alle anderen Pfarrer dank der Caritas-Sammlung zur Soforthilfe fähig, denn 40 Prozent der gesammelten Beträge bleiben in den Pfarrgemeinden. Er unterstützt dadurch vorwiegend die Brannenburger Tafel und das Sozialwerk, hat aber immer auch noch etwas Geld übrig, um im Fall der Fälle Leuten helfen zu können, die unvermittelt an seiner Tür klingeln.
Gegen Missbrauch sei er gut gewappnet, meint Pfarrer Kraus. Er sagt, dass man die nötige Erfahrung, die es brauche, um echtes Hilfesuchen zu erkennen, recht bald erlange: „Bei denen, denen es allein um einen schnellen Euro geht, reichen meistens schon zwei drei Nachfragen, damit die Geschichte von der angeblichen Notlage in sich zusammenfällt.“ In allen anderen Situationen aber, in denen er sich nicht ganz sicher sei, handele er vorsichtshalber nach der Devise „lieber einmal mehr reingefallen, als einmal zu wenig geholfen“.
Überdies gehe es bei diesen Haustürspenden nur um kleine Beträge, bei größeren müsse die Notlage schon wirklich nachprüfbar belegt werden und es dürfe auch keine andere Lösung geben: „Ich muss ja mit diesem Geld zumindest so sorgfältig umgehen wie mit meinem eigenen.“ Schließlich weiß er selbst, wie hart es bisweilen ersammelt ist. Als Jugendlicher und auch noch als Student hat er sehr oft seine Mutter bei ihrer Sammlertätigkeit vertreten. Schon damals gab’s Argumente, dass die Caritas zwar gute Arbeit leiste, man aber die Kirche als Institution nicht unterstützen wolle. „Solche Streitgespräche hab‘ ich mit der Zeit immer weniger gescheut“, sagt er im Rückblick. „Zum Schluss sah ich‘s mehr als sportliche Herausforderung.“
Mit den Leuten zu diskutieren, das taten und tun weder Irene Buchberger noch Marianne Lomertin so besonders gerne, aber auf sanfte Hartnäckigkeit setzen sie schon. „Man muss einfach ein Gespür für die Leute haben“, meint Irene Buchberger.
Kirche ein Gesicht verleihen
Man könnte hinzufügen: Und mögen muss man sie auch. Denn nur dann ist es möglich, dass man – guter Zweck hin oder her – ganze 60 Jahre bei der Stange bleibt. Wenn Pfarrer Kraus Glück hat, bleiben ihm die beiden auch noch das eine oder andere weitere Jahr als Sammlerinnen erhalten, denn Nachfolgerinnen gibt es keine mehr. Zwar kommt man zu Spenden für die Caritas auch über die Überweisungsträger, die den Pfarrbriefen beiliegen. Aber das, so meint Pfarrer Kraus, sei eben nicht dasselbe. Mit den Sammlerinnen gehe eine Tradition verloren – eine, die dem sozialen Engagement der Kirche ein freundliches Gesicht verlieh.
johannes Thomae