Kein Ort für Hasardeure

von Redaktion

Mit dem Fatbike unterwegs auf dem 1000-Meilen-Iditarod-Trail in Alaska

Rosenheim/Landkreis – Alaska im Winter: Nachts gehen die Temperaturen auf minus 30 Grad runter, am Tag klettert das Thermometer selten über minus zehn Grad. Dazu pfeift ein Wind, der Schnee knirscht und weit und breit keine Menschenseele. Weit und breit meint in dieser weißen Einöde: die nächsten 100 Meilen. Nix für Weicheier und nix für Hasardeure. Das zumindest sagt Florian Reiterberger. Der Extremsportler hat sich an einem der härtesten Rennen der Welt beteiligt: dem Iditarod-Trail über 1000 Meilen durch die Eiswüste von Alaska. Startpunkt: Anchorage. Ziel: Nome.

Doch der 39-jährige Eggstätter wusste, worauf er sich da einlässt. Schließlich hat er im Jahr 2016 den berühmten Yukon-Arctic Ultra-Trail gewonnen. Und daraufhin kam die Einladung durch die Veranstalter, sich einer neuen Herausforderung zu stellen.

Nur ausgesuchte Bewerber sollten beim Iditarod-Trail mitmachen. Kathie Merchant, die ursprünglich aus Hemhof stammt, ist Veranstalterin und sucht auch aus. Sie hat übrigens als erste Frau überhaupt diesen Trail durchgestanden. „Da bin ich mit ihr einer Meinung, dass es richtig ist, nicht jeden an den Start gehen zu lassen“, sagt Reiterberger. „Du gehst an deine Grenzen. Unterwegs habe ich immer wieder Teilnehmer getroffen, die diese enorme Herausforderung völlig überschätzt hatten. Sie waren am Ende, sie waren voll am Limit und darüber hinaus.“ Doch auf Hilfe wartet man in dieser Wildnis, die sich über Hunderte von Meilen hinzieht, vergeblich. „Da kommt nix. Auch hinter der nächsten Kurve kommt nix. Um Hilfe schreien nützt nichts. Es kommt keiner, weil keiner in der Nähe ist. Nicht mal Eisbären. Die schlafen zum Glück noch.“

Vor allem eine Sache müsse man kapieren – aber das lerne man sehr schnell: du musst auf dich selbst achten. „Helfen hat dort draußen eine ganz andere Bedeutung als bei uns in Bayern. In dieser Weite ohne jede Zivilisation musst du für dich selbst sorgen – und du darfst dich nicht aus falsch verstandener Solidarität mit einem anderen Trail-Teilnehmer selbst in Gefahr bringen“, sagt Reiterberger.

Geradezu fahrlässig sei es in seinen Augen, wenn – wie auf dem Trail erlebt – der Benzinkocher nicht funktioniert. „Ich bin zufällig auf einen Polen gestoßen. Er war bereits im Delirium. Natürlich versorgst du ihn. Aber dann stellt sich heraus, dass er kaum Flüssigkeit zu sich genommen hatte, weil sein Kocher nicht ging. Das musst du eben vorher testen, nicht erst in der Wildnis. Und du musst für alle Fälle einen Plan B haben.“

Von Zeit zu Zeit gibt es auf dem Trail ein Camp oder eine Behausung, wo die Teilnehmer zur Abwechslung auch mal in einer Hütte übernachten können. Und dabei sei sogar ihm ein Missgeschick passiert: „Ich kam spät an und lehnte mein Fatbike an die Holzhütte. Doch als ich bei Morgengrauen weiter wollte, war mein Daunenanorak zum Eisklumpen gefroren.“ Selbst schuld, habe er sich gesagt. Soll nicht noch einmal passieren. „Aus diesen Fehlern musst du lernen. Sonst kann’s ins Auge gehen.“

Viele US-Veteranen

dabei

Insgesamt gibt es viel Solidarität unter den Teilnehmern dieses Wettbewerbs. „Für die meisten geht es hier nicht ums Gewinnen, sondern darum, es zu packen und wieder heil nach Hause zu kommen“, meint der 39-Jährige. Viele US-Veteranen seien dabei, aber auch etliche Europäer.

Er selbst reiste mit kleinem Gepäck. 18 Kilo wog sein Fatbike, 20 Kilo die gesamte Ausrüstung: Schlafsack, kleines Zelt, Expeditions-Schlafmatte, Kocher, Waschzeug und Nahrung. „Ich hatte immer für rund fünf Tage im Voraus Fertignahrung dabei. Das sind so kleine Packerl, die mit Wasser aufgerührt werden. Am liebsten mochte ich Nudeln a la Bolognese.“ Die stopfte er zweimal täglich in sich hinein. Schließlich verbrauchte er rund 7000 Kalorien pro Tag.

Doch eine Zutat, so sagt er, sei in seinen Augen die allerwichtigste Voraussetzung, um diese 1000 Meilen – das sind 1600 Kilometer – unbeschadet durchzustehen: Disziplin! Sie stehe für ihn ganz oben. „Wer heil ankommen will, muss sich, seine Psyche und seine körperlichen Grenzen im Griff haben. Er muss in jeder Situation diszipliniert reagieren.“ So müsse bei der Wahl des Schlafplatzes eine gewisse Vorsicht mit im Spiel sein, ebenso bei der vorausschauenden Beschaffung von Nahrungsvorräten oder nicht zuletzt bei der Begegnung mit Wildtieren. „Panik ist ganz schlecht, wenn es eng wird“, erklärt der Extremsportler. Am besten lasse sich Disziplin übrigens beim täglichen Bettenmachen einüben. „Vielen, denen ich das erzähle, lachen. Aber ich bin davon überzeugt.“

Und mit der ihm eigenen Disziplin brach er den Wettbewerb schließlich ab. Sein Knie machte nicht mehr mit. „Das war die richtige Entscheidung. Doch ich versuche es noch einmal“, lacht er. Aber jetzt kommt erst mal Sibirien an die Reihe. Der Baikalsee lockt.

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