Wasserburg – Schon beim auf-die-Uhr-schauen kann man sich eine Menge Arbeit machen. Doris Müller, Vorsitzende des „Vereins zur Förderung des Betreuungshofes Rottmoos“ ist so jemand. Statt einen Blick auf ihre Armbanduhr zu werfen, geht sie lieber zur „Ohren-Kapelle“ in Rottmoos, stellt sich vor die weltweit einzigartige Sonnenuhr und späht nach dem Schatten des Zeigers. „Aha, noch vier Stunden bis Sonnenuntergang“, meint sie dann zufrieden und eilt zum nächsten Termin.
Doch der Reihe nach: Die Kapelle gehört zum Betreuungshof Rottmoos, der vom „Fachverband für Menschen mit Hör- und Sprachbehinderung“ (BLWG) betrieben wird. Unweit des Hofes stand eine 1874 errichtete Kapelle, die 1963 im Zuge des Ausbaus der B 15 abgerissen wurde. Aber auch deshalb, weil eine fällige Sanierung mit Kosten bis zu 400000 Euro nicht finanzierbar gewesen wäre. 2007 hatte nun ein mittlerweile gegründeter Förderverein die Idee, wieder eine Kapelle unweit des ursprünglichen Standorts zu errichten. Sie sollte modernerer Bauart und kostengünstiger sein.
„Die Grundidee bestand darin“, berichtet Doris Müller, „quasi ein ,offenes Ohr‘ zu schaffen sowohl für die Bewohner des Rottmooser Betreuungshofes als auch für Menschen aller Glaubensrichtungen.“ Daraus entwickelte Holzbaumeister Markus Lutter, der einst als Zivildienstleistender im Betreuungshof tätig war, einen Kapellen-Grundriss in Form eines Ohres.
Weltweit einzigartige Zwillings-Sonnenuhr
Markant ist die große, leicht zu öffnende Glasfaltwand, die exzellente Lichtverhältnisse in der barrierefrei gebauten Kapelle garantiert. So ist es den Besuchern mit Handicaps ein Leichtes, von den Lippen eines Vortragenden abzulesen. Zudem ermöglicht die Gebärdensprache in dieser Kapelle quasi eine Kommunikation „durch die Wände“ nach draußen.
Zur Kapelle gehört ein separater Turm mit Glocke in Form zweier Betonstelen. Die Besonderheit besteht in den Zwillings-Sonnenuhren, die an der Ost- und Westseite des Turms angebracht sind. Während die Ostuhr die Stunden anzeigt, die seit Sonnenaufgang vergangen sind (in der Fachsprache der ,Gnomonik‘ sind dies die babylonischen Stunden) zeigt die Sonnenuhr an der Westseite des Turms die bis zum Sonnenuntergang verbleibenden Stunden an (italische Stunden). In Gestaltung und Ausführung sind die Zwillings-Sonnenuhren derzeit weltweit einmalig. Konstruiert und gestaltet wurden sie von dem Mathematiker Willy Bachmann aus Richrath bei Düsseldorf.
Doris Müller erläutert die dahinter stehende Symbolik: „Der Betrachter der Sonnenuhren soll sich im Zeitalter von Hektik, Stress und Zeitdiktat an das natürliche Leben erinnern. Es wird daher nicht die gesetzliche Zeit angezeigt, sondern ein Bezug zum natürlichen Tagesablauf hergestellt. Das Leben wird als Zyklus aufgefasst, mit einem Anfang und einem Ende.
Meilensteine im Laufe des Lebens
So soll die aufgehende Sonne den Beginn unseres Lebens darstellen. Die Stunden, die auf der Ostuhr aufwärts gezählt werden, können als Meilensteine im Laufe des Lebens verstanden werden. Auf der Westuhr läuft der Lichtfleck des Zeigers, in der Fachsprache ,Loch-Gnomon‘ genannt, rückwärts zählend durch die Stundenlinien der Sonnenuhr. Es ist der Countdown bis zum Untergang der Sonne, während sich der Mensch Gedanken machen soll über den ausstehenden Teil des Lebens.“
Viele helfende Hände standen bei der Errichtung und Ausstattung der Kapelle Pate. Das bunte Glasfenster der Kapelle ist eine Projektarbeit von gehörlosen und sprachgeschädigten Jugendlichen aus einer Einrichtung des BLWG in München-Johanneskirchen. Das Mobiliar aus unterschiedlichen Holzarten soll die Unterschiedlichkeit der Menschen zum Ausdruck bringen, und das Metallkreuz in der Kapelle wurde von einem gehörlosen Mitarbeiter einer Kunstschmiede in Ebersberg gefertigt.
Ins Auge fallen auch die silberfarbenen Schriftzüge im Innern der Kapelle. Damit wurde ein Platz gefunden, das Andenken an verstorbene Bewohner der Einrichtung aufrecht zu erhalten.
Der Patron der Kapelle ist der italienische Priester Filipo Smaldone (1848 bis 1923), der sich zu Lebzeiten in besonderem Maße für gehörlose Menschen engagierte und von Papst Benedikt heiliggesprochen wurde. Neben der Seelsorge in Süditalien gründete er in Lecce (Apulien) seine erste Einrichtung für Gehörlose und entwickelte auch eine eigene Gebärdensprache. Smaldones Konzepte zur Betreuung Gehörloser finden noch heute Anwendung. Zu der Ordensgemeinschaft in Italien pflegt der Förderverein Rottmoos seit Bestehen der Kapelle Kontakt und organisiert gegenseitige Besuche. Die Kapelle beherbergt auch eine Reliquie des Heiligen.
Seit Fertigstellung der Kapelle in Rottmoos bietet der Förderverein auch Kapellenführungen an. Das Interesse daran ist groß, immerhin haben bisher mehr als 700 Personen diese Möglichkeit genutzt. Zu den Besuchern zählten bisher neben Firm- und Kommuniongruppen auch viele Privatpersonen.
Einige Besucher der Kapellenführungen kommen mittlerweile auch gerne zur jährlichen öffentlichen Gedenkandacht nach Rottmoos. Es ist eine ökumenische Andacht, sowohl in Gebärden- als auch in Lautsprache gehalten. Musikalisch umrahmt wird die Andacht von der Gruppe Bel Canto. Für gehörlose Teilnehmer werden auch die Texte der Lieder in Gebärdensprache übersetzt. Der Termin für heuer ist auf den Samstag, 1. Juni, 17 Uhr, festgesetzt.