Schloßberg – „In 20/30 Jahren gibt es keine Männergesangvereine mehr“, hieß es 1989 in einem OVB-Zeitungsartikel. In anderen Veröffentlichungen hieß es: „Macht Euch keine Illusionen, Ihr sterbt aus“ oder „Männergesangvereine stehen längst auf der Roten
Liste der Kulturvereine“. Totgesagte leben aber offensichtlich wirklich länger, denn trotz dieser Unkenrufe hat es der Männergesangverein Schloßberg geschafft, unlängst beim traditionellen Frühjahrskonzert sein 110-jähriges Bestehen zu feiern. Und dieses war frisch und bunt.
Allerdings ist die Situation in der Tat nicht ganz einfach. Auch bei den Schloßberger Sängern, deren Durchschnittsalter bei gut 70 Jahren liegt, macht man sich Gedanken über die Zukunft. Gottfried Thalmeier, langjähriger ehemaliger Vorsitzender und Sängermitglied seit Anfang der 1970er-Jahre, meint gar: „Ein paar Jahre haben wir noch. Und die müssen wir in Würde überstehen, soll heißen, dass wir noch Spaß haben und unser Publikum auch.“
„Wir waren
eine Marke“
Dabei hat der Verein große Zeiten erlebt, hatte in den 1970er-Jahren sage und schreibe 75 Sänger und war für den Raum Rosenheim und darüber hinaus eine Art Referenzchor: „Wir waren eine Marke“, sagt Thalmeier. Möglicherweise ist es sogar dieser Erfolg, der den Schloßbergern heute Schwierigkeiten bereitet. Die Vereine waren damals in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg ein wichtiges gesellschaftliches Element. Dort sammelte sich, was man heute die „Leistungsträger der Gesellschaft“ nennen würde: selbstständige Handwerker und Unternehmer, dazu die, die in Stadt oder Gemeinde etwas zu sagen hatten. „In gewissem Sinn war es die Hautevolee“, erinnert sich Manfred Panhans, der heutige Vorsitzende der Schloßberger. „Hineinzukommen war gar nicht so leicht. Entweder man kannte jemanden, der einen mit dazu holte, oder man hatte eine wirklich besonders gute Stimme – in beiden Fällen aber gab es eine Prüfungsphase, bei der man bei jeder Probe dabei sein und immer wieder vorsingen musste.“
Gesungen wurde dabei meist klassisches Liedgut, in dem die Begriffe „Heimat“ und „Zusammenhalt“ beschworen wurde – zwei Dinge, die denen, die Krieg und Vertreibung erlebt und überlebt hatten, einfach immer noch sehr wichtig waren.
Genau dies – die übernommenen Strukturen, das Netzwerk der alten Herren sowie die Art des Liedgutes – scheinen es jungen Leuten heute schwer zu machen, zu den Männergesangvereinen zu finden. An der mangelnden Zeit der jungen Leute allein könne es nicht liegen und schon gar nicht daran, dass man nicht mehr singen möchte: „Neugründungen junger Chöre gibt’s durchaus, nur den Bestehenden fehlt der Zulauf“, ist aus den Schloßberger Sängerreihen zu hören. Wäre es daher nicht eine Möglichkeit, einfach das Liedgut zu modernisieren und damit junge Männer anzulocken? Den vielfach geforderten frischen Wind brächten die dann ganz von selbst hinein.
Doch ganz so einfach sei es nicht, erklärt der Vorsitzende. Und es liege auch beileibe nicht daran, dass die alten Sänger ewig Gestrige seien, die nur ewig Gestriges singen wollen. „Es ist schlicht so“, meint Marion Hummel, die Dirigentin der Schloßberger Sänger, dass „die alten Lieder die Sänger jung werden lassen“. Ihrer Beobachtung nach wird der Chor beim Singen von Liedern, die er schon vor vielen Jahren einstudiert hat, wieder so jugendlich wie die Männer damals waren. Sogar die Stimmen „klingen bei den alten Liedern tatsächlich frischer und lebendiger, als wenn meine Männer gezwungenermaßen Neues singen“, sagt Hummel. Sie ist, was das Können des Chors anbelangt, optimistisch und versucht deshalb, immer wieder neue Lieder einzustreuen. Sie nützt einfach aus, dass sich der Chor von selbst verjüngt, wenn er die alten Lieder singt und nimmt, wie sie sagt, den gewonnenen Schwung dann her, um Neues auszuprobieren.
„Wir zehren vom damaligen Niveau“
Klar wird damit aber eines: Die Zukunft der Chöre hängt maßgeblich davon ab, ob sie gute, ja sehr gute Chorleiter haben, die nicht nur ein Händchen für ihre Sänger besitzen, dazu selbst musikalische Klasse haben, sondern auch noch einen Blick, der über den Moment hinausreicht. Unvergessen ist bei den Schloßbergern Erwin Seegerer, der den Chor von 1949 bis 1989 leitete und ihn, wie Marion Hummel sagt, auf ein wirklich herausragendes Niveau hob. „Von dem, was er damals geleistet hat, zehre ich noch heute.“
Weichen für die Zukunft stellen
In Marion Hummel selbst hat der Chor wiederum durchaus jemanden, der nicht nur „die letzten Jahre begleiten“, sondern vielmehr mithelfen könnte, die Weichen für eine längerfristige Zukunft zu stellen.
Erste Schritte hat der Chor um Vorsitzenden Manfred Panhans ja schon gemacht, das Rahmenprogramm der Frühjahrkonzerte, die die Sänger ausrichten, ist mittlerweile bunt und wirklich jugendlich. Es wird vielleicht nur noch ein bisschen dauern, bis sich das herumgesprochen hat und junge Zuhörer anlockt.