„Machen wenig negative Erfahrungen“

von Redaktion

Interview mit Leonhard Pichler über Rettungseinsätze und die Frage nach den Kosten

Brannenburg – Eine Bergrettung sorgt derzeit in den Medien für Aufsehen. In den sozialen Netzwerken sammeln sich empörte Kommentare zu dem Fall. In Tirol hatten Bergretter zwei verirrte deutsche Schneeschuhwanderer Anfang Februar aus der Lebensgefahr geborgen. Jetzt wurde bekannt, dass die beiden gegen die Rechnung für den Einsatz klagen. Leonhard Pichler, Sprecher der Bergwacht Brannenburg, hat kein Verständnis für solch ein Verhalten.

Zwei Schneeschuhwanderer geraten in Lebensgefahr und wollen nun die Rechnung für die Rettung nicht zahlen. Können Sie so eine Reaktion nachvollziehen?

Von hier aus kann ich das sehr schlecht beurteilen. Bei uns ist es so: Wenn die Bergwacht alarmiert wird, rettet sie jeden, der in Bergnot ist. Es ist egal, warum jemand in Bergnot ist – ob selbst verschuldet oder nicht. Der Einsatzleiter entscheidet aufgrund des ihm vorliegenden Meldebildes, wie er diesen Einsatz aufbaut und durchführt. Das kann im Einzelfall dazu führen, dass es Betroffenen etwas überdimensioniert erscheint. Aber der Einsatzleiter ist dafür ausgebildet, und er organisiert den Einsatz nach bestem Wissen und Gewissen.

Konkret geht es ja im Tiroler Fall um den Vorwurf, die Bergrettung hätte personalmäßig überreagiert. Kann man das überhaupt, wenn es um Leben und Tod geht?

Ich kenne die konkrete Situation in dem betreffenden Fall in Tirol nicht. Der Einsatzleiter muss wohl das Bild gehabt haben: Erschöpfte Personen bei bereits eingesetzter Dunkelheit. Kälte ist im Spiel, Nässe ist im Spiel. Da besteht Gefahr für Leib und Leben auf Grund von Unterkühlung. Die Erwartungshaltung, die man in den Berichten über den Fall liest, dass zwei Bergretter gereicht hätten, kann ich nicht nachvollziehen.

Gibt es überhaupt Bergwachteinsätze, bei denen zwei Leute ausreichen?

Das ist schon möglich, wenn wir eine Meldung erhalten, dass keine Verletzung vorliegt und die Witterungsumstände nicht bedrohlich sind, und es hat sich einfach jemand in nicht absturzgefährdetem Gelände verstiegen oder verlaufen, es besteht keine ersichtliche Gefahr oder Gefährdung, und wir können den Standort klar lokalisieren. Dann ist das denkbar, aber höchst ungewöhnlich.

Gibt es Versicherungen oder Vereine, zum Beispiel der Alpenverein, die die Kosten für solche Einsätze absichern?

Man muss unterscheiden, ob ein Einsatz aus medizinischen Gründen erforderlich ist oder nicht. Wenn ein Verletzter oder Kranker von uns gerettet wird, dann übernimmt die Krankenversicherung in der Regel die Kosten. Wenn jemand nicht verletzt ist und aus eigenem Verschulden in eine Notsituation kommt, wird der Einsatz normalerweise in Rechnung gestellt. Dafür gibt es Versicherungen. Ein Beispiel ist die Mitgliedschaft beim Alpenverein. Aber man kann sich auch anderweitig absichern.

Jetzt ist so eine DAV-Mitgliedschaft durchaus erschwinglich. Ist es da aus Ihrer Sicht überhaupt verantwortungsvoll, ohne entsprechende Absicherung auf eine risikoreiche Bergtour zu gehen?

Das ist letztlich die Entscheidung jedes Einzelnen. Wie gesagt: Die Bergwacht rettet jeden, der in Not gerät – ungeachtet der Frage, wie jemand da hingekommen ist. Wir stellen auch vorher nicht die Frage, wer den Einsatz bezahlt. Für uns zählt nur, Personen in Bergnot zu retten.

Wie teuer kann ein Rettungseinsatz eigentlich werden? Wenn zum Beispiel noch ein Hubschrauber im Einsatz ist, sind doch 2000 Euro sicher eher die untere Grenze.

Da muss man jeden Einsatz individuell betrachten. Wenn ein Hubschrauber dabei ist, kann es sein, dass der Hubschrauberbetreiber seine Kosten zusätzlich in Rechnung stellt.

Gaffer halten bei Unfällen mit der Handykamera drauf. Schaulustige behindern Einsätze. Feuerwehr und Rettungsdienste klagen in jüngerer Vergangenheit über einen immer unverschämteren Umgang. Geht es der Bergwacht ähnlich?

Wir bei der Bergwacht Brannenburg machen wenig negative Erfahrungen. Die Leute sind in der Regel sehr dankbar, wenn wir da sind und helfen. Da werden wir nicht negativ angesprochen. In Skigebieten bemerken wir tatsächlich, dass die Schaulustigkeit zunimmt. Aber überwiegend werden unsere Einsätze extrem positiv aufgenommen.

Interview Moritz Kircher

Der Fall aus Tirol

Am 3. Februar gegen 18.30 Uhr alarmierte die Leitstelle Tirol die Bergrettung Tannheim. Zwei Schneeschuhwanderer aus Deutschland waren mittags zu einer Tour auf den Grasberg Schönkahler aufgebrochen und hatten sich im Schneetreiben verirrt. Wegen der winterlichen Witterung herrschte Lawinenwarnstufe drei: erhebliche Gefahr. Die Einsatzleitung entschied sich, das Gebiet mit drei Trupps zu je fünf Mann zu durchsuchen, um die Wanderer aufzuspüren. Die Koordinaten der Verirrten waren bekannt. Allerdings sollen die Gesuchten laut österreichischen Medienberichten nicht an ihrem Standort geblieben sein. Gegen 21 Uhr erreichten die Bergretter die Verirrten, versorgten sie und brachten sie in Sicherheit. Als einen der Geretteten die Rechnung für den Einsatz über 2261 Euro erreichte, meldete er sich per Anwaltsschreiben, das vom zweiten Geretteten stammte. Der Vorwurf: Die Rechnung sei zu hoch, zwei Bergretter hätten für den Einsatz ausgereicht.

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