Wasserburg – Es war fast so, als wüsste Raldi ganz genau, dass er der Star der Besamungsstation in Rottmoos ist: Geradezu majestätisch marschierte er an der aufgereihten Schar von Gratulanten vorbei – darunter die fünfköpfige Züchterfamilie Hindelang vom „Hoimahof“ in Uffing am Staffelsee.
Dass ihr Stier eine solche Karriere als Besamer hinlegen würde, davon hätten die Züchter anfangs nicht zu träumen gewagt. Denn Raldi war als Jungtier eher schmächtig von Statur. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt beim Zuchtviehmarkt in Weilheim wurde er für nur 3100 Euro Mindestpreis angeboten. „Wir waren froh, dass er überhaupt eine Station gefunden hat“, erinnert sich Johannes Hindelang, der sein Züchterglück nach wie vor kaum fassen kann.
Angesichts seiner Abstammung – Raldi ist der Sohn eines der besten Fleckviehvererbers des letzten Jahrzehnts – bemühten sich die Besamungsstationen CRV (ehemals Meggle) in Wasserburg-Rottmoos und Genostar in Österreich bei der Versteigerung gemeinsam um den Zuschlag. Eine gute Entscheidung, denn Raldi erwies sich als extrem leistungsstark. Rund eine viertel Million Mal wurde der anfangs verkannte Star eingesetzt: Weltweit hat der älteste Stier der Besamungsstation CRV Nachkommen.
Die Kraft
vom Papa geerbt
Noch immer ist er – mit zehn Jahren schon ein reiferer Herr – aktiv, berichtet CRV-Stationsleiter Josef Dengg stolz. Dass der 1400 Kilo schwere Koloss als Vererber so begehrt ist, liege nicht nur an seiner hohen Fruchtbarkeit, sondern auch daran, dass er so prächtige Töchter produziere. Als besonders fit und stark in der Milchleistung werden sie charakterisiert.
Ihre Kraft haben die Töchter vom Papa geerbt. Der gilt außerdem als feiner Charakter „Der Raldi ist sehr umgänglich“, sagt der Leiter des Bulleneinkaufs im Rinderzuchtunternehmen CRV, Johannes Wolf. Will heißen: Der Spitzenbulle ist meist bereit, wenn er zum Torbogen geführt wird – einer Phantom-Kuh, die er anspringt. Bis zur erfolgreichen Ejakulation dauert es in der Regel nur fünf bis zehn Minuten – ein Quickie halt. Natürlich gibt es Tage, da ist selbst Raldi etwas lahm in den Lenden. „Er ist halt sensibel – so sind sie, die Männer“, zeigt Wolf schmunzelnd Verständnis.
Raldis Spermaqualität hat trotz seines Alters nicht gelitten, ist jedoch etwas schwankend, berichtet Dengg. Noch ist der Stier jedoch in der Regel gerne bereit, seinen Samen zu spenden. 18 Millionen lebensfähige Spermazellen werden in einem Röhrchen gesammelt, in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad in einer Samenbank eingelagert – und von Rottmoos aus auf Anfrage in zahlreiche Länder Europas und Südamerikas verschickt.
Nach jedem erfolgreichen Sprung gibt es für Raldi eine Belohnung: eine Extra-Portion zu fressen. Auch sonst wird der Alt-Star der Besamungsstation verwöhnt: Sein Stall ist eine Wellnessoase: große Box, frische Luft, gutes Essen, Stroh zum Spielen, damit ihm nicht langweilig wird, Bürstenmassage zur Entspannung und Sozialkontakte zu den tierischen Kollegen, die nur durch ein Gitter getrennt nebenan wohnen. Kein Wunder, dass sich Raldi in Rottmoos sauwohl fühlt.
Stellt sich nur die Frage, ob der Stier eigentlich ein armer Hund ist, weil er sein Leben lang nur „Sex“ mit einem Phantom haben wird. Nein, ist Wolf überzeugt, der 1,80 Meter hohe Raldi kenne es nicht anders.
Raldi bekommt übrigens auch sein Gnadenbrot in Rottmoos: Beendet er seine Karriere als Vererber, darf er seinen Lebensabend ganz gemütlich im Stall verbringen, verspricht Dengg.