Rosenheim/Kufstein – „Das Thema Europa ist heiß wie nie, die einen Staaten wollen Sonderrechte, die Briten den Brexit, die Italiener kochen ihr eigens Supperl, in Spanien rumort es. Doch hier bei uns funktioniert die interkommunale Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg bestens“, konstatiert der Bruckmühler Altbürgermeister Franz Heinritzi, der der Euregio Inntal unter anderem von 2008 bis 2011 als Präsident vorstand.
Er und der amtierende Präsident, Gründungsmitglied Professor Walter Mayr aus Kufstein, sind denn auch überzeugt: „Europa kann nur von unten nach oben zusammenwachsen. Dazu braucht es ein starkes Fundament. So wie es die Euregio-Vereinigungen darstellen.“
Rund 80 Städte und Gemeinden arbeiten heute in der Euregio Inntal-Chiemsee-Kaisergebirge-Mangfalltal zusammen. Sie stellen Querverbindungen her, bringen neue Dinge auf den Weg und stellen die Weichen für eine gemeinsame Zukunft. „Und das ohne großen Verwaltungsaufwand und ohne langwierige Einschaltung von Regierungsstellen“, betonen Heinritzi und Professor Mayr, im Gespräch mit unserer Zeitung nicht ohne Stolz. Alle Funktionäre und Mitglieder engagierten sich hier ausschließlich ehrenamtlich.
1998 war die Euregio angetreten als Informations- und Beratungsplattform in der Region in Bezug auf grenzüberschreitende Fragen, Probleme und Sachverhalte. „Wir arbeiten für den europäischen Einigungsprozess auf regionaler Ebene und versuchen, möglichst viele Menschen für das ,Projekt Europa‘ zu begeistern“, so Heinritzi und Professor Mayr.
Das sei in den vergangenen 20 Jahren vielfach gelungen, die Beispiele sind mannigfaltig. Vor allem im kulturellen, aber auch im technologischen Bereich. So erinnern die beiden an ein prämiertes grenzüberschreitendes Robotik-Projekt an der Johann-Rieder-Realschule Rosenheim und der Kufsteiner Fachberufsschule für Wirtschaft und Technik. Überhaupt an Schulen ist man viel mit Messen und Kooperationsprojekten beidseits der Grenze unterwegs.
Unvergessen für Heinritzi und Professort Mayr auch eine Rockoper im Rosenheimer Lokschuppen, die live auf die Festung in Kufstein übertragen wurde. Um dies zu bewerkstelligen, habe man im Technik- und IT-Bereich ebenso zusammengearbeitet wie beim Hochwasser 2013, als die Tiroler Feuerwehr die damals noch „analogen“ Kameraden im Mangfalltal mit digitalem Funk unterstützt hat.
Prägend in der Grenzregion ist ein Thema natürlich besonders: der Verkehr. Bei mehr als einem Gipfeltreffen wurden Euregio-Vertreter hinzugerufen. Auch wenn sie sagen, „die Entscheidungen fallen woanders“, so sei es doch enorm wichtig, im Dialog zu bleiben. Denn: „Je eher wir über Entwicklungen Bescheid wissen, umso eher können wir etwas bewirken.“
So ist man seit vielen Jahren bereits mit dem Thema Brenner-Nordzulauf befasst, sieht sich als Moderator, organisiert Fahrten nach Österreich und Italien, informiert. Eine eigene Verkehrskonferenz gab es auch, bei der unter anderem das Thema Maut auf dem Autobahnstück von Kiefersfelden bis zur Autobahnausfahrt Kufstein Nord auf der Agenda stand. Doch musste man feststellen: „Hier ist die österreichische Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft knallhart.“
Jedoch habe man in 20 Jahren Euregio Inntal viel erreicht. Als „unterste Ebene der EU“ bescheinigen Heinritzi und Professor May der Vereinigung „eine vorbildhafte Zusammenarbeit auf sehr guter nachbarschaftlicher und freundschaftlicher Basis“ – so, wie man es sich nicht nur zwischen Österreich und Deutschland, sondern europaweit wünschen würde.
Auch weiterhin will man die Kontakte zwischen Tiroler und bayerischen Behörden, Hochschulen, Kulturträgern, sozialen Einrichtungen, Tourismusverantwortlichen oder Hagelabwehr festigen und intensivieren. Hinzu kommen Workshops zu Themen wie Barrierefreiheit, Asyl und Arbeit, Pflege zu Hause oder Förderwesen.
Das Motto, das der Kufsteiner Bezirkshauptmann Dr. Walter Philipp bei der Gründung 1998 geprägt hat, gilt für die Euregio-Mitglieder bis heute: „Wir dürfen an den Landesgrenzen nicht die Scheuklappen herunterlassen.“