Söchtenau – Gangschaltung, Scheibenbremsen oder gar ein Elektromotor sind beim Radlerverein Söchtenau absolut tabu. Schließlich wollen dessen Mitglieder nicht möglichst rasch und bequem ans Ziel kommen. Vielmehr geht es darum, an die frühen Zeiten des Radfahrens zu erinnern. Und damals, im 19. Jahrhundert, waren keine sportlichen Höchstleistungen mit Temporausch gefragt.
Als erstes „richtiges“ Fahrrad gilt eine Konstruktion mit zwei gleich großen Rädern und Kettenantrieb, das der Engländer John Kemp Starley 1885 entwickelte und unter der Bezeichnung „Rover Safety Bicycle“ auf den Markt brachte. Ein durchschlagender Erfolg in einer zunehmend mobilen Welt: Schon nach wenigen Jahren gab es so viele Radfahrer, dass Radvereine gegründet wurden, um die Interessen der Velo-Enthusiasten zu vertreten und den zunehmenden Radverkehr zu regeln.
Radfahrkarte nur
nach Fahrtraining
Nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land war man immer öfter mit dem Drahtesel unterwegs. Die Radfahrer östlich von Rosenheim schlossen sich 1894 zum „Velociped-Club Simsgau-Söchtenau“ zusammen. In den ersten Jahren wurden aber nicht nur Ausfahrten organisiert, der Verein hatte auch hohe Bedeutung im Hinblick auf die Sicherheit: Radeln durfte nur, wer beim Velociped-Club geübt und danach eine Radfahrkarte ausgestellt bekommen hatte. Zudem gab der Verein Nummern aus, die am Rad angebracht werden mussten.
Derartige Aufgaben übernimmt der Radverein Söchtenau freilich schon längst nicht mehr. „Heutzutage steht im Vordergrund, alte Fahrräder zu erhalten und eine zünftige Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu haben“, sagt Carina Forstner, die Schriftführerin des Vereins.
Traditionspflege
als Familiensache
Zusammen mit ihrem Bruder Maximilian, der Erster Vorsitzender ist, setzt sie die Familientradition fort. „Wir sind schon als Kinder in den Radlverein hineingewachsen, unsere Eltern hatten uns bei den Aktivitäten immer mit dabei“, berichtet die 27-Jährige.
Mehr als 340 Mitglieder hat der Verein aktuell, der älteste Radler ist mit 85 Jahren Ehrenvorstand Josef Schmidmayer. Er war es auch, der 1975 das Radlerfest auf der Haynger Steige ins Leben rief, das seither fast ohne Ausnahme in jedem Jahr gefeiert wurde.
Hin und wieder unternehmen die Vereinsmitglieder auch gemeinsame Ausfahrten rund um Söchtenau. Aber wie gesagt, dabei geht es nicht um den sportlichen Aspekt, sondern um entspannte Geselligkeit und gemeinsame Freizeitgestaltung in der Natur.
Schwierige Suche nach Ersatzteilen
Vor dem Radeln steht aber oft genug das Schrauben und Putzen, schließlich müssen die alten Fahrräder sorgsam gepflegt und gewartet werden. Das mit den Ersatzteilen sei dabei so eine Sache, räumt Forstner ein. „Unsere Rettung ist dabei oft der Radl-Sepp am Schloßberg, der ist ein echter Sammler und Tüftler. Ohne den wären wir manchmal aufgeschmissen.“
Wenn man Mitglied im Verein werden will, muss man jedoch kein passionierter Bastler sein. „Wir freuen uns über jeden, der unseren Verein unterstützt und bei den organisatorischen Aufgaben hilft“, so Forstner.
18 Vereine beim Blumenkorso dabei
Genau dieser Einsatz ist bei den Feierlichkeiten zum 125-jährigen Bestehen des Vereins gefragt. Los geht es am Mittwoch, 19. Juni, um 18.30 Uhr mit dem Bieranstich im Festzelt, es spielt die Söchtenauer Blasmusik.
Am Freitag, 21. Juni, steigt ab 19 Uhr das Bier- und Weinfest mit der Band Huraxdax. Nach dem Festgottesdienst am Vormittag des 23. Juni steht ab 14 Uhr der Höhepunkt der Festwoche an: Beim Blumenkorso gibt es viele historische Fahrräder zu bewundern. „Wir erwarten zu dieser besonderen Fahrt 18 befreundete Radfahrvereine“, kündigt Forstner stolz an. Die Preisverleihung für den Korso findet im Anschluss wiederum im Festzelt statt.
Den Abschluss der Festwoche bildet ein Kesselfleischessen am Montag, 24. Juni, ab 18 Uhr mit der Bad Endorfer Musikkapelle.