Höslwang/Bad Endorf/Siegsdorf – Weil der zwölfjährige Georg Jennerwein 1860 miterleben musste, wie sein Stiefvater von Staatsjägern wegen Wilderei erschossen wurde, machte er später, vielleicht aus Rache, aus seiner Wilderei kein Geheimnis. In der Schlierseeer Region war allgemein bekannt, dass Jennerwein wilderte. Er konnte aber nicht überführt werden. Laut Gerichtsakten wurde der Holzknecht Jennerwein am 6. November 1877 von seinem früheren Freund Pföderl, der später Jäger wurde, hinterrücks erschossen. In Wirklichkeit sollen Frauengeschichten zwischen den beiden Männern der tiefere Grund gewesen sein.
Frauengeschichten waren es beim Himmier Anderl aus Siegsdorf, einem kleinen Ort zwischen Bad Endorf, Halfing und Höslwang sicher nicht, als er vom Jager Dettl, 35 Jahre vor Jennerwein, am Christi Himmelfahrtstag, dem 13. Mai 1842, erschossen wurde.
In den Jahrzehnten der Befreiung von der rund 1000-jährigen jagdlichen Vorherrschaft der früheren Grundherren, war es fast schon Pflicht, dass junge Buschen zum Wildern gingen. Die Anerkennung stieg mit dem Erlegen eines schönen Rehbocks, sowohl bei den anderen Burschen, als auch beim anderen Geschlecht.
Verschiedene
Versionen
Die Jagdbögen Höslwang und Hemhof gehörten damals dem Baron Crailsheim aus Amerang. Seinem Jagdaufseher Dettl waren die „Spaziergänger“ mit dem Gewehr ein Dorn im Auge. Er hatte ihnen einen erbitterten Kampf angesagt und als gläubiger Christ sprach er immer von den „zwölf Aposteln“ die er erlegen wollte.
Im Volksmund wurde erzählt, dass er insgesamt elf Wilderer erschossen haben soll und nur noch einen brauchte. Allerdings gibt es keinen Eintrag in irgendwelchen Kirchenbüchern, außer dem vom Himmier Anderl – und von ihm selber.
Im Brand, einem großen Walddreieck zwischen den drei Gemeinden, steht das Marterl, das vom heutigen Himmier-Bauer liebevoll restauriert wurde. Und wie beim Jennerwein gibt es auch ein Lied, das beim Wirt von Almertsham 1946 von den damals schon über 80-jährigen Kleinbauersleuten Lampersberger von Almertsham auf Tonband aufgenommen wurde.
Als es auch der Fanderl Wastl aufnahm, erzählten sie ihm eine andere mündlich überlieferte Version, nach der der Anderl zwar auch hinterrücks erschossen wurde, aber dass der Himmier Anderl nicht ein junger Bursch, sondern ein gestandener Bauer von 64 Jahren war. Außerdem war er Strohschneider, auch im Schloss Hartmannsberg und mit dem dort lebenden Jager befreundet.
Der soll ihn des Öfteren mit den Worten gewarnt haben: „Sei gescheid Anderl, an Woid draußen bin i a andara Mensch“. Da die Kirchenbücher dieser Zeit leider lückenhaft sind, gibt es bezüglich der „Zwölf Apostel“ nur einen Beleg im Sterbebuch der Pfarrei Halfing über den Todestag des Andrä Mair, Himmler von Siegsdorf, es war am Freitag, den 13. Mai 1842, um 4 Uhr früh. Sein Alter von 37 Jahre.
Über die zehn anderen von Dettl angeblich erschossenen Wilderer sind keine näheren Hinweise bekannt. Sollten wirklich noch zehn weiter Wilderer erschossen worden sein, gäbe es diesbezüglich, ebenso wie beim Himmier Anderl, sicher noch mündliche Überlieferungen und Gedenkmarterl. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass die „Zwölf -Apostelgeschichte“ stimmt.
Eine dritte Version ist die mündliche und schriftliche Überlieferung aus Wimpersing bei Höslwang, die Gustl Schachner mitteilte. Er ist eines von 15 Kindern des Wimpersinger-Bauern, der studieren durfte, um Pfarrer zu werden, später aber dann Oberlehrer von Hemhof und Heimatforscher wurde. Die Version weicht ein wenig vom Lied ab. Onkel Gustl erzählte den Kindern die wortgenauen Aussagen seines Großvaters, der 1842 bereits 25 Jahre alt war: „Nach dem Schuss kam Dettl zu uns“ (zum nahen Einödhof Wimpersing) und sogd: Wia i grod so durch an Brand pürsch, do seg i, wia grod a so a Lump a de Boschn drin voschwindt. I reiß glei auf und kracht hots und i glab i hoona kriagt. Geht’s mid und hejfts ma suacha.“
Entsetzen
und Wut
Sie fanden den Toten im Gebüsch. Er war von hinten getroffen. Die erste Totenwache fand mit Fackeln und Laternen im Wald an der Mordstelle statt. Nach den Forschungen Gustl Schachners war der Todestag der 13. Mai richtig, aber es war kein Sonntag, sondern der Freitag vor Pfingsten.
Entsetzen und Wut auf die Obrigkeit schaukelten sich immer mehr hoch und die Wilderei nahm immer mehr zu. Ein Jahr später, am Gründonnerstag 1843, kam die Abrechnung mit dem Jager Dettl. Die Bauern hatten Rache geschworen. An diesem Tag veranstalteten die „Baron-Jager“ eine große Treibjagd auf Wilderer.
Diese wurden seit dem Mord immer dreister und gingen hordenweise, sogar am helllichten Tag, zum Widern. Als die Jäger gegen Sonnering kamen, merkten sie, dass in dem Waldstück vor ihnen gerade etwas im Gange war. Vom Staudinger-Hof war das Geschehen gut einsehbar und das ließen sich die Sonneringer nicht entgehen, wodurch es von dem folgendem Geschehen auch noch viele Zeugen gab.
Die Jäger riegelten das Waldstück ab, indem sie es mit einer Jäger-Kette umstellten. Alles war aufs Höchste gespannt. Da sprang plötzlich ein Mann mit geschwärztem Gesicht aus dem Wald heraus und ehe die Jäger reagieren konnten, schießt er und ist genauso schnell auch wieder verschwunden. Die Jagd war vorbei. Sie brachten den angeschossenen Jäger zum Staudinger hinauf – es war der Dettl! Sie holten gleich den Pfarrer, aber einige Leute sagten: „Der braucht koan Pfarrer mehr, der soid a da Hej unt bro´n“! Am nächsten Tag starb er. Er war am Kopf und Kinn getroffen. Damit war er nach der Überlieferung aus dem Volksmund selber der zwölfte Apostel. Bevor er starb, nannte er noch den Namen des Schützen: „Der Kloa vom Schmied is gwen“. Das stimmte aber nicht, es war der Viktory Seppal, der um dem Gericht zu entgehen, nach Amerika auswanderte.
Das Marterl am ehemaligen Arxt-See
Möglicherweise war der Anderl auch dort beim Schwarzfischen. Damals gab es ihn noch – den Arxt-See. Es war ein flacher See, nicht mal einen Kilometer westlich vom Pelhamer See entfernt, aber etwas höher gelegen. Über einen geschlängelten Wiesenbach lief er zum Pelhame See hinab. Der Wimpersinger-Großvater hat darin noch mit dem Einbaum gefischt.
Während des Ersten Weltkriegs begradigten russische Kriegsgefangene den Bach. Seither heißt der ehemalige Bach „Russengrom“. Erst 1933 wurde im Zuge der Landgewinnung, für die Ernährung des deutschen Volkes, ein Durchbruch gegraben. Der See lief über den „Russengrom“ ab.
An seiner damals tiefsten Stelle gibt es heute noch ein paar Wasserlöcher. Ganz in der Nähe des ehemaligen Sees steht heute das Marterl. Auf einer Feldstraße zwischen Theisenham und Rankham, am ehemaligen Südufer des Sees, geht es nach einigen hundert Metern nach links. Erst überquert man den Damm, unter dem heute durch ein Betonrohr der „Russengrom“ fließt, und mitten im Wald steht das Marterl vom Himmier Anderl.