Riedering – Tradition der offenen Art – anders ist sie nicht denkbar für ihn, denn bei Sepp Staber gehört zur Tradition die Offenheit. Ob als Lehrer für die Zimmerer-Ausbildung oder beim Auftritt seiner Musikanten beim BR-Heimatsound. Zuerst war der Sepp noch skeptisch – passen wir wirklich auf dieses junge Festival? – doch die Veranstalter aus Oberammergau ließen nicht locker. Der Auftritt der „Jungen Riederinger Musikanten“ von 2017 ist inzwischen Legende, trotz der Vorwarnung vom Staber Sepp an das Publikum, dass sie jetzt eindeutig traditionelle Blasmusik spielen. Falsch war das nicht, aber wer sich das Video im Netz anhört, ist dann doch verblüfft: „Lasset uns das Leben genießen!“ – so der Titel eines rund 100 Jahre alten, nicht gerade bayerischen Trinkliedes, schmissig bearbeitet für eine fünfzehnköpfige Blasmusik und dialektfrei im Chor gesungen!
Wie gesagt, Tradition der offenen Art. Schon bei der ersten Strophe ging das junge Publikum mit, nach der dritten sang es lauthals den Refrain. „Wir waren danach wie in einem Bühnenrausch!“, erinnert sich der Sepp heute an den Riesenerfolg.
Wenn etwas „passt“, ist der Sepp zufrieden, dann hat er ein Ziel erreicht. Im Gespräch wird aber rasch klar, dass der 40-jährige Berufsschullehrer aus Riedering bei sich und anderen dafür eine gute Portion Offenheit voraussetzt. Für ihn ist Offenheit eine Art Lebens- und Grundeinstellung, bei allem, was er so treibt – und das ist nicht wenig.
Musikant und
Zimmerermeister
Seit 25 Jahren sorgt er sich, nur so als Beispiel, um die „Jungen Riederinger Musikanten“, doch als ihr Chef fühlt er sich trotzdem nicht. Hierarchie im traditionellen Sinn findet nicht statt, lieber diskutieren die 15 Musikanten und Freunde, vier davon im Dirndl, über musikalische Fragen und ob das gerade entdeckte traditionelle Stück so echt ist, dass es zu ihnen passt. Dinge wie eine uniforme Kleiderordnung interessieren dagegen kaum, da sind alle frei, und so ist auch ihre offene Optik um vieles schmucker als manche traditionelle Tracht. Mit der Hierarchie ist das in Sepps Hauptberuf ein wenig anders.
Als Zimmerer-Meister, ein Beruf, der seine Tradition quasi aus biblischen Zeiten herleitet, gibt er in der Bad Aiblinger Berufsschule sein Wissen an junge Leute weiter. Offiziell als „Fachlehrer für Bautechnik“, und Lehrer ist er gerne! Dabei sind es nicht wenige, die heute unbedingt Zimmerer werden wollen. Als er vor zehn Jahren anfing, waren es vierzig, mittlerweile bereits über sechzig. Den Grund für diese Entwicklung kann er nicht so genau erklären, vielleicht ist es die Mischung aus dem traditionellen Werkstoff Holz und den modernen Hightech-Werkzeugen, die junge Leute so anzieht.
Was den Sepp dabei anzieht, formuliert er so: „Mit jungen Leuten arbeiten hat mir immer schon getaugt!“ Und dann erzählt er, wie wichtig er und seine Kollegen es finden, nicht nur die Dinge aus dem Lehrbuch, sondern, wie er es formuliert, „den Burschen auch aus der eigenen Erfahrung etwas mitzugeben!
Die modernen Maschinen übernehmen zwar heute sehr viel, doch die Balken am Dachstuhl oder auch Schindeln korrekt hinlegen, „das schafft noch keine Maschine!“.
In Kanada
und in Indien
Für seine „Burschen“, manche kommen mit 15 zu ihm in die Klasse, ist der Sepp so etwas wie ein Vertrauensmann, die meisten haben seine Handynummer. Zwei Ehemalige haben ihm gerade von ihrer Zimmerer-Arbeit in Kanada einen achtseitigen Brief geschrieben, handschriftlich! Darin bedanken sie sich für alles, was ihnen in Bad Aibling nebenher beigebracht wurde, und wie stolz sie sind auf alles, was sie schon geschafft haben. In Kanada war der Sepp nur ganz kurz, und als Zimmermann auf der Walz war er auch nicht, trotzdem hat er einiges gesehen von der Welt. Mit seinen Musikanten war er bereits in Brasilien und Christian Stückl vom Münchner Volkstheater hat sie eingeladen, mit ihm Indien zu besuchen. Wo immer sie waren, haben sie aufgespielt, dabei viele Eindrücke mitgenommen, aber als Gast auch etwas dagelassen. Vom modernen Ferntourismus hält er wenig, Weltreisen als Status-Wettlauf bringen nichts weiter als einen touristischen Tunnelblick, meint er, „und das nur, weil sie einem beim Discounter Billigreisen nachwerfen, die das Klima verhauen“.
Da reist er lieber mit Christian Stückl regelmäßig ins Jenseits, dort darf er mit seinen Musikanten beim Petrus aufspielen, wenn im Münchner Volkstheater der Brandner Kaspar am Ende doch noch in die himmlischen Gefilde einzieht.
Auch die Neugierde auf fremde Menschen gehört für den Staber Sepp zur Offenheit. Das sah er an seinen Kindern, als irgendwann nach 2015 Olat, einer der zwei Riederinger Flüchtlinge, vorbeikam. Der Sepp, gerade beim Rasenmähen und umgeben von spielenden Kindern, begann ein Gespräch mit ihm, auf Englisch.
Zu Hause im
Theaterzelt
Danach konnte er die Neugier seiner vier kaum noch bändigen, die genau wissen wollten, was denn da gesprochen worden war. So unbefangen waren nicht alle in Riedering, auch unter Sepps Freunden, was ihn aber nicht aus der Ruhe bringt: „Sobald ich spann, dass einer blind verbohrt ist, egal in welcher Richtung, sag ich ihm nicht, dass er falsch liegt, sondern nur wie ich es sehe.“ Und dann kommt das Bekenntnis: „Ich bin als erstes Mensch, als zweites Christ – und was hätte denn er gemacht, unser größtes Vorbild?“ Damit meint er die Situation nach dem Sommer des Jahres 2015. Olat hat übrigens nach seiner Asyl-Anerkennung eine Zeit lang im Riederinger Theaterzelt mitgespielt, danach gab er Deutschunterricht für seine Landsleute aus Somalia. Im Riederinger Theaterzelt ist auch Sepp Staber zu Hause. Schon als Kind war er Teil der Truppe um Elfriede Ringsgwandl in ihrem einmaligen Theater. Heute spielen alle seine eigenen Kinder mit, außerdem die gesamte Staber-Großfamilie. Die Theaterchefin und ihre Stücke – legendär: Der Himmegugga – sowie der ausgefallene Schauplatz sind im Chiemgau der Inbegriff von Tradition und Offenheit. Unter den vier Zeltmasten ist Bairisch die Bühnensprache, Sepp Staber spielt mal den bösen Knecht, mal den bunten Hippie. Das Publikum versteht alle Zwischentöne. Weil es halt passt.